Die Macht der Gewohnheit

Essay

Wer träumt nicht von Veränderungen? Wir alle wollen besser, sinnvoller, gesünder, liebevoller, glücklicher leben. Manche schlechten Eigenschaften ablegen und an ihrer Stelle gute, neue anlegen. Wie kommen wir aber dahin? Dr. Steffen Schulte meint: Der Schlüssel dazu sind unsere Gewohnheiten.

40 Prozent unserer täglichen Aktivitäten sind nicht Ergebnisse von Entscheidungen, sondern – so eine Studie der Duke Universität – gesteuert durch unsere Gewohnheiten. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Als sei uns das einprogrammiert worden, putzen wir uns morgens die Zähne oder fahren wie Autopilot gesteuert zur Arbeit. Das ist gut, denn solche Gewohnheiten sind Kraft sparend. Wir müssen dafür keine Willenskraft aufbringen. Wir tun manches, ohne darüber nachzudenken. Zu diesen Aufgaben müssen wir uns nicht aufraffen, wir erledigen sie fast ganz automatisch. Es gibt allerdings unterschiedliche Gewohnheiten, gute und schlechte. Wenn wir unser Leben verbessern wollen, müssen wir uns gute Gewohnheiten antrainieren. Veränderte Gewohnheiten bewirken eine grundsätzliche Veränderung. 

Wovon wir uns gern prägen lassen

James Carr schreibt in seinem Buch „Die 1 Prozent-Methode“, dass minimale Veränderungen maximale Wirkung haben können. Durch kleine Gewohnheiten können wir große Lebensveränderungen erreichen. Steile These? Fangen wir mal mit einem Negativ-Beispiel an: Was ist deine erste Tat am Tag? Laut einer internationalen Studie ist es für 69 Prozent von uns der Griff zum Handy. Bevor wir irgendetwas anderes tun, schauen wir auf unser Handy und - je nachdem was da gerade an Nachrichten aufkommt - werden unsere Gedanken gelenkt. Eine Werbung lenkt mich in den Konsum, E-Mails zu all den anstehenden Aufgaben. Die Bilder auf Instagram verleiten mich dazu, mich mit anderen zu vergleichen. Der Blick auf die aktuellen Nachrichten lässt Sorgen in mir aufkommen. Ein neues YouTube-Video bietet mir die Möglichkeit, mich für ein paar Minuten abzulenken. Natürlich ist das nicht alles verkehrt. Es ist gut, sich zu informieren und die Nachrichten zu lesen, aber das besondere ist, dass es die erste Tat am Tag ist. Das, was wir morgens als Erstes tun, wird als eine Schlüssel¬gewohnheit bezeichnet, weil sie quasi einen ausstrahlenden Effekt auf den gesamten Tagesablauf hat. Aber ist das wirklich so schlimm? Wir glauben der Lüge, dass solche kleinen Taten keinen großen Einfluss auf unser Leben haben. Und einerseits stimmt das sogar. Es macht nichts, wenn ich mir einmal nicht die Zähne putze, wenn ich meine Kinder einmal vertröste oder einmal eine ganze Tafel Schokolade auf einen Schlag verputze. Doch wenn sich das wiederholt, kann es großen Schaden verursachen. So macht es für mich auch einen gravierenden Unterschied, ob ich meinen Tag fast immer mit dem Smartphone beginne oder mit Gebet. 

Wir brauchen nicht viel Willenskraft

Umgekehrt können kleine, aber gute Gewohnheiten einen großen Gewinn bringen. Erfolg entsteht durch die Regelmäßigkeit, diese kleinen Dinge zu praktizieren. Wir glauben oft, dass wir große emotionale Momente brauchen, um uns zu verändern. Wir kommen von einem Kongress zurück und sind voller Elan und Inspiration. „Tschacka-Tschacka: Von heute an leben wir anders“. Genauso ergeht es uns oft an Neujahr. Wir schmieden große Pläne und merken sehr bald, dass sie gar nicht lange halten. 
Um echte Veränderung zu erleben, müssen wir uns weniger auf unsere Willenskraft konzentrieren und mehr auf gute Gewohnheiten. Denn um uns gute Gewohnheiten anzueignen, brauchen wir nur am Anfang Willenskraft. Diese Gewohnheiten müssen dann entwickelt werden, und hierbei sind es die kleinen Schritte, welche zum Erfolg führen. Treppe statt Aufzug. Ein Bibelvers zur Mittagszeit. Den Tag mit einem Dankgebet beenden. Wenn wir diese Verhaltensweisen häufig genug wiederholen, entsteht eine neue Gewohnheit, und diese Gewohnheiten können unser Denken und Fühlen korrigieren. Dies ist keine reine Selbstoptimierung, sondern es geht dabei um unser ganzes Sein. Vor allem aber um unser Herz. 

