Wenn’s drauf ankommt
Ratgeber
Keine Ahnung! Das werden vermutlich viele sagen müssen, wenn´s drauf ankommt. Wenn andere nicht nur ein bisschen durchhängen, sondern ernsthaft absacken. Keine Ahnung, wie das geht. Ich weiß nicht, was ich tun kann? Heiko Kienbaum hält das für sehr bedenklich und schreibt über mentale Gesundheit, Warnsignale und erste Hilfe.
Stell dir vor, jemand kollabiert vor dir auf der Straße. Greift sich an die Brust, sackt zusammen. Was tust du? Ich wette, irgendwas in dir meldet sich sofort: Notruf 112. Ansprechen, atmet er noch? Dreißig Mal drücken, zwei Mal beatmen. Du machst weiter, bis der Rettungswagen kommt. Warum weißt du das? Weil du es mal gelernt hast. Führerschein, Betrieb, Samstag-Kurs mit einer Puppe. Und in dir sitzt dieses ruhige, gute Gefühl: Wenn’s drauf ankommt, kann ich helfen. Und dann kam der Moment, in dem ich dieses Gefühl nicht hatte. Eine Bekannte; beeindruckende Persönlichkeit, gebildet, verheiratet, gläubig, dreifache Mutter. Eine Frau, bei der jeder bei der ersten Begegnung denken würde, die hat ihr Leben im Griff. Und trotzdem: Sie stand am Rand. Nicht metaphorisch. Richtig am Rand. Sie wollte nicht mehr leben. Und ich stand daneben. Ich, der vor Jahren mit dem guten Gefühl aus dem Erste-Hilfe-Kurs nach Hause gefahren war. Jetzt kam’s drauf an — und ich wusste nicht, was tun. Nicht aus Gleichgültigkeit, sondern weil ich es nicht gelernt hatte. Was fragt man? Was sagt man besser nicht? Darf man „Suizid“ aussprechen?
Überleg mal
Wie oft hast du erlebt, dass jemand in deinem Umfeld einen Herzstillstand hatte? Bei den meisten von uns gilt: eher selten. Ein, zwei Mal überhaupt. Und wie oft, dass jemand am Rand war? Erschöpft, ausgebrannt, einsam, am Ende? Die Kollegin nach dem dritten Projekt ohne Pause. Der Kumpel nach der Trennung. Eine nahestehende Angehörige nach einem schweren Verlust. Du selbst, nachts um halb drei? Eben. Die Zahlen bestätigen das Bauchgefühl: In Deutschland erleiden jedes Jahr rund 300.000 Menschen einen Herzinfarkt. Gleichzeitig leben hier über 9 Millionen Menschen mit Burnout-Symptomen, und an Depressionen erkranken jedes Jahr Millionen. Mentale „Infarkte“ passieren nicht mal nur vereinzelt — sie passieren in jeder Nachbarschaft, in jeder Familie, in jedem Betrieb. Und jetzt der Punkt, der mich nicht loslässt: Beim Herzinfarkt rettet der Defibrillator — der hängt inzwischen in (fast) jedem Bahnhof und Bürogebäude. Beim mentalen Zusammenbruch aber sind wir selbst der Defibrillator: die Partnerin, der Kollege, der Freund, die Gemeindeleiterin. Die Frage ist nur: Wissen wir, wie es funktioniert?
Der ganze Mensch
Mentale Gesundheit ist mehr als das, was wir klassisch „psychisch“ nennen. Bei NEFESCH arbeiten wir mit sechs Dimensionen: körperlich, emotional, kognitiv, sozial, sinnhaft-spirituell und Alltagskompetenz. Eine Krise entsteht selten in nur einer davon, meist wackelt es in mehreren gleichzeitig. Deshalb heißt unser Verein so. Nefesch — das hebräische Wort im Alten Testament meint nicht nur „Kehle“ oder „Atem“, sondern auch Seele, Lebenskraft, der ganze Mensch. Schon die Bibel denkt nicht in Schubladen. Paulus greift das auf: Soma (Leib), Psyche (Seele), Pneuma (Geist). Seelsorge ist großartig. Aber manchmal hilft der Blick über den Tellerrand: Wann reicht ein Gespräch — und wann ist die Hausärztin oder Therapeutin dran? Genau das vermittelt unser Erste-Hilfe-Kurs für mentale Gesundheit (EHMG).
„Mentale Fitness ist genau das: die trainierbare Fähigkeit, mit mentalen Belastungen souverän umzugehen.“
Mentale Fitness
Wir haben riesig dazugelernt, was körperliche Fitness angeht. Keiner findet es komisch, wenn du joggen gehst oder ins Fitnessstudio, ein trainierter Körper hält schließlich mehr aus. Warum sollte das bei mentaler Gesundheit anders sein? Mentale Fitness ist genau das: die trainierbare Fähigkeit, mit mentalen Belastungen souverän umzugehen. Nicht weil dich das Leben weniger trifft – sondern weil du gelernt hast, mit dem umzugehen, was dich trifft. Trainierbar über Beziehungen, Gewohnheiten, spirituelle Praxis, ehrliches Hinhören bei dir selbst. Und ja – auch über Wissen. Der internationale Standard heißt Mental Health First Aid (MHFA) – wissenschaftlich evaluiert, rettet Leben. Wir haben ihn bei NEFESCH weiterentwickelt: werteorientiert, mit spiritueller Dimension, nach dem SICHER-Prinzip. Kein Therapieersatz, keine Profi-Ausbildung – sondern das, was du im körperlichen Kurs auch gelernt hast: Was tu ich, bis Hilfe da ist?
Einladung, nicht Predigt
Guck mal in dein Umfeld: Wer wackelt da zurzeit? Oder wackelst vielleicht du selbst? Und dann die Frage: Wenn’s morgen richtig kracht – weiß ich dann, was zu tun ist? Wenn die Antwort „nicht wirklich“ ist, wird’s Zeit, etwas zu lernen. Das ist keine Schwäche, sondern die klügste Form von Verantwortung. Mental stark zu leben ist keine Frage des Glücks, es ist eine Fähigkeit. Fang an.
INFO
Sprich an, was du siehst. Wenn jemand stiller wird oder Sätze sagt wie „ich kann nicht mehr“ – frag direkt. Ein „Ich mache mir Sorgen. Wie geht’s dir wirklich?“ öffnet mehr Türen, als du glaubst.
Sei da, ohne zu lösen. Menschen in Krisen brauchen selten Ratschläge – sie brauchen Präsenz. „Ich bin froh, dass du es mir sagst“ wirkt fast immer mehr als der beste Tipp.
Bleib dran, und kenn die richtigen Nummern.
Nicht jede mentale Krise ist ein 112-Fall. Für Burnout, Depression oder Überlastung gibt es bessere Anlaufstellen:
- Akute Lebensgefahr oder Suizidgedanke: 112
- Telefonseelsorge (24/7, anonym): 0800 / 111 0 111
- Deutsche Depressionshilfe (Mo–Fr): 0800 / 33 44 533
- Psychotherapieplatz-Vermittlung:
116 117 oder App 116117
C-STAB-Netzwerk:
Über 350 Fachleute deutschlandweit: www.c-stab.net
Infos zum EHMG-Kurs: mental-stark-leben.net
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