Ich überquere die Brücke
Persönlich
Jahrelang hat sie sich um Menschen in unendlich großer Not gekümmert, mit viel Hingabe, aber nicht selbstvergessen. Sie weiß, was es heißt, anderen zu dienen und sie weiß, wie wichtig es ist, auf sich selbst zu achten. Jetzt aber stellt eine Diagnose alles auf den Prüfstand, und vieles auf den Kopf. Andrea Wegener erzählt, wie es ihr mitten in der Krebstherapie geht, und wie sie über Gott denkt.
Ich wollte in dieser Woche ohnehin mein Testament überarbeiten. In den letzten Jahren hatte mich meine Arbeit in der humanitären Hilfe oft in Situationen geführt, in denen der Tod nur ein paar Schritte entfernt war: Christen im Irak, die vor dem IS flüchteten; Schiffsbrüchige vor Lesbos und Samos, die Kinder oder Ehepartner verloren hatten; Erdbebenüberlebende in Haiti und in der Türkei. Mir ist bewusst, dass das Leben sehr kostbar ist. Und sehr zerbrechlich. Mit den meisten meiner Freunde und Kollegen ist das Reden über den Tod kein Tabu, es gehört irgendwie zu unserem Arbeitsalltag dazu.
Mal alles absagen
Irak, Lesbos, Samos, Haiti, Türkei. Auch mein nächster Einsatzort sollte wieder in einer Krisenregion sein; die Flugtickets waren für die nächste Woche gebucht, Unterkunft und Ansprechpersonen gefunden. Es waren nur noch ein paar Formalitäten zu erledigen – und ein kurzer Besuch in der Klinik, in die ich vor einigen Wochen zur Routine-Brustkrebs-Vorsorge gegangen war. Ich bin eigentlich nie krank und hatte auch keine Beschwerden. Als ich die Einladung zu diesem zweiten Termin erhielt, um einen unklaren Befund abzuklären („aber das muss für Sie kein Grund zur Sorge sein“, stand extra in dem Anschreiben, “in den allermeisten Fällen kann durch diese Nachuntersuchung ein negativer Befund ausgeschlossen werden”), machte ich mir deswegen keine Gedanken. Ich rechnete wirklich nicht damit, dass ein weintraubengroßer Tumor nun bis auf Weiteres mein Leben bestimmen und meine Pläne über den Haufen werfen würde. „Für die nächsten Monate sagen Sie mal besser alles ab“, meinte die Ärztin, die mir die nächsten Schritte erklärte. Das alles ist nun zwei Monate her, und ich stecke mittendrin in der „Brustkrebs-Therapiemaschinerie“, wie eine Freundin das ausdrückte. Manche Bekannte wundern sich, dass ich in all dem ja doch ziemlich gelassen wirke, und manchmal wundere ich mich selbst. Es sind ein paar Erfahrungen, Gedanken und ganz praktische Dinge, die mir in dieser Zeit helfen, fröhlich zu bleiben – und die meisten haben irgendwie mit Gott zu tun.
Zum Sterben fertig
Seit meiner Kindheit ist Gott in meinem Leben eine selbstverständliche Realität. Ich weiß, dass er wollte, dass es mich gibt. Dass er mich so gemacht hat, wie ich bin, und Gutes mit mir vorhat. Dass er mich liebhat. Dass mir vergeben ist. Dass ich eine Zukunft bei ihm habe. Und dass nichts passiert, was er nicht wüsste und in der Hand hätte. Was ich schon im Kindergottesdienst gelernt habe, hat immer mehr auch die Richtung meines Lebens bestimmt: Ich möchte mein Leben – meinen Körper, meine Kraft, meinen Verstand, mein Herz –so einsetzen, dass es Gottes Liebe und Größe für andere widerspiegelt. Und diese „anderen” waren in den letzten Jahren eben Menschen in Krisengebieten, zu denen ich mich berufen sah.
