Angst vor der Tiefe

Ratgeber

Wer meint, Tiefe sei automatisch das Gegenteil von Oberflächlichkeit, der könnte sich irren. Zumindest wenn es um Beziehungen geht und die Frage, was jemand will oder anstrebt. Martina Kessler hat sich nicht nur als Psychologin mit diesem Thema beschäftigt, sondern auch ganz persönlich. Und sie kommt zu dem Schluss: Vorsicht mit zu schnellen Festlegungen.

Ich mag es weder mit einem Flugzeug zu fliegen noch auf einem Schiff durch tiefe Gewässer zu gleiten. Wenn zwischen mir und dem festen Untergrund zu viel Luft oder Wasser ist, dann bin ich verunsichert. Früher hatte ich auch Angst vor der Tiefe in mir selbst. Einerseits war ich schon immer an psychologischen Themen interessiert und wollte mich entdecken, andererseits hatte ich Angst, ich könnte dann etwas entdecken, was mir nicht gefällt.

Die anderen und ich

Im Nachhinein wird mir klar, dass mich die übergestülpten Rückmeldungen vieler wertender Menschen verunsichert haben. Da war meine Mutter, die mir immer wieder sagte: „Du bist wie ich!“. Von ihr wusste ich aber, dass sie sozial schon mal eine Herausforderung für ihre Umgebung sein konnte. Da war die Lehrerin, die mich frech nannte, weil ich als 12-jährige unklug gesagt hatte, sie sei gemein, als sie meinen Klassenkameraden für seinen Glauben angriff. Da waren die Freundinnen, die mich einfach falsch fanden, weil ich nicht so pferdevernarrt war wie sie. Da war die Klassenkameradin, die mir spiegelte, ich sei deshalb Außenseiter, weil ich die Nachschulkneipenbesuche nicht mitmache. Und da war die Mittvierzigerin aus der Gemeinde, die mich eitel nannte, weil ich als Teenager erste, sicherlich verunglückte, Schminkversuche unternahm. Und da war die gleichaltrige Frau, die mich als „zu dominant“ titulierte, weil ich extrovertiert meine Gedanken äußerte. 

Ich wollte weder sozial herausfordernd wie meine Mutter werden noch als frech gelten. Ich suchte Freundinnen, auch ohne ein Pferdenarr sein zu müssen, und ich wollte daheim keinen Ärger wegen Kneipenbesuchen. Keiner sollte von mir sagen ich sei eitel oder dominant. Diese Botschaften verunsicherten mich zutiefst, und doch ließ ich sie mir überstülpen. Und dann auch noch in die Tiefe gehen? Würde ich da am Ende noch mehr Verurteilenswertes entdecken? Dann kam ich in eine Situation, die mich so zu Boden warf, dass ich eine qualifizierte Beratung aufsuchte. Mit dem Hauptgedanken: Das soll mir nie wieder passieren! Ich bat die Beraterin mit mir herauszufinden, wo meine Anteile am Geschehen gelegen haben könnten. Davor hatte ich zwar richtig viel Angst, aber eine derartige Situation wollte ich nie wieder erleben. Also ging ich mit mulmigem Herzen, aber mutig darauf zu.

„Diese Botschaften verunsicherten mich zutiefst, und doch ließ ich sie mir überstülpen.“

Tiefe bedeutet Risiko

Menschen scheuen sich aus einer Mischung von psychologischen, sozialen und biografischen Faktoren vor Tiefe. Eine meiner Hauptsorge war die Angst vor Bewertung oder Ablehnung: Wer persönliche Dinge mitteilt, riskiert, missverstanden, be- oder verurteilt zu werden. Menschen mit negativen Erfahrungen halten sich deshalb eher an „sichere“ oberflächliche Themen. Ich lebte in einer Spannung: Einerseits mochte ich Tiefe, andererseits belasteten mich bereits verletzende Bewertungen.

