In der Stille
Kontemplation
Wer ernsthaft über Ruhe und Entschleunigung nachdenkt, kommt am klösterlichen Alltag nicht vorbei. Christoph Zehendner weiß genau, wovon er spricht und schreibt, lebt er schließlich nicht nur gerne schnell und laut, sondern gehört auch zur Gemeinschaft der Christusträger im Kloster Triefenstein. Hier denkt er über eins seiner Lieder nach und darüber, was das Kloster so besonders macht.
In der Stille angekommen. Stille. Für dieses Thema bin ich eigentlich eine Fehlbesetzung. Ein Tinnitus in beiden Ohren sorgt dafür, dass es bei mir nie wirklich „still“ wird. Und überhaupt: Ich bin eher ein unruhiger, umtriebiger, aktiver Mensch, der kaum mal „still“ sitzen kann. „Stille Zeit machen“ ist definitiv nicht meine Lieblingsdisziplin. Und trotzdem. Oder gerade deshalb: Meine Liedtexte zum Thema Stille und Gebet verbreiten sich erstaunlich weit. Gerade das Lied mit dem schönen Titel „In der Stille angekommen“. Werd ich ruhig zum Gebet. Ich und ruhig? Ich bin ein Mundwerker. Gelegentlich ein Lautsprecher. Und ein Vielredner. Bei meinen verschiedenen beruflichen Aufgaben auf der Bühne, im Studio, bei Veranstaltungen oder Freizeiten muss ich fast immer reden. Oder singen. Oder singen und reden. Und ausgerechnet ich soll „ruhig“ werden? Große Worte sind nicht nötig. Na fein, ausgerechnet das, was ich am besten kann, zählt nicht mehr. Aber vielleicht ist es ja genau das, was ich jetzt gerade brauche: Mal aufzuhören mit dem, was mich sonst ausmacht. Mein vertrautes Handwerkszeug aus der Hand zu legen. Zu begreifen, dass ich jetzt niemanden beeindrucken muss. Dass es jetzt nicht mehr auf meine Fähigkeiten ankommt. Dass ich hier und jetzt einfach sein kann. In der wohltuenden Stille. Gott weiß ja, wie‘s mir geht. Mich daran zu erinnern, tut mir gut, sehr gut sogar.
„In der Stille angekommen, schrei ich meine Angst heraus, was mich quält und mir den Mut nimmt, all das schütt ich vor Gott aus. In der Stille angekommen, nehm ich dankbar, was Gott gibt. Ich darf zu ihm Vater sagen, weil er mich unendlich liebt.“
Wohltuender Ortswechsel
Im Laufe meines Lebens habe ich das immer mal wieder erlebt. Dazu war in der Regel ein Ortswechsel nötig. Ich ließ ein Wochenende lang oder länger meinen hektischen Journalistenalltag und mein gewohntes Umfeld hinter mir. Zog mich zurück ins Kloster Triefenstein, malerisch oberhalb des Mains gelegen, etwa zwischen Aschaffenburg und Würzburg. Hier betreiben die Brüder der Christusträger seit 40 Jahren ein besonderes Gästehaus. Hier konnte ich im klösterlichen Rhythmus mit leben und so zur Ruhe kommen. Stille erleben. Und manchmal Gott.
Wenn die Pforte sich schließt
Nach vielen Jahren als Gast wurde ich 2011 zum „Mitgastgeber“. Meine Frau und ich zogen nach Triefenstein, um die Bruderschaft und ihre Arbeit zu unterstützen. So möchte ich bis heute meinen Beitrag dazu leisten, dass ganz unterschiedliche Menschen in diesem Rahmen ihren ganz persönlichen Weg zur Stille finden können. Ich erlebe und beobachte dabei ganz regelmäßig: Der geschützte Raum innerhalb der Klostermauern eignet sich für viele ausgesprochen gut dazu. „Wenn sich die große Klosterpforte hinter mir schließt, dann atme ich auf. Dann habe ich das Gefühl: Jetzt kann ich vieles zurücklassen, was mich sonst antreibt. Mein Alltag mit all seinen Herausforderungen bleibt draußen. So kann ich still werden und danach gestärkt wieder zurück in den Alltag starten.“ So oder so ähnlich habe ich es im Laufe der Jahre häufig von ganz unterschiedlichen Zeitgenossen gehört: Von der gestressten Familienfrau und dem unruhigen Beinahe-Rentner, von dem prüfungsgeplagten Abiturienten und der gebeutelten Unternehmerin, von jüngeren und älteren, frommeren und weniger frommen Persönlichkeiten aus ganz unterschiedlichen Zusammenhängen, die für ein paar Stunden oder Tage das Abenteuer Stille wagten und dabei oft beschenkt wurden.
„In der Stille angekommen, werd ich ruhig zum Gebet. Große Worte sind nicht nötig, denn Gott weiß ja, wie`s mir geht. In der Stille angekommen, leg ich meine Masken ab und ich sage Gott ganz ehrlich, was ich auf dem Herzen hab.“
Raum geschaffen
Manchmal frag ich mich: Was ist eigentlich das Besondere an solchen Klosterzeiten? Warum haben Klöster und ähnliche Einrichtungen für viele Menschen eine so starke, oft heilsame Wirkung? Ich finde das wirklich bemerkenswert, denn so außergewöhnlich ist es doch gar nicht, was wir hier zu bieten haben: Einen Rahmen, in dem jeder sein kann, wie er ist. Niemand fragt nach Kirchenzugehörigkeit, Theologie oder Frömmigkeit. Einen Schutzraum auf dem weitläufigen Klostergelände mit viel Grün, vielen stillen Ecken und der Möglichkeit, sich zurückzuziehen. Die besondere Atmosphäre eines Hauses, in dem seit mehr als 900 Jahren gebetet wird. Den „getakteten“ Tagesablauf mit liturgisch geprägten Gebetszeiten. Die Möglichkeit, für sich oder manchmal auch im Gespräch mit anderen Menschen über Fragen nachzudenken, für die im betriebsamen Alltag nicht genug Zeit bleibt. Als gastgebende Christusträger haben wir uns jedenfalls vorgenommen, Räume zu schaffen, in denen Menschen die Möglichkeit zur Begegnung haben: Zur Begegnung mit sich selbst, mit anderen Menschen und auch mit Gott.
Kloster in Bewegung
Und auch das gehört für manche unserer Gäste zu den besonderen Erfahrungen im Kloster: Hier können sie sich Zeit dafür nehmen, mal vor Gott „auszuschütten“, was sie bewegt. Schönes wie Schweres. Belastendes und Beflügelndes. In diesem geschützten Rahmen können sie „Inventur“ machen, sich ihren schwierigen Fragen stellen, der eigenen Realität ins Auge sehen. Dabei soll ein Stück der Liebe Gottes deutlich werden, erlebbar, spürbar. Aber, und auch das gehört zur Wahrheit, wir sind hier keine Insel der Seligen. Bei uns im Kloster wird auch mal gestöhnt und gestritten. Da machen Menschen Fehler und andere ärgern sich darüber. Da lärmen Laubsauger oder Rasenmäher vielleicht gerade dann, wenn jemand ganz still werden möchte. Seit einigen Jahren prägen nicht mehr nur die wie Mönche lebenden Brüder der Christusträger das Haus und die Gemeinschaft, sondern auch die jungen Familien der Christusträger Weggemeinschaft, die viele quirlige Kinder und gute neue Ideen mitgebracht haben. Unser Kloster ist ein Raum in Bewegung, in Veränderung, im Wandel. Ein Ort, an dem Menschen in der besonderen Atmosphäre Stille erleben und genießen können.
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