Grenzen schaffen Freiheit

Ratgeber

Was sich zunächst vielleicht widersprüchlich anhört, ist eine tiefe Wahrheit. Denn Grenzen sperren nicht nur aus, sie erlauben auch, sich innerhalb frei und ungezwungen zu bewegen. Sich zu entfalten, zu entwickeln und zu wachsen. Dr. Martina Kessler betrachtet das von vielen Seiten und kommt am Ende zu dem Schluss: Nur wer Grenzen setzt und achtet, ist wirklich frei.

Jedes Land achtet auf die Einhaltung seiner Grenzen. Eine Grenzüberschreitung muss entweder erlaubt sein, wie zum Beispiel freies Reisen innerhalb Europas, durch ein Abkommen zwischen Staaten oder durch ein Visum, oder der Grenzübertritt wird als illegal bezeichnet.

Meistens selbstverständlich

Genauso ist es bei Menschen. Es gibt eine Zone, für die andere eine Erlaubnis brauchen, oder es wird als Grenzüberschreitung wahrgenommen. Körperliche Grenzen sind leicht zu erkennen. Eine medizinische Behandlung kann nur mit dem Einverständnis einer Person oder ihrer Erziehungsberechtigten oder Bevollmächtigten stattfinden. Und es gilt als Freiheitsberaubung, wenn ein Rettungsdienst jemanden gegen den eigenen Willen in ein Krankenhaus bringt. Bezüglich der Dimension von Nähe und Distanz ist es auch noch relativ leicht zu klären, wo die Grenzen liegen. In Deutschland gilt eine Armlänge als guter Abstand zwischen Fremden oder Bekannten. Diesen Abstand dürfen normalerweise nur Familienmitglieder und gute Freunde unterschreiten. Aber es gibt auch Unterschiede zwischen verschiedenen Kulturen, die schon am Begrüßungszeremoniell zu erkennen sind. In Deutschland reicht man sich üblicherweise die Hand (das sind dann sogar zwei Armlängen Abstand), auch wenn es unter besser Bekannten inzwischen populärer ist, sich bei der Begrüßung zu umarmen. In der Schweiz begrüßt man Freunde mit drei Küssen auf die Wange, links-rechts-links, und in Ungarn küsst man Freunde und gute Bekannte erst links, dann rechts. So weit, so easy.

„Nach einigem Hin und Her setzte ich aufgebracht eine deutliche Grenze. Emotional und nicht klug, aber wirksam.“

Sie wollte nicht aufhören

Dann gibt es eine nicht so leicht erkennbare, und schon gar nicht regulierbare, personenbezogene Grenze, die sich auch nicht so leicht herleiten lässt. Vor ein paar Tagen bekam ich nach einem für mich anstrengenden, intensiven und öffentlichen Veranstaltungstag ungefragt eine negative Rückmeldung von einer Frau, die hätte wissen müssen, dass dieser Zeitpunkt nicht geeignet dafür war. Der Zeitpunkt war unpassend, der Wortlaut schwierig und ich war enttäuscht von der Person. Ich bat sie, aufzuhören. Aber die Dame ignorierte das. So ließ ich mich auf Argumentation und Gegenargumentation ein. Nach einigem Hin und Her setzte ich aufgebracht eine deutliche Grenze. Emotional und nicht klug, aber wirksam. Erstaunlicherweise ging die Dame mit der Aussage: „Ich darf doch wohl noch sagen, was ich denke!“ in eine Opferhaltung. Das Gespräch war zu Ende. Zwischenmenschliche Grenzen sind deshalb herausfordernd, weil sie zwar von der Kultur geprägt sind, in der ein Mensch aufgewachsen ist, aber zusätzlich innerhalb dieser Kultur von Mensch zu Mensch durchaus unterschiedlich sind. Das macht es schwierig, eine Leitlinie zu haben. Dennoch gibt es einige gute Grundsätze. Zuerst einmal ist der erwachsene Mensch in seiner persönlichen Lebensführung frei. Das heißt, dass er über seine Zeit verfügen und entscheiden kann, wann er wo ist und auch, wann und von wem er ein Feedback haben möchte. Ich mache es daher zumeist so, dass ich eine Person, der ich Feedback geben möchte, frage, ob sie das will: „Ich habe da einen Gedanken. Willst du den hören?“ Noch nie habe ich erlebt, dass jemand dann „Nein“ sagte. Vielleicht sagt jemand „Später“ oder „Morgen“. Okay, auch gut. Aber es soll auch okay sein, wenn jemand kein Feedback will. Leider habe ich selbst auch schon Grenzen überschritten, und besonders heikel ist das zwischen den Generationen. Aber auch hier gilt: Alle sind frei in Gleichwertigkeit.

