Richter und Rächer

Kolumne

Es gibt Menschen, die achten stets auf die Etikette und darauf, sich tunlichst nicht im Ton zu vergreifen. Die meisten davon vermutlich, weil sie keinen Streit wollen und friedlich leben möchten. David scheint nicht dazuzugehören. Der wählt immer wieder harte Worte, unverblümt, direkt aus dem Herzen, an Gott gerichtet, und findet darin seinen Frieden.

Komischer Kauz

So bezeichnen wir halb spöttisch jemanden, der gelegentlich seltsam wirkt. Dieser Begriff leitet sich von Käuzen ab, das sind Eulen, die anders ticken und nachtaktiv leben. Sie lassen sich tagsüber selten blicken, aber dafür sind sie nach Sonnenuntergang nicht zu überhören. Sie schreien und kreischen laut und schrill die ganze Nacht hindurch bis morgens. Das kann nervtötend sein, so wie ich es in den Rocky Mountains in Britisch-Kolumbien erlebt habe. Sie wecken Menschen, halten sie wach und rauben ihnen den Schlaf! Wer Lärm macht, wenn alles rundherum so friedlich und still ist, ist schlicht und einfach eine Qual. Man möchte solche nervenden Vögel am liebsten loswerden. Und so manchmal auch ganz bestimmte Menschen, die uns das Leben schwer machen und uns den Schlaf rauben. Menschen, die darauf aus sind, jeglichen Frieden zu zerstören.

Beziehungssprache

Der Psalmist David kannte solche quälenden Menschen und wusste, wie er dennoch Ruhe und Frieden finden konnte: indem er sich schonungslos über seine persönlichen „Käuze“ bei Gott beklagte. Er wusste, dass Gott ein Wortversteher ist und dass wir Menschen mit ihm unverblümt reden können. Immerhin weiß Gott, wie wir’s meinen – auch wenn wir nicht in Engelszungen reden. Ganz natürlich zu reden, das tut einfach gut und gehört auch zum Menschsein. Diese offene Herzenssprache ist wichtig, um festzustellen, wer wir sind und mit wem wir unterwegs sind. Und sie ist enorm wichtig für die Liebe und für Gott. Diese natürliche und unverblümte Beziehungssprache wird uns von David in Psalm 3,8 vorgestellt: „Sieh nicht länger zu, Herr! Du mein Gott, greif doch ein! Ich weiß, du schlägst ihnen aufs freche Maul, du brichst meinen Feinden die Zähne!“

„Sieh nicht länger zu, Herr! Du mein Gott, greif doch ein! Psalm 3,8“

Ganz unverblümt

Das Problem, das David veranlasste, mit Gott so unverblümt zu reden, war sehr persönlich. Er hatte viele aggressive Feinde, die über ihn lästerten und ihn am liebsten eliminieren wollten. Aber so wie David Gott kennengelernt hatte, wusste er, dass Gott das letzte Wort in seinem Leben hat, und behauptete ganz zuversichtlich: „Herr, du schützt mich, du rettest meine Ehre, du schaffst mir Recht!“ Weil David seine Hilfe von Gott erhoffte und erwartete, traute er sich sogar, Gott Anweisungen zu erteilen, die seine Probleme beheben könnten. Damit bekennt David seine eigene Unzulänglichkeit und Hilfsbedürftigkeit.

Klartext reden

Dringliche Apelle sind in der Regel Aufrufe an jemand anderen, etwas für uns zu tun, das wir selbst nicht tun können oder tun sollten. Manchmal auch nicht tun wollen! Unsere Umstände können sich jederzeit verändern, und Gott ist derjenige, der es tun kann. Die erste Voraussetzung für unsere Gebetssprache ist nicht, dass sie nett oder freundlich klingt, sondern dass sie wahrheitsgemäß, ehrlich und aufrichtig ist. David – wie auch andere Psalmisten – zeigt uns, wie das menschliche Herz auf Gott reagiert. Auf einen Gott, der auch furchterregende Seiten hat und schon mal knallhart eingreift, wenn es sein muss. Bei Gott dürfen wir neben allem Positiven auch das Unangenehme deutlich ansprechen. Gott tut das auch. Er redet Klartext und erwartet das auch von uns. So geben wir unsere „komischen Käuze“ an Gott ab, lassen ihn Richter und Rächer sein und finden selbst Ruhe und Frieden. So lebt sich’s gut!