Die Sprache des Himmels
Ratgeber
Dr. Martina Kessler meint, man könne auch ganz gut gelassen bleiben, und sie sagt das nicht als Blinde, die von der Farbe spricht. Sie kennt die menschlichen Lernfelder gut; sie kennt sie von sich selbst. Und gerade das macht ihren Beitrag so wertvoll. Ihr Appell, sich zu entwickeln und die Sprache des Himmels zu lernen, spornt nicht nur an, er macht auch viel Mut, es zu probieren.
An der anderen Schlange wäre es schneller gegangen! – Haben Sie das auch schon mal vor einer Supermarktkasse gedacht? Ich denke das nach der Entscheidung für eine Warteschlange fast immer. Vorher checke ich ab, wo es schneller gehen könnte. Aber das klappt dann nicht immer. Und gleichzeitig ist da der Gedanke: ist das nicht blöd? Wer kann schon wissen, ob es nicht durch die Menschen vorne in der eigenen Schlange noch zu Verzögerungen kommt. Und wer kann wissen, ob es an der vermeintlich langsameren Kasse nicht ein unerwartetes schnelles Weitergehen gibt. Am Ende macht sich dann oft ein befriedigendes Gefühl breit, wenn ich zwei Sekunden schneller am Ausgang war als die Person an der Nachbarkasse. Man kann sich das Leben wirklich schwer machen! Ungeduldig sein, das kann ich also.
Geduld ist eine Tugend
Was wäre die Alternative? Ich will doch auch nicht alles willenlos hinnehmen. Aber: Zwischen Ungeduld und willenlosem Hinnehmen gibt es einen Bereich, in dem man im Spannungsfeld der Geduld lebt. Dieser Bereich ist in einer Lebensatmosphäre zunehmender Schnelligkeit eine herausgeforderte, wenn nicht sogar abnehmende, Tugend. Die Kunst, etwas angemessen aushalten oder hinnehmen zu können.
Geduld ist also eine Tugend, und jeder Mensch kann sie ausbauen und einüben. Tugenden sind, ganz allgemein formuliert, Leitplanken und christliche Werte für ein gelingendes Leben. Sie zeigen Gestaltungsräume in einem verantwortungsbewussten Miteinander. Im Denk- und Handlungsrahmen von Tugenden steht nicht das Ich im Mittelpunkt, sondern Gott und sein Königreich. Wer im Hier und Jetzt eine Tugend ausbaut, bereitet sich damit auch auf das Leben im Königreich Gottes vor – er lernt die Sprache des Himmels.
Der ewig Unerwachsene
Geduldig sein steht zwischen Ungeduld einerseits und willenlosem Hinnehmen andererseits. Wer geduldig ist, lebt in einer Spannung und erträgt diese. Das gilt besonders für die Dinge, die man nicht ändern kann. Zum Beispiel die Umgebung, in die man hineingeboren oder hineingestellt wurde oder die Dinge, die uns Tag für Tag widerfahren. Wer das nicht annehmen kann, steht im immerwährenden Kampf mit dem eigenen Dasein. Mündiges und verantwortungsvolles Leben beginnt damit, dass man annimmt, was ist: Im Leben, bei sich selbst und bei anderen Menschen.
Romano Guardini bezeichnet ungeduldige Menschen als „Ewig-Unerwachsene“. Wir brauchen Geduld aber nicht nur, um das Leben auszuhalten und hinzunehmen, sondern auch, um uns selbst auszuhalten und anzunehmen. Gleichzeitig sollen die Unzufriedenheit über unsere Eigenschaften und der Wunsch nach Veränderung wach bleiben, denn sich selbst für einen fertigen, wohlgefälligen Menschen zu halten, ist keine Option. Es geht also darum, sich in Geduld selbst zu ertragen, ohne die unerwünschten Eigenschaften mit einer Fantasie zu überlagern und dabei in einer unangemessenen Selbstzufriedenheit zu versinken. Erst aus der Annahme dessen, was wirklich ist, erwächst die Kraft, etwas ändern zu können.
