So ging ich also
Kolumne
Durchhalteparolen können etwas sehr Merkwürdiges an sich haben. Wenn sie zum Beispiel von den falschen Menschen zum falschen Zeitpunkt angebracht werden. Oder bloße Theorie sind, die dem Alltag nicht standhalten. Uwe Heimowksi erzählt hier von einer ganz anderen Art, von vielen kleinen Schritten, von kurzem Atem und dem Glück, oben anzukommen.
Was für ein Fest! Mein Schwiegervater feierte seinen 90. Geburtstag. Er lud die Familie zu einem gemeinsamen Tag in die Berge ein. Mit der Seilbahn fuhren Kinder, Enkel und Urenkel in das Bergrestaurant Sillerenbühl im Berner Oberland. Dort gibt es nicht nur einen zünftigen Brunch mit „Älpler Makkaroni“ und anderen regionalen Köstlichkeiten, sondern auch einen Trottinett Verleih: Tretroller, mit denen man die Berge hinunterfahren kann. Ein herrlicher Spaß. By the way: Der Jubilar nahm für die Abfahrt das E-Bike, mit dem er die 2000 Höhenmeter bereits vor allen anderen hinauf gefahren war. Der Imbiss am Nachmittag stand dann unter dem Motto: „Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat“ (Psalm 139,2). Ein dankbares Zurückschauen auf ein erfülltes Leben, davon 59 Jahre an der Seite seiner Ehefrau, die vor dreieinhalb Jahren gestorben ist.
Wir hatten doch die Deiche
Abends lag ich in meinem Bett und konnte eine Weile nicht einschlafen. Meine Gedanken wanderten durch die Jahre mit meinen Schwiegereltern und blieben schließlich bei einer Episode hängen: Unser Ziel lag 3243,4 Meter über dem Meeresspiegel. An die zehntausend Schritte, die es steil bergauf gehen würde. Über Gletscher und Bäche, nackte Felsen und Wurzelwerk. Au Backe! Worauf hatte ich mich da nur eingelassen! Aber was macht man nicht alles aus Liebe? Ich bin an der Nordsee aufgewachsen. Bei uns in Nordfriesland gab es flaches Land, soweit man sieht. Vom Himmel unendlich weit überspannt kann man kilometerweit in die Ferne schauen. Wenn wir als Kinder Schlitten fahren wollten, gingen wir an den Deich und rodelten die paar Meter hinab – Berge gab es einfach nicht. So viel zu mir. Christine, meine Frau, stammt aus der Schweiz. Ihr Heimatort ist Adelboden, ein herrlich gelegenes Dorf im Berner Oberland. Ihre Eltern besitzen dort ein kleines Haus, einen ehemaligen Stall auf der Alp, direkt an der Weltcup-Skipiste auf 1300 Metern Höhe, den sie sich zu einem gemütlichen Alters-ruhesitz ausgebaut haben.
Der höchste Berg in der Region
Als für Christine und mich feststand, dass wir fest zusammenbleiben wollten, luden sie uns ein und wir verbrachten ein paar Tage bei ihnen. Und natürlich wurde ein Tourprogramm für den Schwiegersohn in spe entworfen. Oder war es ein Test meiner Bergtauglichkeit? Der Höhepunkt war eine Gletscherüberquerung und Gipfelbesteigung auf den Wildstrubel, den höchsten Berg in der Region. Ob ich mir das zutraute? Natürlich sagte ich zu, das gehörte sich so, fand ich. Aber ich tat es mit sehr gemischten Gefühlen. Tatsächlich war ich noch nie auf einen Berg gestiegen. Und die dünne Luft ließ mich schon in der schwiegerelterlichen Berghütte ziemlich schnaufen. Wie sollte ich 3243,4 Höhenmeter schaffen, ohne dass mir die Puste ausging? Ich beschloss, mir erstmal nichts anmerken zu lassen. Die Bergtour hatte zwei Etappen. Am Vorabend stiegen wir zur Engstligenalp hinauf, an einem traumhaften Wasserfall entlang, und übernachteten dort in einer kargen Berghütte. Am nächsten Morgen ging es weiter zum eigentlichen Aufstieg. Vor Sonnenaufgang standen wir auf, um den Gipfel noch vor dem heißen Mittag zu erreichen. Nach der kurzen Nacht war ich müde, hatte schon Muskelkater vom Vortag und fragte mich wirklich, wie ich das bloß schaffen sollte. Mein Schwiegervater schien meine Gedanken zu lesen. „Uwe, du darfst nicht auf den Gipfel schauen. Achte auf deine Schritte. Und dann gehst du Schritt für Schritt, einen nach dem anderen. Du wirst sehen, plötzlich sind wir oben.“ Auch Christine machte mir Mut.
„Bei uns in Nordfriesland gab es flaches Land. Wenn wir als Kinder Schlitten fahren wollten, gingen wir an den Deich und rodelten die paar Meter hinab.“
Und plötzlich war ich oben
Und so ging ich also. Schritt. Für Schritt. Für Schritt. Für Schritt. Zehnmal, hundertmal, tausendmal. Am Seil mit meinem Schwiegervater und meiner Liebsten. Schnaufend. Aber es ging vorwärts. Der Weg führte über Klippen. Und über das ewige Eis des Gletschers. Und dann waren wir plötzlich wirklich oben. Fantastisch! Der Himmel war klar und der Ausblick war herrlich. Wir sahen vom Berner Oberland bis ins Wallis, erkannten den Mont Blanc und das Matterhorn. Allein das war ein Traum! Doch ich gebe es zu: Das Gefühl, es geschafft zu haben, war fast noch besser. Ich hatte es geschafft! Schritt für Schritt. Der Abstieg wurde zum Vergnügen und ich hatte sogar Zeit und genug Aufmerksamkeit, die vielen kleinen, vor Farbe berstenden Bergblumen zu bewundern.
Mehr als drei Jahrzehnte sind seither ins Land gegangen. Aus mir ist kein passionierter Bergsteiger geworden, auch wenn ich die Schönheit der Berge zu lieben gelernt habe. Ohnehin könnte man die Tour heute so nicht mehr machen, der schmelzende Gletscher lässt das nicht zu. Meinem Schwiegervater, der das seit 90 Jahren miterlebt, braucht niemand etwas davon zu erzählen, dass es keinen Klimawandel gäbe. So lag ich also abends im Bett und dachte an die Jahre mit Christine und ihrer Familie. Da ist so viel Segen drin! Und es gab auch viele Herausforderungen. Aber wir haben sie bis hier hin gemeistert. Mit Gottes Hilfe! Und weil ich meine Lektion von damals nicht vergessen habe: Wenn du den Gipfel deiner Herausforderungen, deines Lebens, erreichen möchtest, dann geh Schritt für Schritt. Oder, wenn du gerade 90 wirst, nimm ruhig ausnahmsweise mal das E-Bike.
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