Die schöne lange Bank
Persönlich
Prokrastination. Was beinahe wie eine schlimme Krankheit klingt, ist heute fast so etwas wie das Wort des Jahres. Was es damit auf sich hat, wie es den Alltag eines aufrichtigen Mannes beeinflusst, zu welchen Aktionen und Reaktionen es führt und was am Ende auch noch Gott damit zu tun hat, erklärt Ben Nimmo aus ganz ureigener Betroffenheit.
Da sitzt ein cooler älterer Typ in einer Talkrunde und redet offen von seinen Misserfolgen. Ihm wurde zu Schulzeiten suggeriert, er sei hochintelligent, und aus ihm würde nochmal richtig was werden. Die Realität in seinem Leben sah aber anders aus. Er hatte sechs Firmen gegründet, die allesamt gescheitert waren. Fünf Bücher geschrieben, die gefloppt hatten. Unzählige geniale Ideen gehabt, die ihn zum Millionär hätten machen sollen – umgesetzt hat er keine davon. „Doch bei dir kann es alles anders sein“, sagt er „ich habe diese App entdeckt, dass auch du …“
Ich bin nicht faul
„Mist!“, denke ich mir. „Schon wieder einem gesponserten Insta-Reel auf den Leim gegangen.“ Ich scrolle weiter und weiß: Ich brauche keine weitere App. Ich brauche ein Heilmittel gegen meinen inneren, prokrastinatorischen Schweinehund. Ja. Ich verschiebe eine Aufgabe so lange auf übermorgen, bis sie spätestens gestern hätte erledigt sein müssen. Bin ich stolz darauf? Nein. Dieser Artikel hätte schon freitags in der Redaktion sein sollen, und es ist jetzt Sonntagabend, kurz nach neun. Typisch.
Nein, ich bin nicht faul. Aber ich bin ziemlich ungeordnet. Und Unordnung kostet mehr Kraft, als man denkt. Bestimmte administrative Aufgaben schiebe ich liebend gerne auf die lange Bank. Ich muss zum Beispiel dringend Belege bei meiner Mission einreichen, damit ich Arbeitskosten erstattet bekomme. Ich muss ein bisschen meine E-Mails sortieren (ähm, eigentlich muss ich sie ja bearbeiten und erledigen, aber sortieren wäre doch schon mal ein Anfang …). Ich muss Termine für das Jahr in meinen Kalender eintragen und obendrein dringend unsere Garage aufräumen. Außerdem muss ich einen Reifen wechseln (ich bin letzte Woche über einen Nagel gefahren und nutze seitdem das Ersatzrad).
Normaler Wahnsinn
Wem die lange Bank das liebste Möbelstück ist, der weiß, wovon ich rede. Auf diese Weise ist mein Alltag immer auch mit Stress benebelt. Das nagt an meinem Gewissen, weil mir klar ist: Am Ende der langen Bank fallen die Dinge herunter und dann geht was kaputt. Irgendwann holt es mich ein. Wenn ich die Belege nicht einreiche, kriegen wir unsere Kosten nicht erstattet. Und wenn ich die Kosten nicht erstattet bekomme, werden die Daueraufträge von unserem Konto nicht abgebucht. Und wenn das passiert, werden eine Reihe von Menschen ungeduldig. So einfach ist das. Meine chronische Prokrastination hat wirklich viel Leiden ausgelöst. Eines Tages stand ich mit Frau und Kindern am Flughafen, um zurück nach Südafrika zu fliegen. Freunde und Familie waren gekommen, um sich unter Tränen von uns zu verabschieden, als ich feststellte: „Oh Mist, mein Reisepass ist abgelaufen!“ Nun, da kann man als nicht Betroffener natürlich drüber lachen (das haben wir dann irgendwann auch), aber sowas kostet Zeit, Nerven, Geld – und es verursacht bei allen Beteiligten einen gewissen Vertrauensverlust. Das war unnötig. Und Gott, was denkt der?
