Gottesbegegnung

Kolumne

Wenn das, was eigentlich alle für normal halten würden, durch etwas außer Kraft gesetzt wird, was man sich kaum vorstellen kann, dann könnte es sein, dass Gott am Werk ist. Dass er Menschen auf eine Art begegnet, die es in sich hat. Sisay kann davon ein Lied singen. Uwe Heimowski hat ihn am Horn von Afrika getroffen und – sagen wir mal – sich gewundert.

Im Februar führte mich eine Dienstreise nach Äthiopien. Dort traf ich Sisay, einen Mann, der von Geburt an blind ist. Er erzählte mir von einer eindrücklichen Begegnung mit Gott. Sisay stammt aus einer traditionell äthiopischorthodoxen Familie, hatte aber keinen persönlichen Bezug zum Glauben. Als er 16 Jahre alt ist, wird er in die Jugendgruppe einer Pfingstkirche eingeladen. Kurz darauf besucht ein Heilungsevangelist die Gemeinde und predigt darüber, dass Jesus mehrmals einen Blinden geheilt habe und das auch heute noch tun könne. Nach der Predigt bot der Prediger an, mit Kranken um Heilung zu beten. 

So, wie du bist 

„Wenn Jesus wirklich Blinde geheilt hat, warum sollte er das nicht bei mir tun“, sagt sich Sisay und stellt sich in die Schlange der Menschen, die dem Aufruf folgen. Nichts wünscht er sich mehr, als sehen zu können. „Und während ich dort wartete, hatte ich eine Gottesbegegnung.“ Sisay unterbricht sich kurz, auch mehr als zwanzig Jahre nach dieser Erfahrung spürt man, wie bewegt er ist. Er fährt fort: „Ich habe gespürt, dass Gott mit mir spricht. Er hat sagt: ‚Sisay, ich habe dich so geschaffen, wie du bist. Deine Blindheit ist keine Krankheit. Sie ist deine Identität, deine Begabung und deine Berufung.‘“ Als er vor dem Evangelisten steht, bittet Sisay den erstaunten Mann, ihn für seinen Lebensweg als Blinder zu segnen. 

Sisays weiterer Lebensweg ist erstaunlich. Er macht seinen Abschluss an einer Missionsschule für Blinde und studiert anschließend Geschichte. Zwölf Jahre unterrichtet er als Lehrer an einer weiterführenden Schule. Parallel macht er einen Master in Theologie. Er heiratet und hat zwei gesunde Kinder. Immer wieder wird Sisay zu Rate gezogen, wenn es in Schulen Fragen zum Thema Behinderung gibt. Er spricht bei Konferenzen mit verschiedenen staatlichen und nichtstaatlichen Organisationen über Möglichkeiten der Inklusion und macht sich einen Namen als Experte in diesem Bereich. Als die Regierung mit internationaler Unterstützung ein Förderprogramm aufsetzt, in dem es um Partizipation von Menschen mit Behinderungen geht, wird er angefragt, ob er dieses leiten möchte. Sisay sagt zu. „Flourishing with disabilities“ heißt das Programm, „Aufblühen mit Behinderungen“. 

In den nächsten Jahren besucht er Schulen, Kirchgemeinden, Behörden und berät sie zu Fragen wie Behinderten-WCs, Türgrößen, nichtvisuellen Lehrmitteln, digitalen Zugängen für Menschen mit Behinderungen und vielem mehr. Tearfund Äthiopien ist eine der durchführenden Organisationen. Bei einem Projektbesuch in Addis Abeba lernen wir uns kennen und dort erzählt er mir seine bewegende Geschichte. „Gott hat in diesen Jahren immer wieder bestätigt, dass meine Blindheit meine Begabung ist, durch die ich anderen Menschen helfen kann.“

„Gott hat in diesen Jahren immer wieder bestätigt, dass meine Blindheit meine Begabung ist, durch die ich anderen Menschen helfen kann.“

Was steckt dahinter? 

Mich hat dieses Erlebnis gleich doppelt fasziniert: Erstens, weil es jedes Klischee durchbricht. Es brauchte einen Heilungsevangelisten, damit Gott Sisay als blindem Menschen begegnen konnte – ohne ihn körperlich zu heilen. Und zweitens, weil es eine so eindrückliche Gottesbegegnung ist. 

Gottesbegegnung, an diesem Begriff blieb ich gedanklich hängen. Abends hatte ich etwas Zeit in meinem Hotelzimmer, klappte meinen Laptop auf, und gab das Wort bei Google ein. Ich tippte die Buchstaben: Gottes … – weiter kam ich nicht, als die Autovervollständigung übernahm und mir einen Vorschlag machte: Gottes – leugnung las ich. Ich war etwas irritiert, und kam ins Nachdenken. Wie kommt es wohl, fragte ich mich, dass der Algorithmus Gottesleugnung kennt, aber mit Gottesbegegnung nichts anfangen kann? Ist der Begriff an sich nicht bekannt und kann deshalb natürlich auch nicht angezeigt werden? Wird Gottesleugnung einfach häufiger benutzt und mir deswegen aus rein empirischen Gründen vorgeschlagen? Oder steckt dahinter vielleicht sogar ein kirchenkritischer Programmierer, der Begriffe wie Gottesbegegnung löscht, wenn sie ihm unterkommen? Lassen wir da lieber die Kirche im Dorf, bevor ich hier versehentlich irgendwelche Verschwörungstheorien verbreite. Aber mancher Wikipedia Eintrag, oder das ein oder andere KIProdukt, lassen mich schon manchmal stutzen, angesichts der Unkenntnis oder Verzerrung beim Thema Gott und Glaube. 

Vor allem glaubwürdig 

Egal. Warum die Autovervollständigung so reagiert hat, wie sie reagiert hat, lässt sich wohl nicht klären. Es ist an dieser Stelle auch nicht so wichtig. Was mich als Christ vielmehr umtreibt, ist ja nicht die Frage nach einer Vokabel oder den Funktionsweisen einer Suchmaschine, sondern die Frage nach Gott selbst – und danach, wie die Menschen, die bisher leugnen, dass es einen Gott gibt, ihm trotzdem begegnen können. Bei Sisay begann es mit der Einladung zu einem Gottesdienst – und dort hatte er die eindrückliche Erfahrung mit der Stimme Gottes, die ihn angesprochen und ihm zugesagt hat, dass er vor Gott genau richtig ist. Es ist mein Gebet, dass viele Menschen sich einladen lassen, und dann genau diese Stimme hören: Du bist mein geliebtes Kind, ich warte auf dich. Das kann ihnen nur der Heilige Geist persönlich einflüstern. Nicht selten geschieht das aber genau dann, und davon bin ich zutiefst überzeugt, wenn Menschen authentische, glaubwürdige Zeugnisse von anderen hören. Gott finden wir nicht per Algorithmus. Aber wir finden ihn, wenn es Menschen gibt, die offen und ehrlich davon sprechen, wie sie Gott begegnet sind.