Auch die Langsamkeit der Veränderung will ausgehalten und bewusst wahrgenommen werden. Ein langsames Einüben von Veränderung ist nämlich die größte Garantie dafür, dass die geplanten Veränderungen auch wirklich umgesetzt werden. Dabei unterstützt die Bereitschaft, nach Niederlagen immer wieder neu anfangen zu wollen. Nur dann kommt man voran. Geduld ist also das Bewusstsein dafür, wie man wirklich ist und dafür, ein „Mensch im Werden“ zu sein. Neben der Geduld für uns brauchen wir auch Geduld für die Menschen in unserer Umgebung. Sie müssen ebenso ausgehalten und hingenommen werden, wie wir selbst.
„Mündiges und verantwortungsvolles Leben beginnt damit, dass man annimmt, was ist.“
Mehr als bloß Passivität
Geduld zu lernen ist also nur möglich mit der Einsicht: So funktioniert die Welt, so geht das Leben, so bin ich, so ist der oder die andere. Geduld ist die Weisheit, die Dinge so sehen und annehmen zu können, wie sie sind und das verändern zu wollen, was möglich ist. Deshalb gehört zur Geduld viel Kraft. Nur starke Menschen können aktiv Geduld üben und immer wieder frisch beginnen. Geduld ohne Kraft ist bloße Passivität und wird zum willenlosen Hinnehmen. Lebendige Geduld entsteht zwischen dem, was man hat und dem, was man haben möchte. Zwischen dem, was man leisten möchte und dem, was man leisten kann. Man könnte auch sagen: zwischen dem, was man sich wünscht und dem, was man schon hat. Das Aushalten dieser Spannung und das immer neu Zusammensetzen von Möglichkeiten – das ist Geduld. Das ist wichtig im Umgang mit sich selbst, es gilt für Erziehende, für Vorgesetzte, aber auch für ein gelingendes Miteinander im zwischenmenschlichen Raum.
Sich langsam steigern
Geduldiger zu werden kann man tatsächlich üben: Schalten Sie Ihr Navi immer mal stumm und genießen Sie eine tonlose Autofahrt, freuen Sie sich im Stau über so gewonnene Lebenszeit für sich selbst, schenken Sie einem extremen Langweiler auf einer Party Ihre ungeteilte Aufmerksamkeit, lassen Sie Ihr Handy im Aufzug in der Tasche und kosten Sie die Pause aus. Akzeptieren Sie Ihre Genesungsphase nach einer Erkrankung und Wartezeiten, wo immer sie damit herausgefordert sind, oder die Langsamkeit von Menschen ohne Murren. Treffen Sie kleine Abmachungen für Geduldsübungen mit sich selbst und halten Sie diese eisern ein. Steigern Sie Ihre Übungen langsam – egal ob im Alltag oder im Urlaub, mit sich selbst oder anderen, im Restaurant oder Schnellimbiss, bei Freunden, Verwandten oder Unbekannten.
Eine meiner kleinen Übungen war schon sehr erfolgreich: Im Stau schaffe ich es mittlerweile ganz gut, geduldig zu sein, und ich bin deshalb ein bisschen stolz auf mich. Irgendwann habe ich nämlich verstanden: Ob ich ungeduldig bin oder nicht, ob ich mich aufrege oder gelassen bleibe, auf einen Stau hat das keinen Einfluss. Er bleibt so lange wie er bleibt. Dann doch lieber gelassen und geduldig bleiben. Ich weiß: geduldig sein, werden oder bleiben ist wohl für manche Menschen eine lebenslange Übung. Dabei gibt es mir Hoffnung und immer neuen Auftrieb, dass ich kleine Fortschritte sehen kann. Und: Ich will die Sprache des Himmels lernen!
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