Kraftvoll

Kolumne

Menschen machen viele Worte, und längst nicht alle wären nötig. Worte lenken ab, halten auf, stören. Sie helfen, trösten und ermutigen. Worte weisen die Richtung und legen fest – immer darauf schauend, wer wann was zu wem sagt. Doris Schulte hat sich einer sehr kurzen Formel zugewandt und meint: Die hat es wirklich in sich!

„Lass ihn“ rief meine Schwiegermutter jedes Mal, wenn sie meinen Schwager dabei erwischte, wie er seinem jüngeren Bruder beim Spielen etwas wegnehmen wollte. Diese beiden Worte reichten aus, um Klarheit zu schaffen. Sie hatten Autorität und erreichten ihr Ziel. Jesus selbst nutzte sie bereits. „Lass ihn“ oder „lass sie“ und erzielte damit eine Signalwirkung. Die Menschen um ihn herum hörten und verstanden die Signalwirkung und begriffen, was Jesus im Sinn hatte. Er wollte Brücken zu Menschen bauen, Beziehungen stärken und das Wesentliche im Leben hervorheben. 
 

Die Frau mit dem Öl

um Beispiel in der Geschichte der Frau, die Jesus die Füße mit kostbarem Öl salbte (Johannes 12,1–13). Diese Geste passte dem Jünger Judas Iskariot überhaupt nicht. Angriffslustig sagte er: „Warum wurde dieses Öl nicht verkauft und das Geld an die Armen verteilt?“ Das sagte er nicht, weil er selbst ein Herz für die Armen hatte, sondern weil er geldgierig war. Jesus reagierte entspannt mit „Lass sie“ und fügte eine kluge Erklärung hinzu: „Diese Frau hat dieses Öl für den Tag meines Begräbnisses aufbewahrt!“ Und zu allen Jüngern sagte Jesus: „Die Armen wird es immer bei euch geben, aber mich habt ihr nicht mehr lange bei euch!“ 

„Ganz entspannt reagierte Jesus mit den Worten: ‚Lass sie‘!“

Das Zeichen der Liebe

„Lass sie“ setzte Jesus auch ein, als er privat bei einem Pharisäer namens Simon zum Essen eingeladen war (Lukas 7,36–50). Als sie gerade zu Tisch lagen, bekamen sie Besuch von einer Prostituierten, die weinend an das Fußende des Polsters trat, auf dem Jesus lag. Dabei fielen ihre Tränen auf seine Füße, die sie dann mit ihren Haaren trocknete, sie küsste und salbte. Weil Simon dieses Verhalten der Frau als rufschädigend empfand, dachte er: „Wenn dieser Mann wirklich ein Prophet wäre, wüsste er, was für eine das ist, von der er sich da anfassen lässt!“ Ganz entspannt reagierte Jesus mit den Worten: „Lass sie“, und erklärte Simon, dass die Frau ihm mehr Liebe und Dankbarkeit entgegenbrachte als er selbst. Er hob hervor, dass Simon ihm keine Zeichen der Gastfreundschaft gegeben hatte, während die Frau ihm mit ihren Tränen und kostbarem Öl Ehre erwies. Jesus betonte, dass die große Liebe der Frau aus der Vergebung ihrer Schuld resultierte.
 

Im Namen Jesu

„Lasst ihn“ sagte Jesus ebenfalls zu seinen Jüngern, als sie versucht hatten, einen für sie unbekannten Mann daran zu hindern, im Namen Jesu böse Geister auszutreiben, einfach weil er nicht einer von ihnen war (Markus 9,38–41). „Lasst ihn“ sagte Jesus, „haltet ihn nicht auf, denn wer meinen Namen gebraucht, um Wunder zu tun, kann nicht im nächsten Augenblick schlecht von mir reden. Wer nicht gegen uns ist, ist für uns.“ Jesus wirbt hier um mehr Vertrauen in Menschen, die Gutes sagen und tun im Sinne Gottes, anstatt sie voreilig zu verurteilen und auszugrenzen.

Bei dieser „Lass sie-Theorie“ geht es um „leben und leben lassen“. Zwei Power-Worte, die uns von der Last befreien, andere managen zu müssen. Wenn wir aufhören, uns Gedanken darüber zu machen, was andere denken, sagen oder tun (solange es nichts ist, was Gottes Wort widerspricht), haben wir viel Zeit und Energie, uns auf unsere eigene Liebe und Dankbarkeit gegenüber Jesus zu konzentrieren und tragen dazu bei, Verständnis und Liebe zwischen Menschen zu fördern. So lebt sich’s gut.