Lieder fürs Leben
Portrait
„Befiehl du deine Wege“ ist eine Formulierung, die viele Christen kennen. An Psalm 37 angelehnt bildet sie die ersten Worte eines der bekanntesten Lieder von Paul Gerhardt, einem der einflussreichsten deutschen Liederdichter überhaupt. Sein Tod jährt sich 2026 zum 350. Mal und Dr. Simone Flad hat sich angeschaut, wer dieser Mann war.
1607 im kleinen Ort Gräfenhainichen (heute in Sachsen-Anhalt) in eine angesehene bürgerliche Familie geboren, blieb er mit 14 Jahren mit seinen drei Geschwistern allein zurück, als seine Eltern innerhalb von zwei Jahren starben. Sie hinterließen genug finanzielle Mittel, um Paul Gerhardt eine gute Bildung zu ermöglichen: Er studierte Theologie im damaligen Zentrum der lutherischen Welt, an der Universität Wittenberg. Es war die Zeit des Dreißigjährigen Krieges (1618–48). Durch die wechselnden Heere wurden weite Teile Deutschlands verwüstet. Hungersnöte und Seuchen waren die Folge. Durchschnittlich starben in diesen Jahren 30–40% der Bevölkerung Deutschlands.
Gegen Ende des Krieges fand Paul Gerhardt eine Stelle als Hauslehrer in Berlin, wo durch den Krieg und seine Folgen von den ursprünglich ca. 12.000 Einwohnern nur noch 6.000 übriggeblieben waren. Viele der Überlebenden waren verarmt und traumatisiert.
Alles sehr schwierig
Drei Jahre nach Ende des Krieges wurde Paul Gerhardt 1651 Probst (also leitender Pfarrer) in Mittenwalde, südlich von Berlin, wo die Situation ähnlich verheerend war wie in Berlin. Die Menschen und die Orte erholten sich nur langsam von den Schrecken des Krieges. Dank seiner neuen Stellung war Paul Gerhardt selbst nun aber endlich in der Lage zu heiraten: mit 48 Jahren heiratete er die 12 Jahre jüngere Anna Maria Berthold, die er schon Jahre vorher in Berlin kennengelernt hatte. Zwei Jahre später (1657) wurde er als Pfarrer an die Nikolaikirche in Berlin berufen, wo er für zehn Jahre tätig war. In diesen Jahren kamen seine 5 Kinder zur Welt – von denen nur ein Sohn das erste Lebensjahr überlebte! Auch seine Frau verstarb 1668 nach nur 13 Jahren Ehe. Zu den persönlichen Nöten kamen ab 1664 zunehmende dienstliche Schwierigkeiten: es gab kirchenpolitische Probleme zwischen der lutherischen Kirche und ihrem offiziellen Oberhaupt, dem Kurfürsten von Brandenburg, der zum reformierten Bekenntnis übergetreten war. Paul Gerhard stand als bekannter lutherischer Pfarrer der Hauptstadt im Zentrum des Konfliktes. Da er nicht gegen sein Gewissen handeln wollte, nahm er die drohende Absetzung durch den Kurfürsten in Kauf. Er verlor sein Amt 1667. Seinen Lebensabend verbrachte er dann ab 1669 mit seinem siebenjährigen Sohn als Pfarrer in Lübben (Niederlausitz), wo er 1676 verstarb.
„Er hat zwar kein Tagebuch oder ähnliche Aufzeichnungen hinterlassen. Aber das, was wir von ihm haben, sind seine Lieder.“
Wie damit umgehen?