„Das nagt an meinem Gewissen, weil mir klar ist: Am Ende der langen Bank fallen die Dinge herunter und dann geht was kaputt.“
Das Problem erkennen
Gott räumt mein Leben auf, indem er meine Unzulänglichkeiten ans Licht bringt (Psalm 139,23–24). Als Kind hatte ich mich schnell an die Rolle des liebenswerten Tollpatsches gewöhnt. Der Ben halt wieder. Später war ich für meine Freunde der verrückte Künstler. Beides sind Schubläden, die Ausreden erlauben. Gott aber hilft mir, der Wahrheit ins Gesicht zu schauen: Ich bin Prokrastinator. Und ich brauche Hilfe.
Gnade annehmen
Gott räumt mein Leben auf, indem er mich liebt und mir jeden Tag mit Gnade begegnet (Klagelieder 3,22–23). Wie gehe ich mit meinem eigenen Versagen und den damit einhergehenden Konsequenzen um? Jesus ist nicht nur für meine vergangenen Fehltritte gestorben, sondern auch für die heutigen und zukünftigen, für die ganz alltäglichen, unscheinbaren Unzulänglichkeiten. Ich bin ohne Frage jeden Tag auf seine Gnade angewiesen. Ich denke an Jona. Jona ist vor Gottes klaren Anweisungen weggerannt. Gott hat ihn eingeholt,
richtig wachgerüttelt und dann eine zweite Chance gegeben. Oder Gideon. Er war passiv, ängstlich und zögerlich. Er forderte wiederholt ein Zeichen und trotzdem ging Gott geduldig mit ihm um und nannte ihn später einen Glaubenshelden.
Beten als Lebensstil
Gott räumt mein Leben auf, indem ich ihm ganz ehrlich im Gebet begegne (Sprüche 16,3). Gott liebt es, wenn ich mit ihm über meine inneren Kämpfe rede. Das muss nicht in einer festgelegten stillen Zeit sein. Das kann in zwei einfachen
Sätzen jetzt in diesem Moment geschehen: „Herr, ich schiebe das vor mir her. Bitte hilf mir, jetzt den nächsten kleinen Schritt zu tun. Amen.“
Gemeinschaft zulassen
Gott räumt mein Leben auf, indem er mich mit Menschen umgibt, die mich lieben und mir zur Seite stehen (Matthäus 18,20). Ich erinnere mich, wie ich in meinen Anfang-20ern über einen längeren Zeitraum vom Alltag so überwältigt war, dass meine Bude immer unordentlicher und chaotischer wurde und ich die Kontrolle über meine To-Do-Liste längst verloren hatte. An einem Samstag besuchte mich ein Freund und ich ging mit ihm durch meine lange Liste von zu erledigenden Aufgaben. Das hat mir enorm geholfen! Er half mir Prioritäten zu setzen und später sogar beim Aufräumen. Danke, lieber Freund! Heute habe ich einen Coach, mit dem ich etwa alle zwei Wochen mein Leben, Empfinden und meine To-do-Liste bespreche und einen Freund, mit dem ich mich wöchentlich zum Gebet treffe. Und was das Aufräumen der Garage angeht: daran erinnert mich ohnehin meine liebe Frau.
Einfach anfangen
Gott räumt mein Leben auf, indem ich den ersten Schritt mache (Lukas 16,10). Mein E-Mail-Eingang hat stand heute 1997 ungelesene E-Mails, eine davon, das weiß ich genau, ist eine unbezahlte Rechnung. Es ist jetzt kurz nach 23:00, und sobald ich diesen Artikel abgeschickt habe, werde ich mich als erstes um diese Rechnung kümmern. Dann gehe ich meine Mails durch, lösche den Spam, verschiebe Wichtiges in die richtigen Ordner und markiere alles als „gelesen“. Dann mache ich eine Liste für morgen früh: Zwischen Kinder-School-Run und Büro werde ich den Reifen wechseln und danach schicke ich einen Batzen Belege per Kurier nach Deutschland. Möge Gottes guter Geist mit mir sein.
Seite teilen: