Ich hab´ ja Zeit dafür

Leitartikel

Tiefe, statt Tempo. Das klingt so, als müsse man sich für das eine oder das andere entscheiden, als würde beides zusammen nicht gehen. Aber vielleicht geht es ja doch? Nicht unbedingt zur gleichen Zeit, aber doch im gleichen Leben? Vielleicht ist es nur eine Frage von richtig gesetzten Prioritäten? Vielleicht geht eben doch beides, wenn man es will? Von Detlef Eigenbrodt.

Ich sitze in meinem Auto, das ich auf einer flach abfallenden Felsformation so nah am Rand geparkt hab, wie möglich, und beobachte das Wasserloch. Wie lange jetzt schon? Zeit ist zu etwas Unwesentlichem geworden, ich habe genug davon. Jetzt gerade jedenfalls. Drei Stunden später sitze ich immer noch dort. Und beobachte. Knapp durch die Wasseroberfläche sehe ich die Ohren, Augen und Nasenlöcher von bestimmt vier oder fünf Tieren. So genau lässt sich das nicht sagen, sie tauchen immer mal wieder unter, um irgendwann wieder aufzutauchen. Manchmal irgendwo ganz anders. Ich warte. Ich warte darauf, dass sie sich zeigen, ganz, in all ihrer bizarren Schönheit. Aber die Hippos sind schüchtern. Halten mich hin, stellen meine Geduld massiv auf die Probe. Aber ich habe ja Zeit. Ich bin nicht in Eile. Und ich will sie sehen.

Der Augenblick gehört mir

Dann ist es so weit. Zuerst taucht neben dem Kopf auch der Rücken aus dem Wasser. Unendlich langsam schwebt er an die Oberfläche und sieht aus wie ein Felsen. Immer ein Stückchen mehr durchbricht das Tier das Nass, ein zweites taucht auf, und ein drittes, viel kleineres. Ein Hippo-Baby. Ich stelle mir die begeisterte und entzückte Reaktion meiner Töchter vor, wären sie jetzt bei mir: Schau mal, Papa, ein kleines Hippo-Baby! Aber sie sind nicht bei mir, ich sitze hier nach wie vor allein im Wagen. Und tatsächlich bin ich auch der einzige an diesem Wasserloch, kein anderes Fahrzeug weit und breit zu sehen oder zu hören. Der Augenblick gehört mir, nur mir, ich muss ihn nicht teilen. Ich muss nicht reden. Ich muss nicht reagieren. Ich schaue einfach nur zu. Seit etwas mehr als vier Stunden dann jetzt, als das erste Tier den unglaublich beeindruckenden Mund aufmacht. Und Mund ist hier kaum das richtige Wort. Es ist ein riesiges Maul mit gewaltigen Zähnen und ein Schlund, der aussieht, als könne ein Kleinwagen darin verschwinden. Ich übertreibe, okay. Aber es ist wirklich sehr spektakulär und ich bin froh, im Auto zu sitzen. Ich erinnere mich daran gelesen zu haben, dass Hippos zu den gefährlichsten Wildtieren Afrikas gehören. Schätzungen zufolge töten sie jährlich etwa 500 bis 3.000 Menschen. Sie sind territorial, unberechenbar und stellen trotz ihrer behäbigen Erscheinung eine große Gefahr dar. Auch deshalb behalte ich sie im Blick, schieße noch ein paar weitere Fotos von den massigen Kollegen und mache mich dann wieder auf den Weg. Mal sehen, wo ich als nächstes anhalte. Ich hab´ ja Zeit.

Alles ist ruhig

Die Zeit, die ich habe, bin ich übrigens entschlossen, gut zu nutzen. Was mir dabei sehr entgegenkommt ist die nahezu digitale Unerreichbarkeit das Parks, in dem ich bin. Netz gibt es so gut wie nie, weshalb ich auch gar nicht in Versuchung bin, nach meinem Handy zu greifen. Ich brauche es gar nicht. Meine Unterkunft ist schlicht, die Verpflegung einfach und die Sterne leuchten in unfassbarer Schönheit über mir. Sie sind zu dieser Stunde weit und breit die einzige Lichtquelle. Und alles ist ruhig, selbst die wenigen Menschen, die mir begegnen, scheinen sich nur leise zu unterhalten. Irgendwie ehrfurchtsvoll. So als würde ein lautes Wort die Heiligkeit des Augenblicks beschmutzen. Begleitet vom Zirpen ungezählter Grillen falle ich in einen tiefen und ruhigen Schlaf. Wie gut, dass ich mir heute keine Gedanken um morgen machen muss.

„Und das alles in für mich unglaublicher Gelassenheit. Ich bin nämlich eigentlich gar nicht so ein Entspannter. Das, was ich hier gerade habe, habe ich errungen. Und ich habe es nötig.“

Einfach nur sein

Als ich aufwache, ist es noch früh und frisch, aber die Sonne, die gerade mit strahlendem Leuchten am Horizont aufgeht, wird die Temperatur rasch auf ein für mich angenehmes Maß bringen. Ab 30 Grad fühl ich mich wohl. Ich rühre mir einen löslichen Kaffee an, das Wasser schmeckt irgendwie brackig. Soll ich mich aufregen? Was habe ich denn im Busch erwartet? Alles gut also, ich feiere den Moment, dusche unter freiem Himmel und setze mich wieder ins Auto. An diesem letzten Tag habe ich nichts weiter vor, als im Park unterwegs zu sein. Keine Essenspläne, ich habe noch genug Wasser, Kräcker, Billtong und getrocknete Mangos im Rucksack. Keine Verabredungen, keine Emails, kein nichts. Einfach nur sein. Mich spüren, die Natur, die Vielfalt. Und das alles in für mich unglaublicher Gelassenheit. Ich bin nämlich eigentlich gar nicht so ein Entspannter. Das, was ich hier gerade habe, habe ich errungen. Und ich habe es nötig.

Ich rede mit ihm

Einige Stunden später senkt sich die Sonne und hüllt den Park in warmes goldenes Licht, und ich rede mit Gott. Ich erzähle ihm, was ich in den letzten Tagen alles gesehen hab (…als würde er´s nicht wissen…). Ich rede mit ihm über meine Familie, die jetzt nicht bei mir ist, spreche mit ihm über das, was mir wichtig ist und was mich bewegt. Und ja, das tue ich nicht nur in meinem Kopf, sondern formuliere es tatsächlich in Worten. Als säße Gott links neben mir auf dem Beifahrersitz. Ich teile meine Begeisterung mit ihm, über die einmalige Schönheit hier. Ich sprudele über vor Dankbarkeit und nehme nichts von dem, was ich hab, als selbstverständlich. Gerade erinnere ich mich (…und Gott…) noch mal daran, was ich schon gesehen habe, und höre mich sagen: „jetzt fehlt eigentlich nur noch ein Löwe.“ Wie vermessen kann man eigentlich sein? Als würde es mir an irgendetwas fehlen! 

„Als säße Gott links neben mir auf dem Beifahrersitz. Ich teile meine Begeisterung mit ihm, über die einmalige Schönheit hier.“

Hey, Gott, schau mal!

Da bewegt sich plötzlich rechts von mir das fast einen Meter hohe Gras, das den Lehmweg, den ich fahre, zu beiden Seiten säumt. Aber meine Wahrnehmung ist wie in Watte gepackt, ich rede ja immer noch mit Gott, während mein Auto langsam vor sich hin rollt. Dann tritt wie aus dem Nichts (…na gut, also, wie aus dem Gras…) eine Löwendame auf die Straße! Sieht mein Auto, schaut mich an, majestätisch, nur knapp zwei Meter von mir entfernt! Jetzt bin ich selbst, wie meine Töchter beim Anblick des Hippo-Babys gewesen wären: Hey, Gott, schau mal! Eine Löwin! Gerade haben wir noch davon gesprochen! Sie schaut mich immer noch an, wittert mich durch das herunter gelassene Seitenfenster meines Autos, und ich lege vorsichtshalber meinen Finger an den Schalter, um es hochfahren zu können, sollte sie näherkommen. Ich weiß, was sich gehört, ich bin in ihrem Wohnzimmer und benehme mich anständig. Aber sie scheint sich keine Gedanken wegen mir zu machen, ist unbesorgt, wendet den Kopf in die Richtung, in die ich auch unterwegs bin, und setzt ihren Weg unbekümmert fort. Ich sitze immer noch da und kann es nicht fassen, will ihr folgen, als das Gras sich wieder bewegt. Nach und nach kommen acht weitere Löwinnen auf den Weg, formieren sich und trotten hinter der ersten Dame her! Die Löwen ganz rechts am Weg, dicht beim Gras, ich in meinem Auto ganz links am Weg, zeitweise sieht es aus, als wäre ich einer von ihnen (…was bilde ich mir eigentlich ein…?). Vor mir Löwen, neben mir, hinter mir. Und ich in meinem Auto mittendrin. Würde ich meinen Arm aus dem Fenster strecken (…was ich unter keinen Umständen jemals tun werde…!), ich würde sie berühren können. Immer mal wieder bleiben sie stehen, drehen sich zu mir, beobachten mich mehr als ich sie, und setzen ihren Weg fort. Zum Weinen schön! Über eine Stunde verbringen die Löwinnen und ich gemeinsam auf der Straße, in absolut tiefenentspannter Ruhe, bis sie sich ein letztes Mal zu mir wenden, fast, als wollten sie sich verabschieden. Ich hebe die Hand zum Gruß und sage: Schön, dass wir uns getroffen haben! Dann trotten sie zu einer für mich nicht erreichbaren im Abendlicht daliegenden Fläche, wo sie sich auf von der Sonne erhitzten Felsen im Boden lagern und selbst den Tag ausklingen lassen.

Ich werde mich kümmern

Einen Tag später sitze ich in meinem Hotelzimmer einer afrikanischen Großstadt und fahre meinen Laptop hoch. Das E-Mailprogramm signalisiert mir, dass viel Arbeit auf mich wartet. Sehr viel! Arbeit, die nicht nur eilig ist und schnell erledigt werden will. Sie ist auch wichtig! Ich beginne fokussiert und strukturiert eine Aufgabe nach der anderen abzuarbeiten. Dabei geht manches ganz schnell, anderes dauert länger und fordert mich mehr. Mein Telefon klingelt und WhatsApp verkündet mit mehreren „Pings“ eine Reihe eingehender Nachrichten. Ein Blick in meinen Kalender zeigt mir, was alles auf mich wartet, wenn ich erst wieder daheim bin. Da kann ich mich auf was gefasst machen. Ein Termin nach dem anderen. Und nachher treffe ich mich noch mit einigen Freunden; auch darauf muss ich mich noch vorbereiten. Aber alles kein Ding, ich werde mich darum kümmern, um alles. In gebotener Konzentration und Gründlichkeit. Ich habe ja jetzt Zeit dafür.