Manchmal sag ich gar nichts
Alltagsimpuls
Wie geht es Menschen, die in die Stille gehen und Gott suchen? Was sind das für Typen? Christiane Walz ist eine von ihnen und meint, dass sie nicht zunächst meditativ ist, sondern eher produktiv. Sie meint aber auch, dass beides sich nicht ausschließt, sondern wunderbar ergänzt. Ergänzen muss. Arbeiten, ohne zu beten; beten, ohne zu arbeiten – geht das überhaupt?
„Heute habe ich so viel zu tun, darum muss ich viel beten.“ Dieser Ausspruch, der Martin Luther zugeordnet wird, hat mich schon als Teenie fasziniert und herausgefordert. Denn wenn ich viel zu tun habe, dann reicht doch auch ein einfaches „Herr, hilf mir bei all meinem Tun, amen.“, oder? Der große Reformator scheint das anders verstanden und gelebt zu haben. Er wusste um die Kraft des Gebets und die Bedeutsamkeit dieser heiligen Zeit. Das Wort „heilig“ bedeutet wortwörtlich „für Gott ausgesondert“. Gebet, ein für Gott ausgesonderter, extra bestimmter Zeitraum. Auch wenn Paulus dazu aufruft, allezeit zu beten, bei allem, was wir tun, so schmälert das den Wert dieser besonderen Zeit nicht, sondern ergänzt ihn.
In der Wirklichkeit
Seit einiger Zeit gehört Beten zu meinen Arbeitsaufgaben. Vor knapp vier Jahren haben wir, ein kleiner Verein, im Burgenlandkreis ein kleines Gebetshaus gegründet. Und so beginnt mein Arbeitsalltag dort an jedem Morgen mit einer anderthalbstündigen Gebetszeit. Nicht immer fällt mir dies leicht. Von meinem Typ her gehöre ich auch eher zu den Leuten, die, wenn viel zu tun ist, am liebsten gleich die Ärmel hochkrempeln und anpacken. Manchmal ist es wirklich ein innerlicher Kampf, in den Gebetszeiten meine To-do-Listen gedanklich beiseitezulegen. Aber ich habe diese heiligen Zeiten sehr schätzen gelernt. Ich erlebe, dass ich im Gebet meine Wirklichkeiten, also das, wie ich die Welt und alles um mich herum erlebe, mit Gottes Wirklichkeit konfrontiere. In der Gemeinschaft mit Gott kommen beide Wirklichkeiten zusammen. Jesus selbst beschreibt das ähnlich im hohepriesterlichen Gebet, wenn er von dem Sein der Jünger spricht: sie leben in dieser Welt, aber sind nicht von dieser Welt.
„Die Wirklichkeit der Welt, in der ich lebe, trage ich in die Gemeinschaft mit Gott hinein. Im Gebet kann ich sortieren und gleichzeitig etwas Distanz gewinnen.“
Von woanders schauen
Ich lebe in dieser Welt. Und diese Welt bringt ihre Herausforderungen, Ansprüche, Erwartungen mit sich. Das strömt auf mich ein. Das löst Emotionen in mir aus, Angst, Hilflosigkeit, Wut genauso wie Freude und Energie. Diese Wirklichkeit der Welt, in der ich lebe, trage ich in die Gemeinschaft mit Gott hinein. Im Gebet kann ich sortieren und gleichzeitig etwas Distanz gewinnen. Ich lerne, von einer anderen Perspektive auf die Wirklichkeiten dieser Welt zu schauen. Und dann werde ich mit der anderen Wirklichkeit konfrontiert, mit der Wirklichkeit Gottes. Ich erkenne, dass Gott die Welt in seiner Hand hält. Ich begreife, dass Gott mir die Ewigkeit ins Herz gelegt hat. Durch Jesus gehöre ich zu dieser neuen Wirklichkeit, die genauso real ist. In Jesus erkenne ich den, der die Welt mit all ihren Bedrohungen, Grausamkeiten, Ängsten und Schrecken überwunden hat. Und genauso erlebe ich Jesus als den da Seienden, der mit aushält und versteht.
Gelassenheit zieht ein
So werden manche Gebetszeiten zu einem Ort des Seufzens und letztlich des zur Ruhe Kommens. Christoph Zehendner hat dieses Zusammenkommen beider Wirklichkeiten in seinem Lied „In der Stille angekommen“ sehr treffend beschrieben. Mit allem, was mich bewegt, komme ich in Gottes Gegenwart. Dort darf ich ruhig werden, auf ihn hören. Im Refrain heißt es zunächst, „die Welt mit offnen Augen sehn“, dann aber findet ein Wechsel statt. Der Refrain endet mit den Worten „die Welt mit seinen Augen sehn.“ Genauso erlebe ich das immer wieder. Gottes Wirklichkeit durchdringt die Wirklichkeit dieser Welt und verändert meinen Blick darauf. Gelassenheit zieht ein. Erleichterung macht sich breit. Ich erlebe Frieden. Und ja, dieses zur Ruhe kommen tut auch einfach gut, gerade wenn um mich herum so vieles lärmt und zieht und zerrt. Manchmal geht es mir in den Gebetszeiten sogar so, dass ich gar nichts mehr sage, nicht mal mehr ein lautes Gebet formuliere. Weil ich das Sein in Gottes Gegenwart einfach genieße.
„Gelassenheit zieht ein. Erleichterung macht sich breit. Ich erlebe Frieden.“
Weitsicht gewinnen
Bevor wir das Gebetshaus gegründet haben, kam mir der Gedanke, dass heutige Gebetshäuser eigentlich wie moderne Burgen sind. Burgen sind Orte, die als Schutz- und Rückzugsraum dienen. Genauso liegen Burgen meist auch so platziert, dass sie eine gute Übersicht und Weitsicht garantieren. Darüber hinaus wurden in vielen Burgen Strategiepläne entworfen, um gegen Feinde gut gewappnet zu sein. Ich sehe darin viele Parallelen zu den Gebetshäusern. An diesen Orten kann ich mich zurückziehen, kann für einen Moment dem Alltagslärm entfliehen und zur Ruhe kommen. Genauso bekomme ich durch das Sein in Gottes Gegenwart und seiner Wirklichkeit neue Perspektive und Weitsicht. Und im Gebet schenkt Gottes Geist immer wieder Strategien, um geistlichen Angriffen gut entgegentreten zu können.
Segen sprechen
Allein zu dem regionalen Netzwerk in unserer Gegend, das Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt umfasst, gehören mehr als 10 Gebetshäuser. Dass wir bei unseren Treffen auch für die Verantwortungsträgerinnen und Verantwortungsträger in unserem Land und unserer Stadt im Gebet einstehen, verstehe ich als Gottes Auftrag für uns als Jesus-Nachfolger. Auch in unserem Gebetshaus beten wir täglich für unseren Bürgermeister und unseren Landrat. Im Gebet wollen wir ihnen sprichwörtlich den Rücken stärken und Gottes Segen über ihrem Leben aussprechen. Ich trage aber noch einen anderen Auftrag Gottes auf dem Herzen für uns als Beterinnen und Beter. Genauso wie ich die Wirklichkeiten des Alltags in Gottes Wirklichkeit hineingetragen habe, so darf ich jetzt, am Ende der täglichen Gebetszeit, Gottes Wirklichkeit in die Wirklichkeit der Welt tragen. Meinen Alltag mit Gottes guter Botschaft konfrontieren. Seine Hoffnung in die Hoffnungslosigkeit dieser Welt hineinsprechen. Und damit den Auftrag Jesu erfüllen, Salz und Licht zu sein in dieser Welt.
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