Wir müssen reden

Interview

Wer Wind sät, wird Sturm ernten, schreibt Hosea im Alten Testament und beschreibt damit die Abwärtsspirale von Konflikten. Robert Burdy hat in seinem neuen Buch in die andere Richtung geschaut und will helfen, Auseinandersetzungen emotional intelligent zu führen und ihnen ihre destruktive Macht zu nehmen. Er meint, wir müssen reden. Aber richtig!

Herr Burdy, leben wir tatsächlich in acht Milliarden Wahrnehmungswelten? Wäre dann das Miteinanderreden nicht der Willkür ausgeliefert?

Das kommt darauf an, wie wir damit umgehen. Wir müssen uns immer wieder daran erinnern, dass die Welt in unseren Köpfen nur in unseren Köpfen ist. Wer meint, seine Welt sei die Welt, in der wir alle leben, irrt. Wir können nicht wissen, was der Mensch, mit dem wir reden, erlebt und gelernt hat oder was ihn belastet. Ist gerade seine Mutter gestorben oder sein Papagei, hat er seinen Job verloren oder ist sein Kind todkrank? Wir wissen das nicht. Wir können aber sicher sein, dass er die Welt aus anderen Augen sieht als du und ich. Das müssen wir berücksichtigen, wenn wir miteinander reden. Das ist Achtsamkeit und eben keine Willkür.


Und was ist, wenn ein Gespräch trotz allem zur Auseinandersetzung wird und damit nicht mehr „nett“ bleibt, aber vielleicht „ehrlich“ ist?

Wenn wir Menschen mit unserer Ehrlichkeit unnötig verletzen, ist dieses „ehrlich“ keine Tugend. Die spannende Frage muss immer sein: Setzen wir uns gemeinsam mit einer Herausforderung auseinander? Dann können unterschiedliche Positionen sogar hilfreich sein. Oder ist die Auseinandersetzung gegeneinander gerichtet? Dann treten nur zwei Egos gegeneinander an. Das bringt nichts.

Reden wir über die Motivation – da gibt es ja eine ganze Palette an Möglichkeiten. Welche halten Sie für zielführend?

Ich glaube, die beste Motivation für Kommunikation ist das Bestreben, sich gegenseitig zu helfen. Es ist schwer und wir vergessen das oft, aber es ist gut, wenn wir uns möglichst oft fragen: Macht das, was ich dir sage, dein Leben besser oder einfacher oder hilft es dir, zu verstehen? Dann wird emotional intelligente Kommunikation zum Geschenk. Ich finde, das ist ein schönes Ziel.  

Ja, das könnte tatsächlich die Kraft haben, ein friedliches Miteinander von Menschen zu fördern …

Wenn es uns gelingt, emotional intelligent miteinander zu reden, dann können wir uns verstehen. Und wenn wir uns verstehen, dann können wir auch friedlich miteinander umgehen und Konflikte lösen, statt unsere Egos an einen Sieg gegen den anderen zu binden. Entweder die Menschen schweigen oder die Waffen.

Wie viele Beispiele kennen Sie, in denen das funktioniert hat?

Tausende! Das geschieht jeden Tag. Menschen lassen sich den Vortritt. Sie gehen bei schwierigen Themen aufeinander zu und suchen den Kompromiss. Wenn wir darauf achten, sehen wir unzählige freundliche und sogar liebevolle Akte, die Menschen jeden Tag verüben. Viele Zeitgenossen ziehen sich aber lieber Informationsangebote und Entertainment rein, die uns suggerieren, die anderen seien doof und böse. Auch das hier ist emotional intelligente Kommunikation: Jeder muss sich entscheiden, welches Narrativ über die Menschen und das Leben er glauben will. Es gibt viel mehr Hinweise, auch wissenschaftliche Untersuchungen, dass Menschen im Grunde altruistisch sind. 

„Jeder muss sich entscheiden, welches Narrativ über die Menschen und das Leben er glauben will.“

Welche Rolle spielt dabei die innere Haltung zum Konflikt und dem Konfliktpartner?

Die entscheidende Rolle. Es ist schön, dass Sie Konflikt-„partner“ sagen. Das ist die Antwort auf die Frage. Wenn der andere ein Partner ist, dann steht der Konflikt nicht zwischen uns, sondern vor uns. Wir sind gemeinsam damit konfrontiert. Dann kann ich mich sogar entscheiden, einen „angebotenen“ Konflikt eventuell gar nicht erst anzunehmen. Dann gibt es ihn gar nicht. Meistens ist es unser eitles Ego, das Konflikte annimmt. Die Entscheidung ist: Will ich, dass mein Ego gewinnt, oder will ich, dass mein Partner und ich gewinnen?

Ich bin ein großer Fan von gelingender Kommunikation, aber sie gelingt nicht immer. Was empfehlen Sie einem Menschen, dessen Partner nicht emotional intelligent reden will – oder kann?

Geduld. Und das ist oft sauschwer. Einen Sicherheitsabstand, wenn es noch schwieriger wird. Und Gehirn und Herz in Sicherheit zu bringen, wenn der andere so toxisch ist, dass ich nur Schaden nehmen kann. Manche können es nicht, und keiner von uns kommuniziert immer richtig. Wichtig ist, dass wir uns auch von Rückschlägen, eigenen Fehlern und den Fehlern anderer nicht entmutigen lassen.

Das bringt mich zum Thema unseres Magazins: Frieden auf Erden. Das war die Botschaft der Engel an die Hirten auf dem Feld – sieht nicht so aus, als würde das klappen, oder? Was machen wir Menschen falsch?

Wow. Ist die Frage nicht ein bisschen groß? Wir machen viel falsch, ja. Aber wir entwickeln uns auch. Schauen Sie auf die Entwicklungen, die freie Gesellschaften gemacht haben. Von der Gleichberechtigung bis zur Inklusion. Das sind wert-volle und richtige Schritte in Richtung Frieden. Wir sind unterwegs, aber noch nicht angekommen.

Ja, ich denke, das macht Sinn. Ist Ihnen als Fachmann eigentlich mal so ein richtiger Kommunikations-Fauxpas passiert?

Jedes Mal, wenn es mir nicht gelungen ist, hinter mein eigenes Narrativ zu schauen, passiert das. Immer wenn es schwierig wird, erzählt uns unsere selbst-erfundene und zusammengedichtete Lebensgeschichte, dass wir Recht haben. Immer. Und in dem Moment sind wir im Unrecht.

Gibt es denn eine einfache Regel, die uns hilft, lebendig, ehrlich, emotional gesund und zielführend miteinander zu reden?

Ich habe in meinem Buch versucht, es auf acht einfache Regeln zu reduzieren. Das war schon schwierig genug. Und Sie wollen eine Regel? Und dann noch einfach? Okay, ja: Wir müssen das Mühselige an der emotional intelligenten Kommunikation akzeptieren und uns ihr widmen. Und wir müssen aufhören, an einfache Antworten zu glauben.

Das klingt nach Arbeit – gibt’s für all die Mühe am Ende eine Belohnung?
Immer wenn es uns gelingt, emotional intelligent zu kommunizieren, wird irgendwo unsere Beziehung zu Mitmenschen besser. Für mich ganz persönlich sind es Begegnungen, die dazu führen, dass man sich anlächelt und das Menschliche im anderen sieht. Wenn das keine schöne Belohnung ist, was dann?

Vielen Dank, lieber Herr Burdy, dass Sie sich Zeit für das Gespräch genommen!