Der Kluge muss schweigen

Theologie

Es kommt schon mal vor, dass man über Aussagen der Bibel verwundert den Kopf schüttelt. Weil man sie nicht begreift, weil sie einem so vorkommen, als wären sie genau das Gegenteil von dem, was richtig ist. Der Kluge muss schweigen? Echt? Muss nicht gerade der reden, eben weil er klug ist? Hans-Georg Wünch ordnet diese Aussage für uns ein und bringt Licht ins gedankliche Dunkel.

Die geschichtliche Ordnung

Der biblische Prophet Amos war ein Viehhirte, der zugleich als Bauer eine große Feigenpflanzung hatte. Er stammte aus der kleinen Stadt Tekoa, etwa 2 Stunden südlich von Bethlehem gelegen. Zu seiner Zeit (in der ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts v. Chr.) war Israel in zwei Königreiche geteilt: das Nordreich mit der Hauptstadt Samaria und das (kleinere) Südreich mit der Hauptstadt Jerusalem. Amos kam aus dem Südreich (häufig „Juda“ genannt), aber als Prophet war er von Gott nach Bethel schickt worden, was sich im Nordreich (häufig „Israel“ genannt) befand. Er war also im „Ausland“ unterwegs, denn auch wenn man eine gemeinsame Geschichte hatte, war man doch politisch voneinander getrennt und häufig auch zerstritten. Zu manchen Zeiten herrschte sogar Krieg zwischen Nordreich und Südreich. Zur Zeit von Amos war Friede zwischen beiden Reichen. Im Südreich Juda herrschte König Usia, im Nordreich Israel saß Jerobeam II auf dem Thron. Politisch war diese Zeit vielleicht die stabilste seit König David, sowohl im Nordreich als auch im Südreich. Juda hatte die Edomiter und Israel die Syrer besiegt. Assyrien war noch nicht als Großreich angetreten, und so gab es keine großen politischen oder militärischen Bedrohungen. Allerdings erschien mit Tiglath-Pileser ein assyrischer Herrscher am Horizont, der auch für Israel zu einer Bedrohung werden konnte – und schließlich auch wurde.
 

Sie wollten´s nicht hören

Religiös und sozial aber hatte sich gerade das Nordreich Israel weit von dem entfernt, was Jahwe im Gesetz angeordnet hatte. Der Glaube Israels war durch die Religionsreform von Jerobeam I massiv geändert worden. Man verehrte neben Jahwe auch mehrere heidnische Götter. Neben der religiösen Entfernung von Jahwe, dem Gott des Volkes Israel, gab es aber auch in sozialer Hinsicht viele Probleme. Die Reichen ließen es sich auf Kosten der Armen gut gehen und nutzten sie schamlos für ihre Zwecke aus. Gerade diese sozialen Ungerechtigkeiten in Israel waren es, die Amos erschütterten und gegen die er im Namen Gottes auftrat und predigte. Ohne eine tiefgreifende Buße und Umkehr zu Jahwe, dem Gott Israels, würde das Gericht Gottes über sein Volk hereinbrechen, so verkündigte er Israel. Aber die Menschen wollten diese Botschaft der Buße nicht hören. Amos beklagt dies in Kapitel 5,10: Die Menschen „verabscheuen den, der ihnen die Wahrheit sagt“. Auch Amos selbst gehörte zu denen, die verabscheut wurden, die man nicht hörte. Stattdessen hielt man weiter fest an den Ungerechtigkeiten, die Amos beklagte: Die Armen wurden unterdrückt und man nahm hohe Abgaben von ihnen, die Gerechten wurden bedrängt, Bestechungsgelder waren an der Tagesordnung und im Gericht wurden die Armen benachteiligt. In diesem Zusammenhang sagt Amos einen Satz, der auf den ersten Blick recht seltsam klingt: „Darum muss der Kluge zu dieser Zeit schweigen, denn es ist eine böse Zeit.“ Seltsam klingt dieser Satz vor allem, weil Amos selbst sich nicht daran zu halten scheint. Denn er redet weiter, klagt weiter an: „Sucht das Gute und nicht das Böse“, fordert er die Menschen auf. „Hasst das Böse und liebt das Gute, richtet das Recht auf im Tor“. Denn nur, wenn Israel das tut, kann es eine Möglichkeit der Vergebung geben, kann das Gericht am Volk Gottes vorbeigehen.