Paul Gerhardt wurde Zeuge von sehr viel Leid – in seinem persönlichen Leben wie auch bei den Menschen um sich herum. In seinen Dienststellen in Mittenwalde und Berlin gab es keine Familie, die nicht tote Angehörige zu beklagen hatte. Paul Gerhardt war ihr Pfarrer und Seelsorger. Wie konnte er da helfen? Wie ging er selbst mit dem Leid um? Er hat zwar kein Tagebuch oder ähnliche Aufzeichnungen hinterlassen. Aber das, was wir von ihm haben, sind seine Lieder. Viele seiner Gedichte hat er ganz bewusst als Lieder für den persönlichen und gottesdienstlichen Gebrauch geschrieben – auch schon vor seiner Zeit als Pfarrer. Durch die gnädige Fügung Gottes arbeitete er in Berlin mit den begnadeten Musikern Johann Crüger (von 1622–1662 Kantor an der Nikolaikirche in Berlin) und dessen Nachfolger Johann Georg Ebeling (1662–1668) zusammen, die seine Lieder vertonten und in Gesangbüchern veröffentlichten. Ihre eingängigen Melodien haben einen großen Anteil daran, dass viele der Lieder von Paul Gerhardt auch heute noch, fast 400 Jahre später, gerne gesungen werden. Was macht sie so besonders?
Immer für das Leben
Ein Kenner seiner Lieder nannte seine Trostlieder „eine Sprachhilfe im Leiden“. Paul Gerhardt dichtete zum Beispiel in Anlehnung an Römer 8,31–39 das Lied „Ist Gott für mich, so trete“. Da heißt es: „Die Welt, die mag zerbrechen, du stehst mir ewiglich; kein Brennen, Hauen, Stechen, soll trennen mich und dich“. Seine Lieder sind meist lange Lieder mit oft deutlich über 10 Versen. Sie schlagen weite thematische Bögen und sprechen in den verschiedenen Versen unterschiedliche Lebensbereiche und Lebensrealitäten an. So können sich die unterschiedlichsten Menschen in seinen Texten wiederfinden. Obwohl er Not und Leid im Leben konkret benennt, sind seine Lieder immer lebensbejahend! Gerade auch seine Loblieder wie „Geh aus, mein Herz und suche Freud“, „Die güldne Sonne“ und „Du meine Seele singe“ sind fröhliche, optimistische Lieder. Aber auch die Trostlieder lenken den Blick auf das Gute, das wir von Gott durch den Glauben dankbar annehmen dürfen.
„Praktisch alle seine Lieder enden mit der Ewigkeits-Perspektive, der persönlichen Hoffnung des ewigen Lebens in Gottes Gegenwart.“
Immer voll Vertrauen
Seine Lieder sind voll Vertrauen auf Gott in allen Situationen: in Schuld, in Ausweglosigkeit und Not: „Ihn, ihn lass tun und walten, er ist ein weiser Fürst und wird sich so verhalten, dass du dich wundern wirst. Wenn er, wie’s ihm gebühret, mit wunderbarem Rat das Werk hinausgeführet, das dich bekümmert hat“ (Befiehl du deine Wege V. 8). Viele seiner Texte drücken Hingabe an Gott aus: „Ich komme, bring und schenke dir, was du mir hast gegeben. Nimm hin, es ist mein Geist und Sinn, Herz, Seel und Mut, nimm alles hin und lass dirs wohlgefallen“ (Ich steh an deiner Krippen hier V. 1). Praktisch alle seine Lieder enden mit der Ewigkeits-Perspektive, der persönlichen Hoffnung des ewigen Lebens in Gottes Gegenwart: „Freude die Fülle und selige Stille wird mich erwarten im himmlischen Garten; dahin sind meine Gedanken gericht“ (Die güldne Sonne V. 12).
Immer mit Tiefgang
In allem gilt: seine Texte sind fest in der Bibel, ihrer Sprache und Botschaft verwurzelt. Überall finden sich Anklänge von biblischen Motiven, Personen, Ereignissen und Bibelversen. Dabei benutzt er den Menschen bekannte Bilder aus ihren Lebensrealitäten – natürlich in der Sprache des 17. Jahrhunderts. Die alte Sprache macht es manchen heutzutage schwer, einen Zugang zu den Texten zu finden. Aber es lohnt sich, die Texte zu „kauen“ und sie verstehen zu wollen. Denn, wie ein Zeitgenosse urteilte: „in den Liedern Paul Gerhardts steckt oft in einer Zeile mehr Saft und Kraft als bei anderen in ganzen Strophen“.
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