Nichts von dem, was wirklich wichtig ist, und was ich eben mit wenigen Worten zu beschreiben versucht habe, hat sich geändert, seit ich meine Diagnose erhalten habe. Mir geht in den letzten Wochen oft eins meiner Lieblingslieder aus dem 19. Jahrhundert durch den Kopf, in dem es heißt: „Deines Winks bin ich gewärtig, auch des Rufs aus dieser Welt; denn der ist zum Sterben fertig, der sich lebend zu dir hält.” Ich bin in einer anderen Lebensrealität verankert als in der, die ich vor Augen habe. Deswegen kann ich meine Arbeit unter den Gebeutelten und Vergessenen dieser Welt tun, ohne die Hoffnung zu verlieren. Deswegen kann ich auch den Gedanken an den Tod in diesen Monaten ruhig ein paar Mal zu Ende denken, ohne Panik zu bekommen. Ich lebe an Gottes Hand. Und wenn meine Zeit kommt – ob mein Leben plötzlich und unerwartet morgen in einem Straßengraben endet, ob mit neunzig „alt und satt an Tagen”, wie es in meiner Elberfelder Bibel so schön heißt, in meinem Bett zu Hause oder irgendetwas dazwischen – gehe ich an dieser Hand ins nächste Leben.
„I’ll cross that bridge when I get there. (Ich überquere die Brücke, wenn ich da bin.)“
Ich nehme es an
Ja, manchmal trauere ich auch ein bisschen. Über das, was gerade nicht ist – ich wäre wirklich lieber gesund und ganz woanders! – und über das, was vielleicht unwiederbringlich verloren sein wird. Meine Krankheit erinnert mich daran, dass mein Körper seine Halbwertszeit überschritten hat und dass ich nie mehr dieselbe Energie haben werde wie die vielen Leute um die zwanzig, mit denen ich in den letzten Jahren gearbeitet habe. Und das ist in Ordnung. Gott ist davon noch weniger überrascht als ich. Ich bin gespannt, wie er meinen Körper, der vermutlich nie wieder als „ganz gesund” bezeichnet werden wird, trotzdem weiter nutzen wird, um seine Liebe und Großartigkeit widerzuspiegeln. Dass mein „Einsatzgebiet” nun erst einmal unter Krebspatienten und in Rehas ist, und dass ich so persönlich betroffen bin, hätte ich mir nicht ausgesucht. Aber ich nehme es als Gottes Platzanweisung an. Und ganz ehrlich: Allzu viel denke ich über diese existentiellen Fragen gar nicht nach. Ich habe auch aufgehört, im Internet all die Abkürzungen auf meinem Befund und die vielen anstehenden Therapien – samt den zu erwartenden Nebenwirkungen – zu recherchieren. Im Dunst des Geredes von „lebensverlängernden” Maßnahmen, „schlechteren Prognosen” und „belastenden Nebenwirkungen” kommen auf jeden guten Rat gefühlt acht grausige Geschichten von Dingen, die mir auch blühen könnten – aber nicht unbedingt blühen werden. Das muss ich mir nicht antun. „I’ll cross that bridge when I get there“, um es mit meinen englischsprachigen Freunden zu sagen. „Ich überquere die Brücke, wenn ich da bin.“
Wie lange, weiß niemand
Manchmal ist es das Beste, mich einfach abzulenken und irgendetwas Naheliegendes zu tun: An die frische Luft gehen, abwaschen, Obst schnippeln und was Nettes kochen, zum Supermarkt spazieren und einfach bloß eine Ingwerknolle kaufen, Freunde anrufen... Ich habe auch angefangen, die Sprache meines geplanten nächsten Einsatzlandes zu lernen. Um meine Gedanken bei der Stange zu halten, aber auch als eine Art Anker in der Zukunft. Denn das wird mir in diesen Monaten auch neu bewusst: Ich will nicht nur „zum Sterben fertig” sein. Ich will leben! Auch mein Leben ist in seiner Zerbrechlichkeit kostbar. Ich will es an Gottes Hand gestalten und nutzen. Ich denke weiter fröhlich in die Zukunft. Ich weiß nicht, wie viel Zeit mir bleibt. Aber das weiß ja niemand von uns.
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