Darüber hinaus war die Unterschiedlichkeit von Persönlichkeiten für mich kein fassbarer Begriff. Heute weiß ich, dass manche Menschen von Natur aus stärker auf Austausch und Reflexion ausgerichtet sind und andere eher auf Handlung, Leichtigkeit oder Pragmatismus. Dabei ist das nicht mit „besser oder schlechter“ zu bewerten, sondern Menschen sind einfach verschieden. Das gilt auch für das unterschiedliche Bedürfnis nach zwischenmenschlicher Nähe und emotionaler Tiefe. Ein intensives Gespräch kann „zu viel Nähe“ sein, selbst wenn es für andere noch ganz normal ist. Distanzmenschen bleiben oft konsequent bei sachlichen oder leichten Themen, lenken Gespräche aktiv zurück ins Oberflächliche oder zeigen sich als „nicht interessiert“, sobald es in die Tiefe gehen könnte. Das ist ihr „Normal“.

Emotionaler Schutzschirm

Wer sich öffnet, macht sich angreifbar und so kommt oft noch nicht bewusster Selbstschutz vor Verletzung hinzu. Das Gehirn lernte früh: Tiefe bedeutet Risiko! Offenheit führt zu negativer Bestrafung! Der Fluchtalarm: „Achtung, das könnte unangenehm oder gefährlich werden“ springt an und verhindert tiefgründiges Öffnen. Dann vermeidet man, dass einem jemand „zu nahe“ kommt und Grenzen überschreitet, bloßgestellt zu werden, Streit, Kritik, Verunsicherung, in Frage gestellt, angegriffen oder verletzt zu werden. So schützt man sich auch emotional. Man reagiert mit einem „alten Programm“ auf aktuelle Situationen, ob zu Recht oder Unrecht. Es kommt zu einer abwehrenden Überreaktion auf harmlose Fragen. Selbstschutz wird sichtbar, wenn jemand abrupt das Thema wechselt oder herunterspielt, plötzlich Witze macht, Sprüche klopft oder ironisch wird. Jemand weicht dem Blick aus, macht dicht, wird unruhig, verschließt sich oder „muss“ plötzlich weg. Manche Menschen werden merklich vorsichtig und kontrolliert. Jeder darf sich jederzeit schützen! Eine rechtzeitige Mitteilung an die Mitmenschen könnte Missverständnisse vermeiden.

Tiefe kann auch gescheut werden, wenn Menschen geringe emotionale Übung mitbringen. Nicht alle haben es gelernt, über Gefühle oder komplexe Themen zu sprechen. In manchen Familien oder Kulturen wird das kaum gefördert – dann fehlt einfach die Sprache oder das Vertrauen in andere Menschen dafür. In manchen Kontexten kann sich öffnen sogar gefährlich werden, weil Menschen emotionale Öffnung lächerlich machen oder gar gegen die Person wenden.

„Selbstschutz wird sichtbar, wenn jemand abrupt das Thema wechselt oder herunterspielt, plötzlich Witze macht, Sprüche klopft oder ironisch wird.“

Ich bin mir nicht sicher

Manchmal werden bei tiefen Themen Emotionen aktiviert, die vermieden werden sollen. Es kann zu Gefühlen kommen wie Unsicherheit, Scham, Traurigkeit, Angst, Wut. Wenn das vermieden werden soll, dann ziehen sich die Leute zurück, bevor es unangenehm wird. Sie reagieren dann kurz angebunden („Keine Ahnung … egal“), wechseln das Thema, neigen zu Abwehr oder leichter Gereiztheit. Oberflächliche Gespräche sind berechenbarer. Tiefe Gespräche können unerwartete Emotionen auslösen – das fühlt sich für manche wie Kontrollverlust an. Menschen, die ein Bedürfnis nach Kontrolle haben, kommen dann an ihre Grenzen. Manche Menschen erleben Überforderung oder Unklarheit, wenn sie mit tieferen Themen oder tieferem Denken konfrontiert werden. Sinnfragen, Konflikte, die eigene Identität – das kann alles kompliziert sein. Menschen weichen dann möglicherweise aus, weil sie sich selbst nicht sicher sind oder nicht wissen, wie sie das ausdrücken sollen.

Fehlende innere Klarheit kann eine weitere Ursache sein. Manche merken: „Ich weiß gar nicht, was ich dazu denke oder fühle.“ Das erzeugt Stress – und statt das zu zeigen, ziehen sie sich zurück oder bleiben vage. Signale dafür sind Aussagen wie: „Ich weiß nicht … hab´ ich mir nie Gedanken darüber gemacht“, lange Pausen oder unsichere Antworten. Die Menschen wirken eher ratlos als abwehrend. Oft fehlt ganz schlicht der Zugang zu eigenen Gedanken oder Gefühlen.

