Mit langem Atem

Kolumne

Es gibt Menschen, die ziehen einen vom ersten Moment der Begegnung in ihren Bann. Ihre Geschichte, ihre Ausstrahlung, ihr Wesen. Als Marius Hommel Janice Muchemi trifft, geht es ihm genau so. Er ist fasziniert von dieser Person und erzählt hier, warum.

Was mir direkt aufgefallen ist: Janice Muchemi vereint ihre Professionalität als Anwältin und ihre Lebensfreude als Mensch und Kollegin mit einer fast schon spielerischen Leichtigkeit. Als wir uns auf eine gemeinsame Podcast-Aufnahme vorbereiten, scherzen wir ständig herum, lachen viel und schmieden kreative Pläne, wie Janice noch am selben Tag zu ihrem ersten Döner kommen kann. Als ich dann den Aufnahmeknopf drücke, ist auch bei Janice ein Schalter umgelegt und sie beantwortet jede Frage mit einer beeindruckenden Tiefe und Präzision, die sie mit Sicherheit auch regelmäßig im Gerichtssaal unter Beweis stellt.

Eine echte Berufung

In Bezug auf ihren Job als Anwältin sagt sie: „Für mich ist Jura keine Karriere, sondern eine Berufung.“ Schon als Kind hat ihr älterer Bruder, ebenfalls Anwalt, sie zu diesem Werdegang inspiriert. Die Tatsache, dass sie Menschen helfen kann, denen Unrecht angetan wurde und die sich selbst nicht angemessen verteidigen können, motiviert Janice bis heute. Kurz nach dem Ende ihres Studiums, im Jahr 2014, lernt sie über einen guten Freund die Arbeit von IJM kennen und schließt sich dem Team an. Wo bei vielen Menschen erstmal ein sanfter Einstieg ins Berufsleben ansteht, geht es bei Janice direkt zur Sache: Neben dem Kampf gegen polizeilichen Machtmissbrauch liegt ein weiterer Fokus von IJM Kenia darauf, von sexueller Gewalt betroffenen Kindern zu helfen. Um sie angemessen vor Gericht vertreten zu können, muss Janice ins dunkelste Dunkel von Missbrauch, Traumata und Gewalt eintauchen. Diese Arbeit prägt sie zutiefst und so herausfordernd sie auch ist: Jedes gesprochene Urteil bringt Gerechtigkeit und gibt Janice Sinn, Kraft und Hoffnung zurück.

„Das Team von IJM in Kenia wurde selbst zum Opfer.“

Ihr bisher größter Fall

2016 passiert dann etwas, was Janice über die nächsten knapp sieben Jahre stark einnehmen wird: Einer der Anwälte aus dem IJM-Team, Willie Kimani, sein Kollege Joseph Muiruri und sein Mandant Josephat Mwenda werden von angeklagten Polizeibeamten entführt und brutal ermordet. (1) Das Team von IJM in Kenia wurde selbst zum Opfer. Bei der Frage, wer sie in diesem Fall vertreten soll, wurde schnell klar, dass Janice die geeignete Person dafür wäre. Die eigene Trauer, die Angst vor weiteren Angriffen und die professionelle Arbeit als Anwältin greifen ineinander. Rückblickend sagt sie heute: „Es war eine schwere Zeit, aber Gottes Hilfe und die Unterstützung aus dem Team haben mir geholfen, durchzuhalten.“ Knapp sieben Jahre und ganze 186 Anhörungen vor Gericht später konnten Janice und das Team dann endlich aufatmen: Im Juli 2022 wurden die vier angeklagten Polizeibeamten und ein Komplize wegen Mordes schuldig gesprochen.

Der Traum, der sie antreibt

Für Janice ist ihre Arbeit wirklich kein normaler Job, sondern etwas, das mit einer größeren Vision verbunden ist. Sie hat mir erzählt: „Ich träume von einem Rechtssystem, das für alle zugänglich und vertrauenswürdig ist und in dem jeder Mensch mit Würde behandelt wird.“ Als wir am Abend noch mit einer kleinen Gruppe in einem Berliner Dönerladen sitzen und uns über die Gemeinschaft freuen, bin ich einfach nur dankbar, solch eine inspirierende Frau kennengelernt zu haben. Ihrem ersten Döner hat Janice übrigens 9,5 von 10 Punkten gegeben.