Vom großen Wert verlorener Zeit

Andacht

Es kann ganz schön lästig sein, wenn man warten muss. Beim Zahnarzt, im Stau, an der Supermarktkasse. Besonders, wenn man in Eile ist. Wenn man ein Ziel anstrebt, wenn man etwas schnell und zeitnah erledigt haben will. Wenn man keine Zeit zu verlieren hat. Steffen Schulte meint allerdings, dass die Zeit des Wartens gar nicht verloren ist, wenn man es richtig angeht.

Bei uns zuhause gibt es eine anhaltende Diskussion mit meinen Töchtern darüber, ob ich ein geduldiger Mensch bin oder nicht. Ich halte mich für durchaus geduldig – es sind bloß die Umstände, die auch die größte Geduld irgendwann erschöpfen. Aber wenn ich ehrlich bin, dann würde mir etwas mehr Geduld wahrscheinlich nicht schaden. Das meinen auch meine Töchter.

Im Stillen kann was reifen

Warten kann sich seltsam anfühlen. Wie Stillstand. Wie Leerlauf. Manchmal wie eine Zeit, die einfach vergeudet wird. Unser Leben wird immer schneller und dank neuer Technologien können wir fast überall arbeiten, informieren, kommunizieren oder uns einfach ablenken. Es geht immer um das nächste und dabei laufen wir Gefahr, den gegenwärtigen Moment zu übersehen. Dabei können Wartezeiten stille, aber wichtige Wachstumsphasen sein. Im Stillen kann etwas reifen, was im Alltagstrubel oft keinen Raum findet.  

Wenn ich in die Bibel schaue, begegne ich immer wieder Menschen, die warten mussten – und deren Warten alles andere als verlorene Zeit war: Abraham und Sarah. David. Hannah. Josef. Simeon. Menschen, für die zwischen einer Verheißung und Erfüllung Jahrzehnte, manchmal Generationen lagen.

Und genau dort, in dieser Spannung zwischen Ankündigung und Ankunft, zwischen Verheißung und Erfüllung, in diesem Dazwischen, will ich hier besonders bei zwei Personen aus dem Neues Testament eintauchen. Simeon und Hanna. Direkt nach der Geburt Jesu, als die Familie in den Tempel kommt, begegnen wir ihnen. Beide haben lange gewartet. Simeon hatte eine klare Verheißung, den Messias, den Trost Israels, mit seinen eigenen Augen zu sehen. Hanna hatte früh ihren Mann verloren und verbrachte seitdem – vermutlich mehr als 80 Jahre – im Tempel mit Fasten und Beten.

„Warten ist etwas zutiefst Aktives. Es bedeutet: Festhalten. Gehorchen. Dranbleiben. Nicht loslassen.“

Warten ist echte Arbeit 

Es heißt über Simeon: „Er hielt Gottes Gebote und vertraute ihm völlig. So wartete er auf den Retter.“ Das klingt zunächst unspektakulär. Aber darin steckt eine ganze Theologie des Wartens. Sein Warten war geprägt vom Gebet und Vertrauen. Warten ist etwas zutiefst Aktives. Es bedeutet: Festhalten. Gehorchen. Dranbleiben. Nicht loslassen. In all den Jahren in denen Simeon wartete, fragte er sich bestimmt: Ist heute der Tag? Und vielleicht hat er sich nach vielen Jahren manchmal auch gefragt: Habe ich das wirklich richtig verstanden damals? Hanna betete und fastete, lobte Gott und suchte täglich das Heiligtum. Sie lebte bewusst. Mit Hingabe. Ich glaube: Warten muss gestaltet werden, denn sonst endet es schnell in Murren und letztlich in Bitterkeit.

Wachstum im Verborgenen

Warum aber lässt Gott uns manchmal so lange warten? Das ist eine Frage, die ich mir selbst stelle – und die ich nicht einfach wegdrücken kann. Ich habe allerdings gelernt, sie anders zu stellen. Nicht nur: „Wann endlich?" Sondern: „Was entsteht in mir, während ich warte?“ „Was lerne ich über mich, in dieser Zeit?“ Mit jedem Tag, den Simeon wartete, wuchs sein Vertrauen. Mit jeder unerfüllten Erwartung übte er Hoffnung ein; und Hoffnung ist, wie Paulus schreibt, keine fromme Wunschträumerei, sondern eine belastbare Haltung. Hoffnung macht verletzlich. Hoffnung kostet. Wer hofft riskiert die Enttäuschung. Aber Hoffnung und Vertrauen wächst genau dort, wo wir sie nicht sofort bestätigt sehen. Wartephasen sind Wachstumsphasen. Nicht trotz der Stille, sondern in ihr. Bei Abraham und Sarah können wir das auch sehr gut sehen, es war gerade durch das Warten, dass sie lernten Gott zu vertrauen. 

„Mit jeder unerfüllten Erwartung übte er Hoffnung ein.“

Nicht allein warten

Sowohl Simeon als auch Hanna kamen regelmäßig in den Tempel. In die Gemeinschaft. Unter das Wort. Das ist kein Zufall und kein frommer Fleiß – es ist Überlebensstrategie. Gerade in schweren Wartephasen brauchen wir Menschen, die uns an Gottes Treue erinnern, wenn wir sie selbst nicht mehr sehen. Ich habe auch erleben dürfen, dass Gott mir gerade in schwierigen Lebensphasen Menschen in mein Leben gestellt hat, um mich zu stärken. Ich musste nur bereit sein, mich auf diese Menschen einzulassen. Dietrich Bonhoeffer hat einmal geschrieben: Der Christus im Anderen ist manchmal mächtiger als der Christus in mir. Er meinte damit nicht, dass Christus in verschiedenen Stärken existiert. Aber manchmal können wir uns die Wahrheiten des Evangeliums nicht selbst sagen – wir müssen sie hören. Aus einem anderen Mund. Von einem anderen Gesicht. Das ist das Geschenk der Gemeinschaft.

Mit göttlicher Unterstützung 

In Lukas 2 wird der Heilige Geist in unserem kurzen Abschnitt gleich dreimal erwähnt. Das ist kein Zufall. Es ist dem Evangelisten Lukas wichtig zu zeigen: Simeon wartete nicht allein. Der Geist leitete ihn, stärkte ihn, bestätigte ihn – und trieb ihn schließlich zum entscheidenden Moment in den Tempel. Das gilt auch für uns. Jesus hat versprochen: „Ich lasse euch nicht allein – ich sende euch meinen Geist.“ Gerade in den Wartephasen, wenn das Gebet wie ein Echo im leeren Raum klingt, ist der Geist Gottes am Werk. Paulus schreibt, dass der Geist Gottes unsere Gebete übersetzt, wenn uns die Worte fehlen. Dass er uns in die Wahrheit führt. Dass er uns die Kindschaft Gottes zuspricht.

Wir warten auf Gott

Am Ende gibt es einen tragfähigen Grund zu warten: Weil es um Gott geht. Nicht um Umstände, nicht um günstige Entwicklungen, nicht um das Eintreten des Bestmöglichen. Sondern weil wir einem guten Gott vertrauen, der in der Fülle der Zeit handelt. Simeon und Hanna und die vielen anderen Vorbilder in der Bibel klammerten sich nicht an einen Terminplan. Sie klammerten sich an den Charakter Gottes. An seine Güte. An seine Verlässlichkeit. Und das trug sie durch die langen Jahre. Das ist nicht Resignation, das ist eine Haltung des Festhaltens – an dem, was Gott gesagt hat. An dem, wer Gott ist.