Kein Zeichen von Desinteresse

Tiefe entsteht normalerweise spontan in einem passenden Kontext und mit Vertrauen. Wenn Vertrauen fehlt oder die Situation nicht zur Gesprächstiefe passt, bleiben Menschen bewusst an der Oberfläche. Das kann am falschen Ort oder Moment liegen, aber auch an falscher Stimmung oder der falschen Person. Tiefergehende Gespräche werden dann nicht grundsätzlich, sondern überlegt blockiert: „Passt das hier und jetzt?“ Ein Signal kann ein Satz sein wie „Darüber will ich jetzt nicht reden“. Es liegt dann keine grundsätzliche Verschlossenheit vor und zu einem späteren Zeitpunkt in anderer Umgebung ist es durchaus möglich sich zu öffnen.

Rückzug vor Tiefe ist also oft kein Desinteresse, sondern eine Form von Selbstschutz oder Gewohnheit. Wenn Menschen ausweichen, Themen wechseln, abblocken oder ins Oberflächliche gehen, passiert das meist automatisch, nicht bewusst geplant. Dann hilft es sich zu vergegenwärtigen: Die Reaktionen sagen oft mehr über die innere Lage der anderen Person als über einen selbst oder das Thema. Hilfreich ist dann ein „sanfter Test“, statt jemanden in die Tiefe zerren zu wollen. Man kann zum Beispiel vorangehen und leicht dosiert etwas Persönliches mitteilen und offen dafür bleiben, ob die andere Person mitgeht. Unterstützend wirkt, wenn die Reaktion beobachtet, und das Verhalten akzeptiert wird, statt nachzubohren. Wenn jemand ausweicht, ist das meist eine Grenzziehung aber keine generelle Ablehnung. Lassen Sie sich nicht davon abhalten selbst ehrlich über Ihre Gedanken zu sprechen, Ihre Unsicherheit mitzuteilen und zeigen Sie nicht nur, was „funktioniert“. So signalisieren Sie Ihre Bereitschaft in die Tiefe zu gehen. Halten Sie kurze Pausen, emotionale Momente und die daraus möglicherweise entstehende Unsicherheit aus. Trainieren Sie, die Situation nicht sofort retten zu wollen, sondern lassen Sie Stille zu! Üben Sie sich im Zuhören. Die meisten Menschen wollen lieber reden und antworten. Aber Tiefe entsteht im Zuhören und Verstehen. Sie können danach das Gehörte besser mit eigenen Worten, ohne Bewertung, wiederholen und die von Ihnen wahrgenommenen Gefühle thematisieren. Das signalisiert Ihrem Gegenüber echtes Interesse.

„Trainieren Sie, die Situation nicht sofort retten zu wollen, sondern lassen Sie Stille zu! Üben Sie sich im Zuhören.“

Gute Fragen stellen

Wenn es für Sie ungewohnt ist oder Ihnen riskant erscheint in die Tiefe zu gehen, dann können Sie sich selbst trainieren, indem Sie Neugier bewusst kultivieren. Sie können, statt einsilbig zu reagieren, lernen zurückzufragen mit: „Wie meinst du das genau?“ oder „Was hat das mit dir gemacht?“ Man kann sich einen Fragestil angewöhnen zu: „Was ist passiert?“, „Warum ist es passiert?“ oder „Was bedeutet es für dich?“ Gutes Fragen ist lernbar, braucht aber etwas Übung! Eine Faustregel ist: Offene Fragen plus Emotion ergibt Tiefe! Beispiele dafür: „Was beschäftigt dich im Moment wirklich?“ „Wann hast du dich zuletzt richtig lebendig gefühlt?“ „Was würdest du gerne öfter fühlen?“

Üben Sie Tiefe. Vereinbaren Sie mit sich eine Challenge. So können Sie sich zum Beispiel vornehmen, bei jedem Gespräch eine echte, weiterführende tiefe Frage zu stellen, einmal in der Woche ein längeres Gespräch zu führen oder Small Talk nicht abzubrechen, sondern zu vertiefen. Aber bitte bedenken Sie auch: Nicht jeder will Tiefe – und das darf so sein! Kommunikationsfähigkeit zeigt sich auch darin, dass man erkennt: „Wer ist offen?“ oder wann der richtige Moment ist. Tiefe Gespräche sind kein Verhör, sondern eher wie eine gemeinsame Erkundung.