24. September 2025 | Steffen Schulte
Predigen im Zeitalter der Cancel Culture
Wie Gemeinden Räume für Vergebung, Dialog und Demut schaffen können
Heather J. Henson - Kairos Affiliate Professor | Pastoral Ministries and Preaching
Ein Beitrag aus der Veranstaltungsreihe „Theologie Interaktiv“ des TSR
In einer Zeit, in der gesellschaftliche Debatten zunehmend von Polarisierung, öffentlicher Ausgrenzung und emotionaler Überhitzung geprägt sind, stellt sich für Kirchen und Gemeinden die Frage: Wie gehen wir als Christinnen und Christen mit der sogenannten Cancel Culture um? Dieser Frage widmete sich die Referentin Heather in einem Online-Vortrag im Rahmen der Reihe Theologie Interaktiv des Theologischen Seminars Rheinland (TSR).
Heather arbeitet mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen der Generation Z und kennt die Herausforderungen, die diese kulturellen Dynamiken für die Gemeindearbeit mit sich bringen. Ihr Vortrag verband persönliche Erfahrungen, theologische Reflexion und praktische Impulse für die Predigt und Gemeindeleitung.
Was ist Cancel Culture?
Cancel Culture bezeichnet ein gesellschaftliches Phänomen, bei dem Personen, Organisationen oder Meinungen öffentlich kritisiert, ausgegrenzt oder „abgestraft“ werden – meist aufgrund von als problematisch empfundenen Aussagen oder Handlungen. Ziel ist es oft, Einfluss zu entziehen, Plattformen zu verweigern oder Kooperationen zu beenden. „Wenn etwas nicht unseren Vorstellungen entspricht, reagieren wir oft mit Ablehnung oder Empörung – genau das passiert auch bei Cancel Culture.“
In Europa sehen wir dies in den Debatten über Meinungsfreiheit, Toleranz und gesellschaftliche Grenzen. Besonders in Deutschland wird Cancel Culture oft im Zusammenhang mit der sogenannten „Sprachpolizei“, Genderdebatten oder politischen Positionierungen diskutiert.
Ist Cancel Culture wirklich neu?
Heather machte deutlich, dass Cancel Culture kein neues Phänomen ist. Schon in der Kirchengeschichte gab es Formen der Ausgrenzung – von Exkommunikationen bis zu Boykotten. Neu ist jedoch die Geschwindigkeit und Reichweite, mit der soziale Medien heute Reaktionen verstärken und Eskalationen begünstigen.
Sie zitierte den US-amerikanischen Pastor Tyler McKenzie:
„Wir hassen nicht Cancel Culture. Wir hassen es, gecancelt zu werden.“
Drei kulturelle Irrtümer, die Cancel Culture befeuern
Heather stellte drei „Unwahrheiten“ vor, die laut dem Buch The Cancel Culture Curse unsere Gesellschaft prägen:
- Zerbrechlichkeit – Widerstand ist schädlich, nicht formend.
- Emotionale Logik – Gefühle sind immer verlässlich.
- Wir gegen die – Die Welt ist ein ständiger Kampf zwischen Gruppen.
Diese Narrative fördern Angst, Spaltung und eine Kultur der Unversöhnlichkeit – auch in kirchlichen Kontexten.
Was Gemeinden tun können: Drei Wege zur Gegenkultur
Heather schlug drei konkrete Schritte vor, wie Gemeinden Cancel Culture entgegenwirken können:
- Vergebung statt Zustimmung kultivieren
Gemeinden sollten Räume schaffen, in denen Fehler erlaubt sind und Vergebung gelebt wird. Heather erzählte von einem Vorfall in ihrem Team, bei dem sie selbst um Vergebung bat – ein Akt, der das Gemeinschaftsgefühl nachhaltig stärkte. - Dialogräume schaffen
Statt einseitiger Predigten könnten Gemeinden Gesprächsformate etablieren, in denen auch kontroverse Themen gemeinsam reflektiert werden. Heather schlug vor, Predigten bewusst zu kürzen und Raum für Diskussion zu lassen. - Demut auf der Kanzel
Die Kanzel ist ein Ort der geistlichen Autorität – aber auch der Versuchung zur Machtausübung. Heather rief dazu auf, sich an Jesus zu orientieren, der nicht nur lehrte, sondern auch mit Menschen aß, sprach und lebte.
Wie reagieren, wenn man selbst betroffen ist?
Heather ging auf drei Szenarien ein:
- Wenn die Gemeinde etwas canceln will:
Mit Liebe und Gesprächsbereitschaft reagieren – nicht mit Aggression. - Wenn man selbst gecancelt wird:
Wenn berechtigt: bekennen und um Vergebung bitten. Wenn ungerecht: sich an Jesus halten, der Verfolgung als Teil des Weges beschreibt. - Wenn man jemanden canceln möchte:
Das eigene Herz prüfen und Konflikte nicht über die Kanzel austragen, sondern im persönlichen Gespräch klären.
Fazit: Eine Kultur der Gnade statt der Angst
Heather schloss mit einem eindringlichen Appell: „Perfekte Liebe vertreibt die Angst. Wenn Angst unser Motivator ist, formen wir keine Jünger – wir nähren Unsicherheit.“
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