Durcheinander
Inspiration
Es ist die Frage, wohin man schaut, meint Tomas Sjödin, und worauf wir achten. Und er meint auch, es wäre nicht schlecht, die kleinen Dinge des Lebens den Großen gegenüberzustellen. Das, woran man sich freut, dem, worüber man verzweifelt. Diese Erkenntnis ist zwar nicht neu, aber deshalb so wichtig zu erwähnen, weil viele sie immer noch nicht verinnerlicht haben.
Dies ist eine Huldigung an die Schöpfung. Ich bezeichne ganz bewusst den Weltraum, unseren Planeten, die Natur, die Tiere und den Menschen als Schöpfung – als die Schöpfung. Die Worte sind hier sehr wichtig, sie drücken ein Glaubensbekenntnis aus, aber auch die Rücksicht gegenüber allem, was den kleinen Menschen umgibt. Das Staunen muss bewahrt werden.
Kaffeeduft und frische Tulpen
Jeden Morgen wachen wir auf in einer Welt, die wir nicht selbst erschaffen haben. Eine Welt, die so sinnreich konstruiert ist, dass man eigentlich eine Weile damit verbringen sollte, einfach zu staunen. Staunen über die messerscharfe Zeichnung auf dem Federkleid des Spechtes, der jeden Morgen zu dem kleinen Futterhäuschen vor unserem Küchenfenster kommt und eigentlich viel zu groß ist für ein so kleines Restaurant. Staunen über die Sonne, wie sie aufgeht und alles bunt macht, über den weichen Waldboden unter den Füßen, über den Kaffeeduft, der die Küche erfüllt, oder über den Anblick eines schlafenden Ehepartners, eines gerade erwachten Kindes oder eines Freundes, den man lange nicht gesehen hat. Staunen über das knarrende Geräusch unter den Schuhen, wenn man an einem eiskalten Februarmorgen von der Haustür zum Briefkasten geht, um die Zeitung hereinzuholen, oder über das sachte Rascheln der Blätter der ersten Tulpen, wenn wir sie ins Haus holen, irgendwann Mitte April.
Das ist alles gut durchdacht
Zu selten und zu kurz innezuhalten, birgt die Gefahr, das Wunderbare im Leben nicht mehr wahrzunehmen. Das meiste wird selbstverständlich und schrumpft zu etwas Kleinem mit niedrigem Wert. Wir verlieren das Staunen. Aber die Schöpfung ist nichts, das einmal vor langer Zeit geschah und seitdem nie mehr. Ich glaube, dass sie ständig weitergeht und sich das ganze menschliche Leben mitten in einem kreativen Schöpfungswunder befindet, zu dem wir alle dazugehören. Es ist doch auffällig, wie rhythmisch der ganze Schöpfungsprozess ist. Das Leben taucht nicht auf wie ein Schwall Wasser, bei dem Eichhörnchen und Walfische auf einmal wild durcheinanderpurzeln. Es geschieht alles in klar voneinander abgegrenzten Schöpfungstagen, in einem festen Rhythmus, den das erste Buch Mose wie in einem Refrain so beschreibt: „Und es wurde Abend, und es wurde Morgen: ein Tag.“
„Zu selten innezuhalten, birgt die Gefahr, das Wunderbare im Leben nicht mehr wahrzunehmen. Wir verlieren das Staunen.“
Wir haben viel zu gewinnen
Und ein zweiter Tag, und ein dritter Tag. Und in dem Menschen, der am sechsten Tag zu einem Teil der Schöpfung wurde, pumpt ein sehr rhythmisch arbeitendes Herz das Blut durch ein inneres Kreislaufsystem. Das hört man, wenn man ganz still ist. „Der Mensch ist nicht für das Chaos erschaffen worden“, sagte mein Freund Martin Lännebo, als wir einmal zusammensaßen und uns über Geräusche und Stille unterhielten und er den Bibeltext auslegte, wie unser Planet am Anfang vom Durcheinander zur Ordnung überging, von sinnlosem Getöse zu Harmonie. Martin ist inzwischen schon heimgegangen und wartet auf die große Wiederherstellung, aber dieses Gespräch werde ich nie vergessen. Ich glaube, wir haben so viel zu gewinnen, wenn wir mehr im Einklang mit der Schöpfung leben; wenn wir aufhören, Chaos, Lärm und Dissonanz zu schaffen, und stattdessen auf den Rhythmus lauschen; die Stille suchen und mehr im Zusammenspiel von Licht und Dunkel leben.
Und wenn wir aktiv angehen gegen alles, was das Leben der Menschen hässlich und kaputt macht, zerrüttet und zerreißt. Kurz: Auf zum Kampf gegen alles, was uns zurück ins Durcheinander führt, mit gespitzten Ohren für den Klang des Lebens!
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