Gerade glaubensbezogene Gewohnheiten können tiefe Veränderungen ermöglichen. Durch das neue Tun verändert sich unser Herz. Durch Danken werden wir dankbar. Indem wir geben, werden wir großzügig. Dies ist auch logisch. Wer kann dankbarer werden, ohne mehr zu danken? Wer großzügiger werden, ohne mehr zu geben? Wer kann Gott näherkommen, ohne regelmäßig zu beten?

„Wir müssen auf unser Herz, das heißt unser Fühlen und Wollen hören, aber nicht bedenkenlos unseren Gefühlen gehorchen.“

Unser Herz wird neu geeicht

Unser Herz kann der Hand folgen. Wir können uns für etwas entscheiden, auch wenn wir uns nicht danach fühlen. Wir sagen zwar oft „Ich muss meinem Herzen/meinen Gefühlen/… folgen“ und das klingt auch schön, aber es ist eigentlich die Diktatur der Gefühle. Wir müssen auf unser Herz, das heißt, unser Fühlen und Wollen hören, aber nicht bedenkenlos unseren Gefühlen gehorchen. Durch neue Gewohnheiten können wir unser Herz korrigieren und neu eichen. Dabei sind es die kleinen bewussten Taten, welche den großen Unterschied machen. Wir eichen unser Herz durch unsere Gewohnheiten und wenn wir es nicht selbst bewusst tun, dann tun es andere. Durch unsere (Medien-) Konsumgewohnheiten wird unser Herz auch geeicht. Schlimmstenfalls entsteht dadurch eine falsche Anbetung – ein Götzendienst. Netflix, Instagram und Co. suggerieren mir, ich müsse immer unterhalten werden. Ich darf keine Stille haben. Mein Smartphone symbolisiert mir: Ich bin wichtig. Ich muss immer ansprechbar sein. Ich muss immer erreichbar sein. Ich darf nichts verpassen. Die Werbung sagt uns: Kaufen ist unsere Erlösung. Wenn ich mehr habe oder Neues habe, dann werde ich glücklich sein. Das Konsumevangelium sagt ich bin "gebrochen", mir fehlt etwas, also shoppe ich. Die Werbung vermittelt Erfolg, Genuss, Glück. Und dem gegenüber steht der gebrochene Mensch. In den sozialen Medien sehe ich glückliche Menschen, glückliche Paare und Familien, dem gegenüber steht mein trister Alltag. All das eicht auch unser Herz. Und dann lassen wir uns dazu verleiten zu meinen, dass wir durch Kaufen unsere Traurigkeit unterdrücken könnten. Dies ist alles so verführerisch, weil es so einfach ist. Es ist halt einfacher, sich etwas zu kaufen, als sich hinzusetzen und sich mit der tatsächlichen Quelle seiner Traurigkeit auseinanderzusetzen. 

Erfolgreiches geistliches Wachstum ist ein Prozess, der Kontinuität braucht. Wir achten bewusst darauf, dass Gott uns prägt. In Römer 12,2a schreibt Paulus daher: „Richtet euch nicht länger nach den Maßstäben dieser Welt, sondern lernt, in einer neuen Weise zu denken, damit ihr verändert werdet.“ Nur, wer seine Gewohnheiten kennt, kann sie für sich nutzen. Kleine Schritte, können einen großen Unterschied bewirken. Mein Tipp: Beginnen oder beenden Sie den Tag, indem Sie Gott für eine Sache danken. Und damit es nicht zu einfach ist: überlegen Sie sich jeden Tag etwas Neues. Glauben Sie mir, es wird eine ausstrahlende Wirkung auf den Tag haben.

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