Hell wie ein Stern
Inspiration
Es gibt Worte, die zu Phrasen werden, die fad und wirkungslos über einen kommen und ihre Kraft verlieren. Die, mit denen sich Christopher Orth hier beschäftigt, gehören ganz sicher nicht dazu. Er hat sich Gedanken über die Gnade, Barmherzigkeit und Güte Gottes gemacht und meint, die bringen nicht nur sprichwörtlich hellstes Licht in tiefste Dunkelheit.
Manche Bibelverse sind wie Sterne, die besonders hell strahlen. In einem der letzten Psalmen finden wir so einen hellen Stern, der mit seinem Licht unser ganzes Leben verändern kann. In Psalm 145 lesen wir ein überschwängliches Loblied von David. Er besingt Gott, seinen König. Von den insgesamt 150 Psalmen ist dieser der letzte aus der Feder des poetischen Königs nach dem Herzen Gottes. Die ganze Sprache zeigt: David ist begeistert von Gott. Sein Lob sprudelt nur so aus ihm heraus. Er will Gott erheben und seinen Namen loben, ihn rühmen, über seine Wunder nachsinnen, von seinen Taten und seiner Herrlichkeit erzählen und ewig soll aus seinem Mund das Lob des Herrn erklingen. Auf vielfältige Weise beschreibt David hier, wie gut Gott ist, und mittendrin leuchten die Verse 8 und 9 besonders hervor: „Gnädig und barmherzig ist der Herr, geduldig und von großer Güte. Der Herr ist allen gütig und erbarmt sich aller seiner Werke.“
Gott stellt sich vor
Über zehnmal kommt im Alten Testament eine Variante dieser Verse vor, und sie gehören zu den wichtigsten der ganzen Bibel, denn mit diesen Worten stellte Gott sich selbst vor. Mose hatte sich ja gewünscht, seine Herrlichkeit zu sehen, und der lebendige Gott lässt sich darauf ein. Sehen kann Mose Gott nicht, aber Gott wird an ihm vorüberziehen. Er platziert Mose in einer Felsspalte, bedeckt dessen Augen und während er in seiner Herrlichkeit an Mose vorbeigeht, ruft er: HERR, HERR, Gott, barmherzig und gnädig und geduldig und von großer Gnade und Treue (2. Mose 34,6).
David besingt diesen Gott, der reich ist an Vergebung. Menschen, die ihn suchen, gibt er nicht auf, und er ist voller Mitgefühl für diejenigen, die fallen und in Not sind. Er lässt alle Menschen seine unglaubliche Güte erfahren und hilft denen, die zu ihm schreien. Und vom Propheten Micha erfahren wir, dass Gott nicht mit Opfern, langen Gebeten oder frommen Taten gnädig gestimmt werden kann oder muss. Nein, Gott liebt es, gnädig zu sein (Micha 7,18f). Seine Gnade ist aber keine beliebige oder billige Gnade, die alles toleriert oder Vergehen und Ungerechtigkeit einfach nicht ganz so tragisch nimmt. Gott ist kein ewig-entspannter Opa, und das weiß auch David. In all seinem Lob klammert er die „furchtbaren Taten“ Gottes nicht aus. Er sagt ganz deutlich, dass Gott eines Tages alle, die ihn missachten, vernichten wird.
„Wieviel Kraft und Segen liegt doch darin, unser Denken und unser Herz, so oft es möglich ist, von Gottes Wort füllen und verändern zu lassen.“
Gut und König
Ich liebe es, wie es dem christlichen Autor C.S. Lewis gelungen ist, diese Spannung in seinen Chroniken von Narnia zu veranschaulichen. Als die vier Geschwister zum ersten Mal nach Narnia kommen, erzählen ihnen zwei sprechende Biber hoffnungsvoll von Aslan und seiner bevorstehenden Ankunft. Er ist der wahre König von Narnia und ein großer Löwe. Da bekommen es die Geschwister mit der Angst zu tun und Susan fragt: „Oh! Ist man dann auch sicher vor ihm?“, worauf der Biber antwortet: „Sicher? Wer hat denn von sicher geredet? Natürlich, man ist nicht sicher vor ihm, aber er ist gut, und er ist der König.“ Wer die Bücher aufmerksam liest, erkennt: Jesus Christus ist dieser gute König. Er ist in seiner großen Liebe zu uns Menschen gekommen, um den Gott aus Psalm 145 in seiner ganzen Fülle und Herrlichkeit zu offenbaren. Von ihm „haben wir alle genommen Gnade um Gnade“. Er ist voller „Gnade und Wahrheit“. Am Kreuz von Golgatha wird das deutlich. Wie die zwei Balken dort übereinanderliegen, treffen sich dort Gnade und Wahrheit. Die Wahrheit, dass Gott so heilig und so gut ist, dass er Verfehlungen und Ungerechtigkeit nicht einfach ignorieren kann. Und gleichzeitig erkennen wir dort die große Gnade Gottes. Jesus Christus selbst hat unseren Platz eingenommen. Es kostet ihn das Leben, damit wir leben können. Das ist wirklich „amazing grace“, erstaunliche Gnade, wie John Newton es in seinem weltberühmten Lied ausgedrückt hat. So ist Gott – er ist gut, und er ist der König.
Für den ganzen Weg
Im Reich dieses Königs, in dem Gnade und Barmherzigkeit regieren, will ich gerne leben. Aber passe ich da hinein? Wie komme ich, wie kommen wir dahin, dass Gottes Charakterzüge immer mehr zu unseren werden? Vielleicht jubeln wir wie David, weil Gott so gnädig ist, aber schaffen es nicht unseren Geschwistern in der Gemeinde oder den anstrengenden Nachbarn mit Gnade und Mitgefühl zu begegnen. Vielleicht fällt es uns auch schwer mit uns selbst gnädig zu sein, wie es der amerikanische Sänger Corey Asbury einmal treffend formuliert hat: „Und ich weiß, dass Er mir vergibt, aber es fällt mir schwer, mir selbst zu vergeben. Ich kann nicht anders, als zu denken, dass diese erstaunliche Gnade für alle anderen bestimmt ist“. Um Gottes Gnade anzunehmen und mehr und mehr darin zu leben, können wir dies nicht hoch genug einschätzen: Wie viel Kraft und Segen liegt doch darin, unser Denken und unser Herz, so oft es möglich ist, von Gottes Wort füllen und verändern zu lassen.
Im Abendmahl mit unseren Geschwistern können wir immer wieder neu schmecken und sehen, wie freundlich der Herr ist. Es erinnert unseren Geist und unseren Körper daran, wie gnädig und barmherzig der Herr ist. Und ganz im Sinne Martin Luthers sollten wir uns selbst und einander immer wieder das Evangelium predigen, denn „das Evangelium ist nicht nur das Eingangstor zum christlichen Leben. Es ist das christliche Leben.“ (Malte Detje). Gottes Gnade gilt für den ganzen Weg unserer Nachfolge und auch bei unserer schrittweisen Veränderung wollen wir nicht auf uns selbst hoffen, sondern auf den Gott, der sich als gütig und geduldig offenbart hat. Das gute Werk, das er in uns begonnen hat, wird er auch vollenden.
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