Mehr als nur Lesen
Ratgeber
Was man sprachlich unter lectio divina auch schnell mal missverstehen könnte, beschreibt eine antike Art des Bibellesens für unsere Zeit. Benjamin Marx erklärt, worum es da im Kern geht, was und wie man „das“ genau macht und warum wir von einer „Rückkehr“ sprechen müssen. Er erklärt auch, warum diese Form des Lesens weit über das Lesen im eigentlichen Sinn hinausgeht.
Genau genommen bedeutet lectio divina so etwas wie „göttliches Lesen“ oder „heiliges Lesen“. Vielleicht könnte man es aber besser übertragen mit „betendes Lesen“ oder „meditierendes Lesen“ der Heiligen Schriften. Es geht zwar ein Stück weit um eine Methode, die ich auch gerne erläutern werde, aber es ist vielmehr eine Herzenshaltung des Gläubigen. Neulich bin ich über ein interessantes Zitat von Richard Foster gestolpert: „Es ist für Menschen viel einfacher, über die Bibel zu diskutieren, als sich ihr zu unterstellen“. Beim Lesen dieser Worte habe ich an meine Zeit im Theologiestudium zurückgedacht und feststellen müssen, dass auch ich zu dieser Menschengruppe gehörte. Man könnte es auch noch weiter zuspitzen: „Es ist immer leichter über Gott, als mit Gott zu reden.“ Und genau diese zwei Grundprobleme spricht lectio divina an.
Verstehen
Der Kirchenvater Hieronymus hatte eine ähnliche Problematik vor Augen, als er schrieb: „Ignoranz der Schriften ist Ignoranz des Christus.“ Lectio divina ist ein Balsam gegen diese Unwissenheit. Obwohl sie natürlich in der einen oder anderen Form bereits im Judentum und frühen Christentum vorhanden war, so ist die „systematische“ Vertiefung der lectio divina erst im Mittelalter zur vollen Blüte gekommen. Das geschah, als Mönche und Nonnen mit gebetsvollen Studien begannen und sie mit dem Aufsagen einzelner Bibelstellen ihren Alltag gestalteten, um geistliche Wahrheiten zu erfahren und zu erleben. Im 5. Jahrhundert nach Christus benutzte Kirchenvater Gregor der Große ein wunderbares Bild, welches die lectio divina großartig beschreibt – das Bild vom „inneren Wiederkäuen des Wortes.“ Soweit zur Definition und Geschichte. Wie gestaltet man nun aber so eine lectio divina?
„Der Kirchenvater Hieronymus hatte eine ähnliche Problematik vor Augen, als er schrieb: „Ignoranz der Schriften ist Ignoranz des Christus.“
Umsetzen
Je nach Tradition und Stil, gibt es eine unterschiedliche Anzahl von Schritten in diesem meditierenden Lesen. Im Grunde genommen lässt es sich jedoch auf zwei Elemente runterbrechen: Lesen (lectio) der Heiligen Schrift (divina). Aber das hilft uns jetzt erst einmal so noch nicht weiter, denn Bibellesen ist ja nicht gleich Bibellesen … schon klar, oder? Lectio divina wird also größer betrachtet dann über vier (oder fünf…) Ebenen definiert: lectio (Lesung), meditatio (Meditation/im Herzen bewegen), oratio (Gebet) und contemplatio (Kontemplation/Betrachten) und – dazu käme dann als fünfter Begriff noch die actio (das Handeln). Gehen wir das ganze doch mal Schritt für Schritt durch:
- Lectio: Wähle dir einen kurzen Bibelabschnitt aus und lies ihn achtsam und aufmerksam mehrere Male durch. Hier könntest du dich fragen: „Was sagt der Text, den ich da lese?“. Markiere Wörter oder Satzteile, die dir ins Auge springen, die dich stören oder dich herausfordern.
- Meditatio: Nun kommen wir zum Nachdenken und Sinnen über den Text. Es geht hier nicht mehr nur darum, was der Text sagt, sondern um die Bedeutung. Was sagt Gott mir in diesem Text ganz persönlich? Warum fordern mich diese Worte, die ich markiert habe, so heraus? Wie sprechen sie mich in meiner momentanen Situation an?
- Oratio: Das Nachsinnen und -denken über den Text wird jetzt im Gespräch mit Gott weitergeführt und vertieft. Nun denkst du nicht nur über Gott nach, sondern du redest mit ihm. Hier geht es um deine Gedanken, Fragen, Zweifel und Antworten auf das Gelesene, es geht um deine Reaktion auf Gottes Wort an dich.
- Contemplatio: Nun werden wir ganz still. Wie einen guten Tee oder einen leckeren Wein, muss man das Erfahrene erst einmal ruhen und wirken lassen.
„Wir leben in einer unglaublich schnelllebigen und sich ständig verschiedener Informationen ausgesetzten Welt. Hier wird die lectio divina zur Oase – ein Ruheort der Seele.“
Begreifen
Diese vier Elemente führen dann unweigerlich zum Fünften. Schon Jakobus sagte: „Seid aber Täter des Wortes und nicht Hörer allein; sonst betrügt ihr euch selbst“ (1,22). Wie beeinflusst und formt mich also Gottes Wort an diesem Tag? Gibt es konkrete Dinge, denen ich nachgehen muss? Handlungen, denen ich nicht ausweichen darf? Gibt es bestimmte Denkmuster, die ich ab- oder anlegen sollte? Wie soll ich meiner Familie, Freunden, Nachbarn, Arbeitskollegen, Kommilitonen oder Mitschülern begegnen?
In einem Brief an seinen Mitbruder Gervasius benutzt der Mönch Guigo der Kartäuser (12. Jh. n. Chr.) für die lectio divina das Bild einer Leiter zum Himmel. Aber er kehrt auch wie Gregor der Große zum Bild des Essens zurück, wenn er schreibt: „Die Lesung führt gleichsam die feste Speise zum Mund, die Meditation zerkleinert und zerkaut sie, das Gebet schmeckt sie und die Kontemplation erlangt die Freude des Genusses.“
Achtgeben
Wir leben in einer unglaublich schnelllebigen und sich ständig verschiedener Informationen ausgesetzten Welt. Hier wir die lectio divina zur Oase - ein Ruheort der Seele. Lectio divina ist weniger eine Methode als vielmehr eine Einstellung zu Gott, seinem Wort und der Welt, in der wir leben. Es ist die Einübung, achtsam und mit offenen Augen, Herzen und Händen zu leben. Augen zum Hin- und nicht Wegsehen; Herzen, um mitzufühlen und nicht unbeteiligt gegenüber Menschen und Schöpfung zu sein; Hände, um der Liebe Ausdruck zu verleihen. Darüber hinaus ist lectio divina eine biblische Angelegenheit. Im Buch Josua lesen wir: „Hör nicht auf, in dem Gesetzbuch zu lesen, und denk Tag und Nacht darüber nach. So weißt du, worauf du achtgeben musst. So kannst du dein ganzes Tun danach richten, wie es darin geschrieben steht“ (1,8a). Oder auch in den Psalmen wird von dem Menschen gesprochen, der glücklich zu preisen ist, weil „er sich über die Weisung des Herrn [freut]. Tag und Nacht denkt er darüber nach und sagt Gottes Wort laut vor sich hin“ (1,2).
So weit, so gut. Und jetzt: Nimm dir diese Woche an drei verschiedenen Tagen jeweils 15 Minuten Zeit und tauche in die Tiefe des Wortes Gottes ein. Du darfst gespannt darauf sein, wie Gott dir dabei begegnet.
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