Am Ende die Hoffnung
Ratgeber
Schwierige Zeiten gehören zum Leben, wie der Sturm zum Herbst. Den würden wir aber nicht automatisch als schlecht bezeichnen, gehört er doch dazu und erfüllt seinen Zweck. Genau das tun schwere Zeiten auch, meint Eva Dittmann, und erklärt, warum Krisen etwas enorm Gutes an sich haben. Sie will sie nicht vermeiden oder durchstehen, sondern ihr volles Potential ausschöpfen.
Wenn ich an mein eigenes Leben, meinen eigenen Umgang mit Krisen denke, beobachte ich zwei Grundmuster. Zum einen befinde ich mich sehr häufig im sogenannten Krisenvermeidungsmanagement. In unserer wohlfühl- und sicherheits-getriebenen Gesellschaft investieren wir viel, um Unannehmlichkeiten, Kontrollverlust, Spannungen und Notlagen zu umgehen: Wir nehmen uns viel Zeit, um uns auf alle möglichen Eventualitäten vorzubereiten; wir greifen zum Handy und lassen uns berieseln, statt uns mit dem Thema auseinanderzusetzen, das uns gerade beschäftigt; und wir verwechseln unsere eigene Komfortzone mit geistgeleitetem Frieden. Zum anderen schalte ich um zum sogenannten Krisenmanagement, wenn sich die Krise einfach nicht abwenden lässt. Auch wenn ich dabei äußerlich manchmal die Ruhe bewahren kann, tobt innerlich häufig ein Sturm aus (geistlicher) Verwirrung, emotionaler Aufgeriebenheit, bedrückender Anspannung und Hektik.
Freuen und feiern
Wenn ich mir diese beiden Grundmuster nüchtern anschaue, finde ich sie alles andere als zufriedenstellend. Denn beide Formen sehen in der Krise ein Ärgernis, eine Bedrohung, ein unvermeidliches Übel, dessen Gestaltungsspielraum mit allen Mitteln eingeschränkt werden muss. Der Apostel Paulus
lädt uns Jesusnachfolger in Römer 5,3–5 ein, diese einseitig negative Sicht auf Krisen zu überdenken und ein neues Grundmuster einzuüben: Das in Liebe gegründete, geistgeleitete Reifemanagement. Er fordert seine Leser dazu auf, sich in ihrem Leiden zu freuen und zu feiern. Beachten Sie: Er sagt nicht, dass wir unsere Leiden feiern sollen – oder dass wir gar danach streben sollten, möglichst viel zu leiden. Nein, wir feiern in unseren Leiden, die in dieser gefallenen Welt unvermeidlich zu unserem Leben dazu gehören – das hat Paulus selbst zur Genüge erlebt. Gott ist auch mitten im Chaos absolut souverän und: Gott nutzt unser Leiden, um unseren Glauben reifen zu lassen, wenn wir uns in seiner Liebe verwurzeln und vom Geist leiten lassen.
Ausgesprochen wirksam
Bedrängnis bewirkt Geduld, so beginnt Paulus. Geduld meint mehr als bloßes Ertragen. Es ist die Kraft, unter Druck stehen zu bleiben, ohne zu zerbrechen; auch wenn wir nicht wahrnehmen, wo und wie Gott gerade am Werk ist. Diese Geduld erwächst aus Vertrauen. Sie entsteht nicht durch Selbstdisziplin, sondern aus der Beziehung heraus. Wer sich getragen weiß, kann warten; kann unbequeme Fragen und Spannungen aushalten; und kann die Kontrolle an Gott abgeben. In der Geduld lernt die Seele, im Rhythmus Gottes zu atmen. Aus Geduld erwächst Bewährung, fährt Paulus fort. Der von ihm verwendete Begriff stammt aus der Metallverarbeitung. Wenn Gold im Feuer geprüft wird, zeigt sich, was echt ist. In der Bewährung wird aus Glaubenswissen Glaubenssubstanz. Unser Herz wird durch die Erfahrungen mit und vor Gott geformt und wir werden nach und nach zu den Menschen, die Gott sich erdacht hat. Auch, wenn dies ein schmerzhafter Prozess ist. Bewährung belebt die Hoffnung. Damit schließt Paulus diesen Reiferhythmus ab. Die biblische Hoffnung gründet sich nicht in unseren Umständen, sondern ist verwurzelt in der Wirklichkeit Gottes. Die Krise bietet uns die Möglichkeit, unsere falschen Sicherheiten zu entlarven und uns neu auf den auszurichten, der uns trägt. Aus heilsgeschichtlicher Perspektive können wir das, was uns hier auf Erden widerfährt, anders deuten. Auch mitten im Chaos wird diese Hoffnung bereits zum Echo von Gottes Gegenwart und seinen Verheißungen.
