Einfach gut

Leitartikel

Sind das zwei Seiten einer Münze? Also ist der, der geduldig ist, gleichzeitig auch klug? Oder umgekehrt? Bedingen die beiden sich wie untrennbare Größen, oder hat das eine mit dem anderen im Grunde genommen gar nichts zu tun? Detlef Eigenbrodt macht sich Gedanken über verantwortliches Handeln, konstruktive Lösungsfindung und die Frage, ob Stillstand auch was Gutes hat.

Lassen Sie mich Ihnen eine Geschichte erzählen. Es ist noch gar nicht so lange her, da bat ich jemanden, etwas zu tun. Das, worum es ging, war für uns beide wichtig und es war auch keine besonders ungewöhnliche Sache. Für mich jedenfalls nicht. Aber mein Gegenüber in dieser Geschichte kam meiner Bitte nicht nach. Immer wieder wurde die Umsetzung dessen, worauf wir uns längst verständigt hatten, verschoben. Es gab diverse Gründe und Erklärungen dafür, manches auch für mich nachvollziehbar, anderes eher nicht. So ging Woche um Woche, Monat um Monat, Jahr um Jahr ins Land. Die Sache blieb liegen und ich habe mich sehr oft gefragt, ob ich einfach nur zu ungeduldig bin und länger warten muss. Nun ja, nach vielen Anläufen und verzweifelten Bitten meinerseits, es doch endlich zu tun, ging mir irgendwann die Puste aus. Ich konnte nicht mehr sehen, dass es hier schlecht um meine Geduld bestellt war, ich konnte nur erkennen, dass der andere sich nicht bewegte und mich durch sein andauerndes Nichthandeln blockierte. Lähmte. Frustrierte. Enttäuschte. Wütend machte. Ich habe dann in all dem selbst gehandelt und das, was der andere Mensch hätte tun sollen, selbst getan. Ob das besonders klug war? Es führte nämlich zu einem ziemlich unheiligen Moment, der auch nicht nach wenigen Minuten wieder vorbei war. Denn jetzt war der andere frustriert. Enttäuscht. Verletzt. Eine Deutung des Geschehens wäre: Ich hatte die Geduld verloren und dann unklug gehandelt. Eine andere wäre: Auch Geduld kennt zeitliche Rahmenbedingungen und Konditionen, und nicht alles, was enttäuscht, ist unklug. Manches ist einfach konsequent, notwendig und heilsam.
 

Nicht einer wie der andere 

Es schadet in diesem Diskurs sicher nicht, sich klarzumachen, dass Menschen mit ganz unterschiedlichen Temperamenten ausgestattet sind. Verhaltensweisen, die uns intuitiv zur Handlung führen. Dinge, die wir automatisch, oder, um es anders zu sagen, natürlich tun. Wir folgen damit unserer Natur. Es sei denn, wir steuern bewusst dagegen. Und entscheiden uns zu einer Aktion oder Reaktion, die uns nicht mal soeben in den Schoß fällt. Die wir nicht natürlich empfinden, sondern um die wir ringen müssen. Für mich ist heute längst klar: In meiner Geschichte kann es nicht darum gehen zu fragen, wer Recht hatte und wer nicht. Es hilft schlicht nicht, sich damit zu beschäftigen. Denn wer Recht haben will, folgt dem fatalen Weg der Selbsttäuschung und verliert den anderen aus dem Blick. Den anderen als Menschen und auch seine Interessen.

Die emotionale Intelligenz könnte hier helfen. Im „Dorsch“, einem Lexikon der Psychologie, findet sich diese Erklärung:  „Intelligenz, emotionale [engl. emotional intelligence], wird als eine multidimensionale Fähigkeit zum Erkennen von Gefühlen, zum Umgang mit Gefühlen einschließlich ihrer Nutzung und zum angemessenen Ausdruck von Gefühlen verstanden. Das ursprünglich von Salovey und Mayer 1990 eingeführte Fähigkeitskonstrukt war theoretisch nicht unproblematisch, da Erkennen und Ausdruck verbunden wurden
(appraisal and expression of emotion). Für Erkennen wurde der Begriff appraisal (statt z. B. perception, understanding, recognition) verwendet, der mit Wertschätzungen und Einstellungen assoziiert ist. Erkennen von Emotionen bei einem selbst wurde in verbal und nonverbal unterschieden, was psychologisch kaum möglich ist.“ 1 Das klingt zunächst vielleicht kompliziert, ist es aber gar nicht. Im Grunde geht es um folgendes: Hinter der emotionalen Intelligenz steckt letztlich die Vorstellung, Gefühle bei sich und anderen verstehen, einschätzen sowie damit umgehen und angemessen darauf reagieren zu können.

Achtung, bitte nicht stolpern 

Damit kommen wir dem „klug“ in unserer Gleichung schon ziemlich nahe. Ich ziehe noch einmal meine Geschichte heran. Emotional intelligent und klug wäre ich also, wenn mir nicht nur meine eigenen Gefühle, sondern auch die meines Gegenübers klar wären. Wenn ich nicht nur wüsste, was ich will, sondern auch, was er will. Wenn ich die Wucht einschätzen könnte, die bei ihm und mir ausgelöst wird, die Gewalt und destruktive Kraft, die hinter einer falschen Handlung steckt. Erkennen, einschätzen, reagieren. Ja, wenn. Es wird nicht einfacher dadurch, dass auch mein Gegenüber emotionale Intelligenz braucht, um klug zu handeln. Denn auch ihm müsste wichtig sein, was in mir vorgeht. Aber ich will hier über mich und meine Verantwortung sprechen. Und die habe ich ja unbestritten.

