Ich möchte mich entschuldigen

Kolumne

Manchmal können die größten Katastrophen dazu führen, dass Menschen, die bisher schlecht übereinander geredet haben und verfeindet waren, zu einer völlig neuen Form des Friedens miteinander finden. Steve Volke über eine Erfahrung, die er und andere nach dem größten Erdbeben der Menschheitsgeschichte in Haiti gemacht haben.

Die Skala der Erdbeben-Seismographen zeigt 7,0 Mw, das Epizentrum liegt 25 Kilometer südwestlich der Hauptstadt Haitis, Port-au-Prince. Am 12. Januar 2010 bebt die Erde und hinterlässt ein Feld der Verwüstung. Die Zahl der Todesopfer wird später auf bis zu 500.000 beziffert. Unzählige Häuser sind zerstört. Neben den Todesopfern sind Hunderttausende Familien auf einen Schlag obdachlos. Die Welt ist geschockt, denn Haiti ist ohnehin eins der ärmsten Länder der Erde. Zusätzlich ist die Karibikinsel ein wahrer Hexenkessel, denn der Voodoo-Kult ist fast zur Staatsreligion erkoren worden. Ein Land, das einfach nicht auf die Beine kommen kann. Viele Regionen sind von verfeindeten Gangs umkämpft. Diese sozialen Konflikte haben Auswirkungen auf alles: auf die Wirtschaft, auf das Bildungssystem, auf das Zusammenleben der Menschen.

Der tägliche Kampf

Mittendrin viele unterschiedliche Kirchen, die eigentlich Hoffnungsorte sein sollten, aber in denen es teilweise auch nicht friedlicher zugeht. Theologische Fragen haben die Pastoren entzweit, der tägliche Kampf ums Überleben und die Herausforderungen der Armut haben auch vor ihren Türen nicht Halt gemacht. Viele Hilfsorganisationen haben sofort nach dem Erdbeben reagiert. Doch oft sind ihre Hilfszelte schneller abgebaut als aufgebaut. Bei Compassion, dem internationalen Hilfswerk, dessen deutschen Zweig ich schon damals geleitet habe, haben wir uns für ein anderes Vorgehen entschieden. Unsere Hilfe unterstützte ausschließlich lokale Kirchen und christliche Gemeinden, die diese Hilfe dann an die Menschen um sie herum weitergaben. Einige Monate nachdem der erste Schock sich langsam gelegt hatte, hat unser Landesbüro auf Haiti Vertreter aller Kirchen eingeladen. Es sollte dabei eigentlich um die weitere Koordination der Hilfe gehen, wurde dann aber zu einer wahren Friedensveranstaltung.

„Ich bitte um Vergebung, dass ich bisher immer schlecht über andere Gemeinden und Kirchen geredet habe. Es tut mir leid. Ich möchte mich entschuldigen.“

Es tut mir leid

Nachdem einige Lieder gesungen waren, wollte der Compassion-Landesdirektor zur Tagesordnung kommen. Er wurde aber von einem der Pastoren unterbrochen. Mit Tränen in den Augen ging der ans Mikrofon und sagte vor allen: „Dieses Erdbeben und die Hilfe, die wir gemeinsam leisten, bringt mich zu dem, was ich jetzt sage. Ich bitte um Vergebung, dass ich bisher immer schlecht über andere Gemeinden und Kirchen geredet habe. Es tut mir leid. Ich möchte mich entschuldigen.“ Das war der Türöffner und viele andere Pastoren schlossen sich an. Auch sie baten um Vergebung. Bis heute arbeiten die Gemeinden und Kirchen gut zusammen, weil Gedanken des Friedens die Gedanken des Neids, der Missgunst und das negative Übereinander-Reden besiegt haben. Dazu braucht es hoffentlich kein Erdbeben mehr, aber dieses Beispiel hat mir vor Augen geführt: Gute Erfahrungen miteinander und mit einem liebenden Gott, der keine Unterschiede zwischen uns macht, können der Beginn des Friedens sein.