„Nutzt die Zeit, die ihr habt, weise, indem ihr darauf achtet, was Gott von euch will. Redet, wenn er will, dass ihr redet. Und schweigt, wenn er will, dass ihr schweigt.“

Der richtige Zeitpunkt

Was meint also diese Aussage, dass der Kluge schweigen muss, weil es eine böse Zeit ist? Zunächst einmal muss man festhalten, dass Amos hier nicht schreibt, dass kluge Menschen immer schweigen sollen. Es geht vielmehr darum zu erkennen, wann Schweigen angesagt ist, und wann Reden. Das Schweigen wird bei Amos damit begründet, dass es eine „böse Zeit“ ist. Im Buch Prediger Kapitel 3,7 lesen wir: „Schweigen hat seine Zeit, Reden hat seine Zeit“.  Wichtig ist, diese Zeiten zu erkennen, sie zu deuten. Dafür braucht es Unterscheidungsvermögen, oder – wie Amos schreibt – Klugheit: „der Kluge muss schweigen“. Jesus selbst hat uns dies ebenfalls vorgelebt. Drei Jahre lang hat er gepredigt – ob die Menschen ihn hören wollten oder nicht. Aber dann kam eine Zeit, in der er schwieg. Er stand vor Pilatus und sollte sich gegen die vielen Vorwürfe der jüdischen Obrigkeiten wehren. Aber Jesus schwieg, was Pilatus offenbar sehr verwirrte. Hier war ein Mensch, der massiv angegriffen wurde – und er sagte kein Wort dazu.

Es gibt Situationen, in denen unser Schweigen angesagt ist. Und Situationen, in denen es dran ist zu reden. Um dies unterscheiden zu können, brauchen wir Weisheit. Oder – wie Amos es formuliert – Klugheit. Das hebräische Wort, das hier benutzt wird, beschreibt einen Menschen, der gelernt hat, klug und weise zu handeln und deshalb erfolgreich zu sein. Amos begründet das Schweigen des Klugen mit den Worten: „denn es ist eine böse Zeit“. Menschen wollen nicht auf Gott und sein Wort hören. Deshalb ist es nach seinen Worten empfehlenswert, zu schweigen. Und wenn man redet, sollte man sich sicher sein, dass es der richtige Zeitpunkt und die richtige Art ist. In Epheser 5,21–23 lesen wir etwas ganz Ähnliches: „So seht nun sorgfältig darauf, wie ihr euer Leben führt, nicht als Unweise, sondern als Weise, und kauft die Zeit aus; denn es ist böse Zeit. Darum werdet nicht unverständig, sondern versteht, was der Wille des Herrn ist.“ „Kauft die Zeit aus“, so formuliert Paulus es hier. Nutzt die Zeit, die ihr habt, weise, indem ihr darauf achtet, was Gott von euch will. Redet, wenn er will, dass ihr redet. Und schweigt, wenn er will, dass ihr schweigt. Seid, so könnte man es mit Amos formulieren, klug!

Gut, dass Gott uns dazu seinen Heiligen Geist gegeben hat, damit wir zur richtigen Zeit reden und zur richtigen Zeit schweigen können. Und wir haben sein Wort, in dem wir erkennen können, was der Wille des Herrn ist. Lassen wir uns von Gott und seinem Wort prägen, indem wir es regelmäßig lesen und studieren. Und seien wir bereit, auf das zu hören, was uns Gottes guter Geist sagt.