Individuelle Rechte

Unter diesen Aspekt fällt auch die Unverletzlichkeit der Wohnung (Artikel 13 des Grundgesetzes). Eine Durchsuchung braucht einen richterlichen Beschluss oder muss der Abwehr von Gefahr dienen. Als vor einiger Zeit ein entfernter Verwandter einen unserer Wohnzimmerschränke öffnete, weil er dort ein Genussmittel vermutete, empfanden wir das als Grenzüberschreitung. Wenn das meine erwachsenen und bereits ausgezogenen Kinder tun würden, dann wäre das okay, aber sie würden es nicht tun, ohne zu fragen. Übrigens habe ich schon in der Teenagerzeit meiner Kinder angeklopft, wenn ich eines ihrer Zimmer betreten wollte. Ebenso muss die Menschenwürde und Unverletzlichkeit der Person erhalten bleiben! Menschen zu be- oder verurteilen, sie zu beschimpfen oder schlecht über sie zu reden, verletzt die Menschenwürde und damit die betroffene Person. Natürlich müssen reale Vergehen oder Verbrechen auch als solche benannt werden dürfen. Aber oft geht es eher um ein gefühltes Vergehen als um ein tatsächliches. Ich kann und muss mich also fragen: „Wenn ich dieses oder jenes sagen will, bleibt die Würde einer Person dann erhalten oder würde ich sie verletzen?“ Natürlich gelten die individuellen Rechte von Menschen auch bezüglich ihrer Religions- und Meinungsfreiheit. Ich bin froh, in einem Land zu leben, in dem ich meine Meinung frei äußern und meine Religionszugehörigkeit frei wählen kann. Das gilt natürlich auch für alle anderen – auch wenn mir deren Meinung nicht immer gefällt. Ich habe also nicht das Recht, jemandem das Wort zu verbieten, nur weil diese Person eine andere Meinung hat als ich. Vor ein paar Jahren waren wir zu einer Podiumsdiskussion an der Universität zu Köln. Gleich nach der Begrüßung setzte im vollen Zuhörersaal ohrenbetäubender Lärm durch Trillerpfeifen ein und niemand verstand mehr ein Wort. Auch die elektronisch verstärkenden Mikros konnten daran nichts ändern. Die Veranstaltung wurde von einer andersdenkenden Gruppe gekapert und unmöglich gemacht.

„Biblisch betrachtet geht es um Frieden und nicht nur um Harmonie.“

Der innere Kompass

Machen Sie sich bewusst: Sie haben das Recht, Ihr Leben nach Ihren Maßstäben zu gestalten – sofern diese weder selbstnoch fremdgefährdend sind. Vielleicht ist nicht alles klug, was Sie tun, aber Sie sind frei, es dennoch zu tun! Machen Sie sich aber bitte auch bewusst, dass Sie die Verantwortung für Ihr Tun haben. Es ist immer gut, wenn Sie beten. Ebenso wichtig ist aber auch, dass Sie handeln. Manchmal hilft ein gezieltes Gespräch – sofort oder später. Manchmal müssen Sie Grenzen klar formulieren oder innerlich aus dem System aussteigen. Dabei sollte der leitende Gedanke sein: Ich und die andere Person bleiben frei! Drohungen helfen nicht weiter, sondern verschlimmern die Situation meist (auch für einen selbst), und aussichtslose Kämpfe kosten Ressourcen, die man besser einsetzen könnte. Aber eine angespannte Situation will auch ausgehalten werden. Dennoch, seien Sie auf mögliche Konsequenzen vorbreitet, denn manchen Menschen steht ihr Harmoniebedürfnis im Weg. Aber Achtung! Biblisch betrachtet geht es um Frieden und nicht nur um Harmonie. Und der muss manchmal hart erarbeitet werden! Schätzen Sie den Charakter der anderen Person realistisch ein. Ich trenne mich möglichst von Menschen, die kontinuierlich die Grenzen anderer übertreten. Dabei ist mir aber bewusst, dass auch mir solche Grenzübertretungen gelegentlich passieren. Daher will ich mit anderen erst einmal geduldig und gnädig sein. Aber ich gehe möglichst auf Distanz, wenn das „grenzenlose“ Verhalten anhaltend ist. Lernen Sie Ihre persönliche Achillesferse kennen. Grenzüberschreitende Menschen sind darin geübt, die guten Werte anderer gegen sie zu richten! Klären Sie für sich: Was ist Ihnen so wichtig, dass Sie dafür eine Grenzüberschreitung zulassen würden? Dazu können Gespräche mit außenstehenden Menschen helfen, damit Sie auch Ihre blinden Flecke in den Blick bekommen können. Einen inneren Kompass im Umgang mit grenzüberschreitenden Menschen zu finden, ist also längst nicht immer einfach, aber in jedem Fall lohnenswert. Wenn Sie Klarheit darüber haben, was Sie erlauben wollen und was nicht oder nicht mehr, dann ist der erste wichtige Schritt getan. Im zweiten wäre dann eine gute Strategie zu entwickeln, um Grenzüberschreitungen Einhalt zu gebieten, ohne sich selbst oder die andere Person zu verletzen.