Richtig gut entscheiden
Ratgeber
Wir treffen täglich unzählige Entscheidungen, manchmal nur für uns persönlich, manchmal auch für andere, zum Beispiel als Eltern oder Führungskraft. Aber wie schaffen wir das? Wie können wir sicherstellen, dass wir gut und richtig liegen? Wie bei allem Für und Wider sensibel auf die Stimme Gottes hören? Dr. Volker Kessler über die Vorteile der Acht-Phasen-Moderation.
Es gibt eine Methode zur Entscheidungsfindung, die gleichermaßen Raum lässt für Ratio, Emotionen, Kreativität und Spiritualität. Man kann sie allein für sich anwenden oder in einer Gruppe, und die Kernidee dabei ist, sich auf einen Aspekt nach dem anderen zu fokussieren. Es ist Raum für analytisches Vorgehen und für Emotionen, für Pro und Contra, aber immer schön nacheinander und nie gleichzeitig.
Die sechs Hüte
Die Grundidee dazu findet sich schon in der sogenannten Beratung der ersten Väter. Diese Beratung führte 1539 zur Gründung des jesuitischen Ordens. Ignatius und seine Freunde, sie nannten sich die „Gefährten Jesu“, standen damals vor einer wichtigen Wegscheide. Sie trafen sich abendlich, um zu beraten. Als sie in einer wichtigen Frage nicht weiterkamen, änderten sie ihre Besprechungsmethode. An einem Abend redeten sie nur über die Nachteile einer bestimmten Idee, am nächsten Abend nur über ihre Vorteile. So fanden sie doch noch einstimmig zu einer Lösung. Aus heutiger Sicht erscheint die Besprechungsmethode der ersten Väter sehr innovativ.
1985 publizierte der maltesische Kreativitätsforscher Edward de Bono die „Methode der sechs Denkhüte“. Eine Kernidee ist es, nicht gegeneinander zu diskutieren, wie es häufig passiert: Einer bringt einen Vorschlag und ein anderer sagt, warum das nicht geht. Das Problem dabei ist, dass man gegensätzlich denkt. Stattdessen solle man immer parallel in die gleiche Richtung denken. Diese Denkrichtungen beleuchten den Sachverhalt unter verschiedenen Aspekten, nach Fakten, Emotionen, Ideenfindung, Vorteilen einer Idee, Nachteilen einer Idee. De Bono selbst gibt als Inspiration für seine Idee Erfahrungen aus Japan an, die Beratung der ersten Väter erwähnt er nicht.
„Es geht darum, die eigenen Gefühle zu benennen, und nicht darum, anderen Personen Vorwürfe zu machen oder sie abzuwerten.“
Die acht Phasen
An der Akademie für christliche Führungskräfte haben wir die Acht-Phasen-Moderation entwickelt. Sie hat Ähnlichkeiten mit den sechs Denkhüten, enthält aber zwei weitere wichtige Phasen: eine zur Spiritualität und eine zur konkreten Entscheidungsfindung. Üblicherweise durchläuft man jede Phase mehrfach. Man startet eine Sitzung oder den eigenen Denkprozess mit der blauen Phase, um das Ziel zu benennen und die Reihenfolge der Phasen festzulegen. Wichtig: Zu jedem Zeitpunkt sind alle Beteiligten immer in der gleichen Phase. Denn sonst würde man gegeneinander denken, was gerade zu vermeiden ist. Ein Phasenwechsel wird kommuniziert. Er kann sich aus dem angedachten Fahrplan ergeben, er kann aber auch spontan beantragt werden, zum Beispiel durch: „Ich möchte jetzt in die rote Phase gehen.“
Die Moderationsphase
Hier wird das Ziel der Sitzung benannt, und es wird eine Reihenfolge der Phasen festgelegt, der Fahrplan. Diese Reihenfolge kann geändert werden, wenn es die Situation erfordert. Wenn es eine klar benannte Moderatorin oder einen Moderator gibt, wird häufig sie oder er zur blauen Phase überleiten, aber die Initiative dazu kann von jedem Teilnehmenden kommen. Teilnehmende können zum Beispiel eingreifen, wenn sie den Eindruck haben, dass die aktuelle Diskussion nicht zum Ziel der Sitzung passt.
Die „Ist“-Analyse
Hier werden nur reine Fakten gesammelt und es wird keine Interpretation vorgenommen. Man diskutiert auch nicht in der grauen Phase. Man kann aber überlegen, wie zuverlässig eine Information ist und welche Informationen man noch benötigt. Meinungen von externen Experten können eingebracht werden im Sinne von „Experte A meint, dass …“. Aber die eigene Meinung gehört nicht in die graue Phase. Ich empfehle sehr, die wichtigen Fakten so aufzuschreiben, dass sie für jeden sichtbar sind, zum Beispiel auf einem Flipchart.
Eine rein spirituelle Phase
Es geht um ein bewusstes Hören auf Gott. Das kann in der Stille geschehen, im Gebet oder durch das Betrachten biblischer Texte. Auch diese Phase kann mehrfach durchlaufen werden. Häufig praktizieren wir Spiritualität nur am Rande, das heißt, wir beten am Anfang und am Ende eines Treffens. Warum nicht zwischendurch eine spirituelle Phase einläuten?