Raum zum Reifen
Dieser Reifungsdreiklang von Geduld, Bewährung und Hoffnung wird in Krisen aber nur dann angestoßen, wenn wir diesen Prozess vor Gott und mit Gott gestalten. Wenn wir bereit sind, auf Gott zu vertrauen, auf seine unendliche Liebe und grenzenlose Macht. In diesem Sinne ist der Zusatz von Paulus in Vers 5 in Krisenzeiten umso wichtiger: Der Heilige Geist ist in unsere Herzen ausgegossen und erinnert uns daran, dass wir von Gott geliebte Menschen sind. Dieses in Liebe gegründete, geistgeleitete Reifemanagement in und durch Krisen hindurch geschieht meiner Erfahrung nach in drei Phasen – und nur in einer dieser Phasen befinden wir uns tatsächlich in der Krise selbst. Denn Reifemanagement beginnt immer bereits vor und kann erst nach der Krise wirklich abgeschlossen werden. Aus geistlicher Perspektive bedarf jede Phase einer anderen
Herzenshaltung und kann mit Unterstützung bestimmter Praktiken und geistlicher Übungen entwickelt werden.
„Doch nicht nur darüber freuen wir uns; wir freuen uns auch über die Nöte, die wir jetzt durchmachen. Denn wir wissen, dass Not uns lehrt durchzuhalten, und wer gelernt hat durchzuhalten, ist bewährt, und bewährt zu sein festigt die Hoffnung. Und in unserer Hoffnung werden wir nicht enttäuscht. Denn Gott hat uns den Heiligen Geist gegeben und hat unser Herz durch ihn mit der Gewissheit erfüllt, dass er uns liebt. Römer 5,3–5“
Phase 1:
Die Verwurzelung vor der Krise – Sturmfreie Zeiten geben uns die Möglichkeit, in unserem Alltag in den Rhythmen der Gnade zu leben und die Botschaft des Evangeliums mit all ihren Facetten zu verinnerlichen. Hier lernen wir die leise Stimme Gottes zu hören, damit wir im Sturm wissen, wem wir folgen müssen. Geistliche Übungen wie die Praxis der Stille, ein Dankbarkeitstagebuch, und das bewusste Verinnerlichen von Gottes Wort können diesen Verwurzelungsprozess bestärken.
Phase 2:
Das Vertrauen mitten in der Krise – das Bewahren von geistlicher Klarheit und Resilienz ist natürlich mitten in der Krise eine besondere Herausforderung. Hier dürfen wir lernen, innezuhalten, nach Gott Ausschau zu halten und mit ihm gemeinsam die Spannung auszuhalten. Geistliche Übungen wie das Klagegebet, das Atemgebet und das bewusste Suchen der Gemeinschaft können uns in dieser Phase die Kraft geben, standhaft zu bleiben.
Phase 3:
Die Verwandlung nach der Krise – Reife entsteht erst dann, wenn wir die Spuren der Krise nicht verdrängen, sondern sie nutzen zur Verwandlung. Daher ist der aktive Reflexionsprozess nach der Krise ein wichtiger Schritt, um das Gelernte zu verinnerlichen und ins Leben zu integrieren. Geistliche Übungen wie das ignatianische Examen, bewusste Zeiten der Dank-sagung oder das Zeugnisgeben vor anderen können diese Phase bereichern.
Paulus erinnert uns daran: Wer Krisen mit Gott und vor Gott angeht, lebt in der Gewissheit, dass selbst die härtesten Zeiten zu heiligen Räumen der Reifung werden können.
Seite teilen: