So wird es wohl sein

Leitartikel

Wer sich wohl fühlt, dem fehlt es an nichts. Der empfindet keinen Mangel, keine Hast, keine Sorge. Von dem könnte man sagen: Der ist fein raus, der hat, was er braucht, sein Leben ist gemacht. Was aber, wenn das gar nicht stimmt? Wenn da große Verluste sind, Angriffe, Streit und Niederlagen? Wenn mehr kaputt als heil ist? Detlef Eigenbrodt über den Ursprung des Wohlseins.

Im Jahre 1871 wird Chicago durch ein schweres Feuer verwüstet. Rund 300 Menschen verlieren ihr Leben und über einhunderttausend ihre Heimat. Ein Opfer dieser Katastrophe ist Horatio Spafford, der bei diesem Brand sein gesamtes Kapital verliert. Und das ist nicht wenig. Als Anwalt hat er in Immobilien investiert, die nun nicht mehr existieren. Verbrannt, plötzlich weg, ausgelöscht. Doch weitaus schlimmer für ihn ist, dass sein einziger Sohn in den Flammen dieses Infernos stirbt.

Der Schmerz des Verlustes

Trotz seines Verlustes und Schmerzes setzt Spafford sich für die Menschen der Stadt ein, die nun ohne Obdach sind, verarmt und völlig verzweifelt. Rund zwei Jahre später will er mit seiner Familie eine Reise nach England unternehmen, um von dort aus Europa zu bereisen. Er freut sich sehr auf die gemeinsame Zeit, aber die Pläne lassen sich nicht reibungslos umsetzen. Spafford wird durch einen wichtigen Geschäftstermin aufgehalten und kann nicht zusammen mit seiner Familie reisen, deren Tickets längst gebucht sind. So machen sich zunächst Horatios Frau Anna und die vier Töchter auf den Weg und reisen mit dem Schiff Ville du Havre voraus. Dann kommt es zur Tragödie. Die Ville du Havre kollidiert auf offener See mit einem englischen Segelschiff und sinkt innerhalb kürzester Zeit. Spaffords vier Töchter sterben, seine Frau ist eine der wenigen Überlebenden dieses traurigen Unglücks. Horatio Spafford ist am Boden zerstört und hätte sicher allen Grund, dem Gott, dem er vertraut, schwere Vorwürfe zu machen, ihn anzuklagen. Aber er tut es nicht. Trotz all der Schläge, die ihm und seiner Frau widerfahren, hält er an Gott fest. Mehr noch. Er hält nicht nur frustriet und verbissen fest, er lobt ihn sogar! Und sein Glaube an Gott bewegt Spafford mitten in seinem tiefen Leid dazu, von sich selbst auf andere zu schauen.

„Spafford ist am Boden zerstört und hätte sicher allen Grund, dem Gott, dem er vertraut, schwere Vorwürfe zu machen, ihn anzuklagen. Aber er tut es nicht.“

Im Gesamtkontext seines Lebens gibt es wohl nur eine mögliche Antwort. Horatio Spafford hat etwas in seinem Leben, das ihn ankern lässt. Doris Schulte sprach in einer unserer letzten „So lebt sich´s gut“-Aufzeichnungen in anderem Zusammenhang von Stehaufmännchen. Von diesen kleinen Figuren mit runden „Füßen“, die, immer wenn sie einen Stupser bekommen, wackeln und hin und her schwanken, am Ende aber wieder aufrecht und still stehen. Weil in ihren „Füßen“ ein Gewicht ist, das schwerer ist als sie selbst. Spafford hat ganz sicher solch ein Gewicht in seinen Füßen gehabt, um im Bild zu bleiben. Er hat ganz sicher etwas in seinem Leben gehabt, das mehr wog als er selbst, etwas, das größer war und von wesentlicher Bedeutung. Etwas, das ihn nach allem Hin- und Herpendeln seiner schweren Zeiten am Ende wieder aufrecht stehen ließ. Hin und her geworfen, mächtig in Aufruhr, aber nicht umgeworfen. Auseinandersetzung, ja, aber Niederlage, nein! Dieses „etwas“ ist keine Sache, sondern ein Wesen, eine Person, und hat einen Namen.

Du musst Hoffnung haben

Schon lange vor Spafford fasste ein anderer Mann in Psalm 37 seinen Glauben in Worte, sein Vertrauen, seine Hoffnung und den Weg, Frieden zu finden: Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn, er wird’s wohlmachen und wird deine Gerechtigkeit heraufführen wie das Licht und dein Recht wie den Mittag. Sei stille dem Herrn und warte auf ihn. Noch eine kleine Zeit, so ist der Gottlose nicht mehr da; und wenn du nach seiner Stätte siehst, ist er weg. Aber die Elenden werden das Land erben und ihre Freude haben an großem Frieden.

„Das ist es wieder. Er wird es wohl machen. Gott wird es so machen, dass es gut, gesund, angenehm und behaglich ist.“

Die Ruhe des Vertrauens

So gehen Horatio und Anna 1881, zehn Jahre nachdem sie in Chicago ihr gesamtes Vermögen verloren hatten, nach Jerusalem und helfen dort den Menschen, die Hilfe brauchen. Arme, mittellose, obdachlose Menschen, die für die Unterstützung und Begleitung der Spaffords sehr, sehr dankbar sind. Während der Reise nach Jerusalem ruft der Kapitän des Schiffes Horatio auf die Brücke. „Wir haben es sorgfältig berech - net“, sagt er, „und ich glaube, wir kom - men jetzt an der Stelle vorbei, an der die Ville du Havre gesunken ist." In dieser Nacht schreibt Horatio Spaf - ford in seiner Kabine das Lied, das als großer Hymnus, als eins der bekann - testen Anbetungslieder überhaupt in die Geschichte einging und den Frie - den Gottes in den Fokus nimmt: Wenn Friede mit Gott meine Seele durchdringt, ob Stürme auch drohen von fern, mein Herze im Glauben doch allezeit singt: Mir ist wohl, mir ist wohl in dem Herrn.

Wie kommt er dazu?

Mir ist wohl. So wird das „it is well“ des englischen Originals ins Deutsche übersetzt. Sprachlich meint das: gut, gesund, angenehm oder behaglich. Ein Zustand, der von keinem Unwohlsein und keiner Störung beeinträchtigt ist, eine Verfassung, die gute körperliche und seelische Merkmale aufweist. Wie kommt er dazu? Wie kann Spafford eben an der Unglückstelle, quasi am Grab seiner vier Töchter, die er auf einen Schlag verloren hat, solch ein Lied sch - reiben? Woher nimmt er die Worte, Gott zu loben? It is well with my soul. Meiner Seele geht es gut, sie ist gesund, es fühlt sich angenehm und behaglich an. Wie kann er nur?!

„Er hat ganz sicher etwas in seinem Leben gehabt, das mehr wog, als er selbst, etwas, das größer war, und von wesentlicher Bedeutung. Etwas, das ihn nach allem hin und her pendeln seiner schweren Zeiten am Ende wieder aufrecht stehen ließ.“

Das ist es wieder. Er wird es wohl machen. Gott wird es so machen, dass es gut, gesund, angenehm und behaglich ist. Das hat David ganz sicher nicht leichtfertig geschrieben, er hat ganz sicher seine Kämpfe gehabt und wurde angefeindet. In all dem spricht er vom Stillhalten, Aushalten, Durchhalten. Davon, die eigene Sache einfach Gott zu übertragen, wie einem Anwalt, der sich um alle lästigen Details eines Verkehrsunfalls kümmert. Ich habe das kürzlich getan und es genossen! Ich musste hinter nichts herrennen. Ich musste nur warten. Still. Ohne dass ich in die Handlung hätte eingreifen können. Ich hatte ja die Vollmacht einem anderen übertragen. Ich musste Geduld haben und Vertrauen. Spafford tat es. David tat es. Ich tat es. Und viele andere taten und tun es auch: die Vollmacht einem übertragen, der sich besser kümmern kann als man selbst. Dazu gehört eine Einsicht, dazu gehört eine gewisse Form der Demut und die Bereitschaft, die Fäden aus der Hand zu geben. Und dazu gehört, jemanden zu kennen, dem man abgrundtief vertraut. So dass kein Zweifel aufkommen kann, dass es keine Enttäuschung geben kann. Und wird. Dass der, der sich kümmert, es wohl macht. Gut, gesund, angenehm und behaglich. Für Spafford war das Gott. Für David und mich auch. Wer ist es für Sie?