Stimmungsbild
Diese Phase bietet die Möglichkeit, positive und negative Gefühle zu benennen. Sie ist gerade in Konfliktgesprächen enorm wichtig, denn unsere Emotionen steuern uns und es ist leichter, mit den Emotionen umzugehen, die auf dem Tisch liegen, als mit den Emotionen, die unter dem Tisch bleiben. Gerade diese Phase bedarf klare Spielregeln: Es geht darum, die eigenen Gefühle zu benennen, und nicht darum, anderen Personen Vorwürfe zu machen oder sie abzuwerten. Deswegen sind hier reine „Ich-Botschaften“ gefragt. Achtung: Nicht jeder Satz, der mit „ich“ beginnt, ist eine „Ich-Botschaft“. Damit sich niemand in Rage redet, sollten die einzelnen Beiträge zeitlich begrenzt werden, zum Beispiel auf zwei Sätze oder 30 Sekunden. Jeder kann sich gerne öfters in der roten Phase beteiligen, aber immer nur kurz.
Kreativität
Diese Phase ist das Brainstorming. Gelb symbolisiert das Grenzenlose, auf zur Sonne. Es werden Ideen gesammelt, aber – ganz wichtig – noch nicht bewertet. Das darf in dieser Phase nicht passieren, weder verbal noch nonverbal. Bei wertenden Bemerkungen in dieser Phase muss die Moderatorin oder der Moderator eingreifen und an die Spielregeln erinnern. Methodisch bietet sich für diese Phase der Einsatz von Moderationskarten an. Die Erfahrung zeigt, dass jeder am Gespräch Teilnehmende mindestens eine Karte mit einer Idee schreibt. Manchmal ist es gut, die gelbe Phase zweimal einzuläuten: Man sammelt in einer ersten Runde alle Ideen (gelbe Phase), ordnet sie zunächst (blaue Phase) und geht dann noch mal zur gelben Phase: „Wenn ihr euch diese Vorschläge anschaut, welche Ideen kommen euch noch?“ Oft sind Ideen aus der zweiten gelben Phase zielführender und origineller als die Ideen der ersten gelben Phase.
Vorteile
Hier werden wie bei der Beratung der ersten Väter nur die Vorteile einer Idee aufgezählt. Die Farbe Grün erinnert an eine Verkehrsampel. Was spricht für ein „Go“? Welches Potenzial hat diese Idee? Welchen Nutzen liefert sie? Achtung: In der gelben Phase darf man auch mal träumen, aber in der grünen Phase muss man realistisch sein. Alle Aussagen müssen begründbar sein und können von anderen infrage gestellt werden.
Nachteile
Orange soll an das Rot einer Verkehrsampel erinnern. Was spricht für ein „Stopp“? Nachteile und mögliche Risiken einer Idee werden gesammelt. Das ist eine wichtige Phase. Es ist der Platz für den „advocatus diaboli“: Auch wer eigentlich für eine bestimmte Idee ist, kann hier Argumente dagegen bringen. Er oder sie sollte sich sogar hier beteiligen, um den anderen zu zeigen, dass man nicht naiv eine Idee unterstützt, sondern sich mancher Risiken durchaus bewusst ist. Soll in der Diskussion zuerst die grüne oder zuerst die orange Phase kommen? Beides hat Vor- und Nachteile. Beginnt man mit der orangen Phase, besteht die Gefahr, dass eine Idee zu früh abgewürgt wird. Ich habe es aber auch schon erlebt, dass wir bei einer Idee in der grünen Phase viele tolle Vorteile fanden und danach in der orangen Phase feststellen mussten, dass diese Idee völlig unbezahlbar war. Mit anderen Worten, wir hatten in der grünen Phase Luftschlösser gebaut und es war schade um die vertane Zeit. Bei der Visualisierung der grünen und der orangenen Phase kann man eine Pro & Contra-Matrix nutzen.
Entscheiden
Jetzt geht es darum, verbindlich zu entscheiden, sozusagen „schwarz auf weiß“. Auf einer To-do-Liste ist festzuhalten, wer was bis wann macht, und bei der nächsten Sitzung beginnt man in der grauen Phase mit den Ergebnissen der To-do-Liste. Vielleicht entscheidet man auch in einer Sitzung, dass man jetzt noch nicht entscheiden kann. Dann ist festzulegen, welche Informationen noch fehlen und wer sie bis zum nächsten Mal beschafft.
Die folgende Abbildung zeigt einen möglichen Ablauf einer Sitzung:
Der Gewinn
Was das bringt die Acht-Phasen-Moderation? Sie ist meiner Erfahrung nach passend für komplexe Entscheidungen. Für das Tagesgeschäft ist sie zu aufwändig. Hilfreich ist sie zum Beispiel bei strategischen Entscheidungen und in emotional aufgeladenen Situationen, zum Beispiel bei Konflikten. Man kann die acht Phasen auch nutzen, wenn man allein über eine Entscheidung nachdenkt. Die einzelnen Phasen bewusst zu durchlaufen, kann bei komplexen Entscheidungen helfen, das eigene Nachdenken zu strukturieren. Und es stellt sicher, dass man auch im stillen Kämmerlein an alle Aspekte denkt. Wenn man zum Beispiel sehr von einer Entscheidung überzeugt ist, kann es gut sein, dennoch einmal die möglichen Risiken dieser Entscheidung zu betrachten. Das gibt Sicherheit für später, wenn Probleme auftreten, die aus der
getroffenen Entscheidung resultieren.
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