Will ich also klug handeln, dann geht das nur, wenn ich bereit und in der Lage bin, Ursache und Wirkung verknüpft miteinander zu betrachten. Das ist eine Haltungsfrage. Eine Entscheidung, die ich treffen kann. Wenn ich das will. Und ich will das dann, wenn mir das biblische Prinzip „den anderen höher als mich selbst zu achten“ wichtig ist. Achtung, wir sollten nicht stolpern und dürfen das nicht isolieren, denn es gibt auch das andere biblische Prinzip, „den Nächsten zu lieben, wie sich selbst“. Emotional intelligent wäre, beides miteinander zu verknüpfen und sprechend, beratend, aufeinander hörend und auch den Vorteil des anderen suchend und sehend eine Lösung anzustreben, mit der beide nicht nur leben können, sondern die beide zutiefst zufrieden sein lässt. Wenn das so weit klar ist, wenden wir uns jetzt der Geduld zu. 

 

„Wer recht haben will, folgt dem fatalen Weg der Selbsttäuschung und verliert den anderen aus dem Blick.“

Herrscher meiner Haltung 

Der Duden definiert es so: „Geduld ist Ausdauer im ruhigen, beherrschten, nachsichtigen Ertragen oder Abwarten von etwas.“ 2 Ausdauer, das kennen wir aus dem Sport. Wer joggt, schwimmt, Rad fährt oder sonst etwas tut, das ihn an die Belastungsgrenze führt, und er macht trotzdem weiter, der macht Ausdauersport. Er trainiert, setzt seine Grenzen Stück für Stück nach oben und gewinnt einen immer größeren Radius. Durch Übung und Wiederholung entsteht Routine und Wachstum. Geduld kann man also erlernen. Indem man sie praktiziert, regelmäßig und zielgerichtet. Dann soll die Geduld beherrscht sein, sagt der Duden. Wir begreifen: Nicht die Umstände herrschen über uns, sondern wir beherrschen unsere Performance. Wir sind die, die entscheiden, was wir tun. Immer! Das gibt uns so unendlich viel Wert und Würde und die Gewissheit, nicht Marionette zu sein, sondern Herrscher. Zumindest über uns und unsere Haltung. Es geht weiter: Auch das nachsichtige Ertragen ist eine Dimension der Geduld. Nachsichtig meint, nach dem anderen zu sehen, ertragen heißt, etwas geschehen zu lassen, das man selbst nicht gewählt hat und das einem schwer fällt. Geduld ist Ausdauer im ruhigen, beherrschten, nachsichtigen Ertragen oder Abwarten. Abwarten liefert aber keine zeitliche Grenze und kann so verstanden werden, dass es unkonditional ist. Also nicht bis zu einem bestimmten Zeitpunkt, sondern so lange, bis es dann tatsächlich eintrifft. Ganz ehrlich: diese Erkenntnis fällt mir ziemlich schwer. 
 

Das hoffe ich aber! 

Ich kann abwarten, bis Weihnachten ist, weil ich weiß, wann das sein wird. Ich kann warten, bis ich das nächste Mal nach Südafrika reise, weil ich den Termin dafür selbst setze. Ich kann es aushalten, bis ich meine Kinder, Schwiegerkinder und Enkel das nächste Mal sehe, weil es regelmäßig stattfindet. Aber abzuwarten, bis das Unvorhersehbare geschieht? Nicht wissen, wann kommt, was ich will? Stillstehen und aktiv warten als Gegensatz zu Lethargie und fauler Passivität? Nee, das kann ich nicht so gut. Paulus hat dazu was in seinem Brief an die Römer geschrieben, Kapitel 8, Vers 25, und er hätte es so vermutlich auch an mich adressiert: „Wenn wir aber auf das hoffen, was wir nicht sehen, so warten wir darauf in Geduld“. Nur um die verschiedenen Ebenen nicht durcheinanderzubringen: natürlich spricht Paulus hier zunächst von geistlichen und spirituellen Dingen und nicht von uneingelösten Abmachungen zwischen Menschen. Aber er spricht mich eben doch auch an und hinterfragt meine Bereitschaft und Fähigkeit, zu warten.
 

Ich weiß, was zählt 

Haben also Geduld und Klugheit etwas miteinander zu tun? Ganz klar: Ja, sie haben. Kann man festlegen, in welcher Reihenfolge? Bewirkt Geduld kluges Handeln, oder führt kluges Handeln zu Geduld? Ganz klar: Nein. Hier eine Regel schaffen zu wollen, ist unmöglich. Täte man es doch, würde man des falschen Motivs wegen scheitern. Denn wer Regeln schafft, um sich an ihnen zu 
orientieren, verletzt das Gebot der Gnade und Barmherzigkeit. Und auf die kommt es an. Emotional intelligent mit Blick auf mein Gegenüber. Und auch im Umgang mit mir selbst. Zurück zu meiner Geschichte, die ich eingangs erzählte: Beide, mein Gegenüber und ich selbst, haben unsere eigenen Interessen in den Vordergrund gestellt und nicht auf das geachtet, was dem anderen wichtig war. Jeder hat dafür seine eigene Erklärung und Argumentation gefunden, und so schlüssig einem die auch vorkommen, so müssen sie doch nicht richtig sein. Wie gut, dass am Ende die Barmherzigkeit zählt.