05. Juli 2012 | Doris Schulte

Die Atmosphäre war unglaublich

Anfang Juli war Doris Schulte als Hauptreferentin zu einer Evangelisationswoche nach Dziegielow/Polen eingeladen. Was sie bei unseren Nachbarn erlebte, was sie beeindruckt und bewegt hat, erzählt sie in folgendem Interview.

Doris, vom 7. bis 15. Juli warst du als Evangelistin in Polen. Wie kam es dazu?

Eingeladen hatte mich das „Centrum für Mission und Evangelisation“ (CME) der Evangelisch-
Lutherischen Kirche in Polen. Es organisiert in ganz Polen Evangelisationen mit internationalem Charakter
unter freiem Himmel und in Zelten mit einem Programm für Kinder, Jugendliche, Erwachsene und Senioren, zu dem täglich bis zu 2.000 Menschen kommen. Mein Mann Wilfried und ich haben den ehemaligen Direktor des
Missionswerkes, Pfarrer Leszek Czyz, vor vielen Jahren bei der Deutschen Evangelisten-Konferenz getroffen und waren in den Jahren danach mehrere Male gemeinsam zu evangelistischen Veranstaltungen in Polen gewesen. Durch diese Zusammenarbeit haben wir uns gut kennengelernt und irgendwann meinte Leszek, ich würde nach Polen passen, denn ich hätte ein slawisches Herz. Da könnte was dran sein, denn mein Vater stammt ja aus Litauen und meine Mutter aus Köslin im heutigen Polen. Und so wurde ich während der Evangelisation gern als Evangelistin mit polnischen Vorfahren vorgestellt. (lacht)

Diese Evangelisation findet mit großem Anklang bereits seit mehr als 60 Jahren statt. Wie erklärst du dir den großen Zuspruch?

Der Ort „Dziegielow“ ist in Polen ein fester Begriff für Evangelisation geworden, wo sich auch viele Pfarrer, Bischöfe und Leiter aus Synoden treffen. Spannend ist, dass das Programm nicht nur abends läuft, sondern eigentlich den ganzen Tag über. Dafür werden von überall her – aus den USA, Kanada, Israel, Deutschland oder Norwegen – Redner zu speziellen Themen für Tagesseminare eingeladen und abends gibt es Konzerte, weshalb die ganze Veranstaltung ein bisschen dem Konzept von „SPRING“ ähnelt, nur eben kleiner. Und für viele ist diese Woche auch einfach ein Wiedersehen mit Christen aus verschiedenen Gemeinden und Kirchen.

Du warst die erste Frau in der Geschichte dieser Veranstaltung, die zum Predigen eingeladen war. Wie waren die Reaktionen?

Überwiegend sehr positiv. Viele haben mich nach den Vorträgen herzlich umarmt und geküsst, sich typisch „slawisch“ auf die Brust geklopft und mir gesagt, meine Botschaft „hätte ihr Herz erreicht“. Aber natürlich gab es
auch jemanden, der überzeugt war, dass der Stromausfall im Zelt und im ganzen Dorf, der durch heftige Gewitter ausgelöst wurde, nur deswegen passiert sei, weil eine Frau gepredigt habe.

Was gefällt dir an Polen und den Menschen dort?

Die Menschen sind sehr herzlich und zugänglich – und großzügige Gastgeber. Man wird sehr schnell mit ihnen warm und führt Gespräche wie mit einer Schwester oder einem Bruder.

Und wie sieht das Publikum aus, das zu solchen Abenden kommt?

Es ist total gemischt. Zuerst dachte ich, ich sei bei einem großen Jugendkongress, weil ich tagsüber so viele junge Menschen auf dem Gelände gesehen habe. Aber die evangelistischen Abendveranstaltungen erreichten die verschiedensten Alters- und Sozialgruppen. Was mich sehr beeindruckt hat ist, wie viele Ärzte, Professoren,
Lehrer, Leiter und Unternehmer sich Urlaub genommen hatten, um zusammen mit ihren Familien die ganze Woche mitzuerleben und zu unterstützen.

Sind in Polen andere Themen aktuell als in Deutschland?

Nein. Die Menschen in Polen kämpfen mit den gleichen Herausforderungen und haben die gleichen Bedürfnisse wie wir – wie alle Menschen. Weil jedoch die meisten Evangelisten in der Vergangenheit eher Geschichten aus dem Neuen Testament gewählt hatten, habe ich mich bewusst für Geschichten des Alten Testaments entschieden. Ich liebe das Alte Testament, denn es ist voller Geschichten über Menschen, mit denen wir uns identifizieren können. Hier werden unverblümt die Probleme dargestellt, mit denen auch wir heute kämpfen – aber auch die hoffnungsvollen Perspektiven, die Gott uns anbietet. Ich habe zum Beispiel über die Verzweiflung von Asaf, Jeremia und Naomi gesprochen und darüber, wie sie eine neue Perspektive von Gott bekamen. Oder über Gottes unglaubliche Liebe zu uns anhand der Geschichten von Hosea und Mose.
Eine Bitte im Vorfeld war, auch ein Thema für junge Familien anzubieten. Und weil wir ja bekanntlich von
den Fehlern anderer lernen können, habe ich über Elis mangelhafte Erziehung und sein Versagen in seiner
Vaterrolle gesprochen.

Gab es Entscheidungen für Jesus?

Ja. Manche haben direkt nach den Abendveranstaltungen das Gespräch gesucht, aber die meisten suchten das Gespräch im Laufe des Tages. Einer der Leiter des CME sagte mir, es habe noch nie so viele Menschen gegeben, die tagsüber so tief gehende Gespräche mit den Seelsorgern geführt hätten.

Welcher Moment hat dich am tiefsten berührt?

An einem Abend sprach ich über Nehemias Gebet in Nehemia 1: Als Nehemia erfuhr, dass es den überlebenden Israeliten, die nicht verschleppt worden waren, sehr schlecht ging und Jerusalems Mauern in Trümmern lagen, war sein Herz gebrochen. Er wusste: Ohne Gottes Hilfe kann diesen Menschen und dieser Stadt nicht geholfen werden. Doch ehe er Gott um Hilfe bittet, sagt er zuerst, wer Gott für ihn ist und was Gott alles kann, und betet: „Ach, Herr, du Gott des Himmels, du großer und Ehrfurcht gebietender Gott!“ Im Englischen sagte ich: „O Lord, my God, how great thou art!“ und fragte die Zuhörer, ob auch sie das von ganzem Herzen sagen könnten. Und dann habe ich mitten in der Predigt das Lied „O Lord, my God, how
great thou art“ einspielen lassen. Die Atmosphäre war unglaublich! Ganz viele Menschen fingen an zu
weinen. Als ich das sah, kamen auch mir die Tränen. Vielen wurde neu bewusst, wie groß Gott ist und wie treu er zu seinem Volk steht.

Und: Wird es eine Fortsetzung geben?

Ja, 2014 werden Wilfried und ich eine Rundreise machen und gemeinsam in verschiedenen Kirchen evangelisieren.

Vielen Dank für das Gespräch.