Es kommt auf die Haltung an

Motivation

Wie ist denn das, wenn viele versuchen, etwas zusammen zu machen? Viele Christen? Überzeugte Menschen, die in die gleiche Richtung schauen und glauben? Chris Pahl meint, da muss man schon auch mal die eigene Flagge runternehmen, um das gemeinsame Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. Wie das beim CHRISTIVAL gelingt? Es kommt auf die Haltung an.

Ich stehe hinten im Konferenzraum. Schaue mir die verschiedenen Tische an. Rund 120 Personen sitzen in Gruppen beisammen. Ich muss lächeln. Was für eine bunte Vielfalt an Leuten: Diakonisse neben Rapper, CHRISTIVAL-1976-Veteran neben einem Anfang-20-Jährigen , Brüdergemeindler neben Landeskirchlerin, Doktor der Theologie neben Pragmatiker. Das war im Jahr 2019, während wir auf einem Kreativtag das Programm für das CHRISTIVAL 2022 brainstormten und festlegten. Personen aus 80 Organisationen gehören zum CHRISTIVAL e.V. und stellen alle sechs Jahre miteinander das Jugendevent auf die Beine. Im Jahr 2022 kamen 13.000 junge Christinnen und Christen nach Erfurt. In der heißen Phase davor bereiten über 300 Menschen das CHRISTIVAL in 30 Arbeitskreisen inhaltlich und organisatorisch vor. Und da ist nicht immer Frieden, aber erstaunlich oft. Folgende Punkte helfen uns, friedlich beisammenzubleiben:

Klares Ziel

Wir wollen gemeinsam für die Jugendlichen ein glaubensvertiefendes und impulsgebendes Event rund um Jesus gestalten! Das Ziel ist klar, und immer wieder ordnen wir uns auf dem Weg diesem Ziel unter. Uns verbindet dabei auch die Not, die wir bei den jungen Menschen sehen. Wir wollen so sehr, dass sie Gott in diesen Tagen erleben und als mutigere Christen nach Hause gehen. Was auch hilft: Es geht um die fünf Tage, und dann ist das Projekt auch erstmal vorbei.

Eine Basis

Ja, natürlich ist Jesus unsere Basis. Aber da man Jesus von unterschiedlichen Seiten betrachten kann, reicht das allein nicht aus. In einem kurzen „Ethos-Paper“ haben wir definiert, was unsere Glaubensbasics sind und wie wir miteinander umgehen wollen. Auch das sind „nur“ Worte, die man so oder so verstehen kann. Aber für viele Fragen haben wir somit eine Basis. Die mussten wir als Leitung auf dem Weg immer wieder aus der Schublade holen, erklären und vorleben.

Genug Raum

Beim CHRISTIVAL und im Vorbereitungsprozess kann man mitgestalten, sein Thema einbringen und sich mit Gleichgesinnten einer Fragestellung widmen. Menschen ernst zu nehmen, ihnen zuzuhören und ihnen Räume zum Gestalten anzubieten – das ist manchmal anstrengend, aber auch der Weg, damit etwas zu einem gemeinsamen Projekt wird. Und manchmal ist es sogar gut, bewusst Menschen mit anderer Meinung einzubinden. Die „so anderen“ werden dann auf einmal zu guten Bekannten und Partnern.

Vertrauen

Den Vorstand vertraten beim letzten CHRISTIVAL der 1. Vorsitzende Karsten Hüttmann und ich als Projektleiter nach außen. Karsten war schon seit 2012 dabei, ich war neu als Projektleiter. Mein Job in den ersten zwei Jahren war, sehr viel Kaffee zu trinken. Ich traf viele Leiterinnen und Leiter und baute Vertrauen auf. In der heißen Phase des CHRISTIVALs blieb nicht mehr viel Raum für Mitbestimmung, da mussten wir als Leitung immer wieder schnell Entscheidungen treffen und sie auch gut erklären. Aber wir spürten, wie sehr die Mitglieder und Werke uns vertrauten. Und wenn sie Anfragen hatten, trauten sich viele, uns anzurufen. Trotzdem war nicht und ist nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen. Hier meine Top 3 der Gefahren für den Frieden:

„Menschen ernst zu nehmen, ihnen zuzuhören und ihnen Räume zum Gestalten anzubieten – das ist manchmal anstrengend, aber auch der Weg, damit etwas zu einem gemeinsamen Projekt wird.“

Profitieren

Die größte Gefahr für den Frieden ist der Egoismus. Dabei meine ich den persönlichen Egoismus und auch den, wenn es um mein Werk oder meine Gemeinde geht, und der kommt oft nicht ganz so offensichtlich daher. „Was bringt mir das?“ ist immer wieder in meinem Leben eine wichtige Frage für Priorisierung. Aber sie ist nicht die erste Leitfrage eines Christus-Nachfolgers. Wenn 10.000 Jugendliche Jesus erleben, dann gewinnen wir alle, da brauche ich oder mein Werk keinen direkten oder zusätzlichen Mehrwert. „Flaggen runter“ ist ein Motto, das wir beim CHRISTIVAL immer wieder versuchen zu leben.

Bühne

Es gab ziemlich wenige Leute, die sich vor dem letzten CHRISTIVAL für das Klo-Team gemeldet haben, aber es gab ziemlich viele, die angeboten haben, zu predigen. Die größten Diskussionen gab es bei der Auswahl der Predigerinnen und Prediger. Waren die großen Organisationen vertreten? Ost und West? Frau und Mann? Nicht zu alt? Diese Auswahl ist klug, aber es braucht für den Frieden immer wieder viele Menschen mit Demut.

Randthemen

In unserem Ethos haben wir die gemeinsamen theologischen Basics geklärt. Zu manchen Fragen, zum Beispiel zur Taufe, dem Abendmahl oder der Sexualethik, haben wir jedoch kein eigenes Papier und keine klare Handlungsanweisung. Sicher sind die Fragen wichtig, aber für ein fünftägiges Festival mit unserer Zielstellung sind sie nicht die Kernthemen. Mancher hätte sich diese klaren Antworten gewünscht. Sie hätten uns dann jedoch unter Umständen die Einheit und den Frieden gekostet. Einige der Organisationen, die beim letzten CHRISTIVAL dabei waren, mussten wir erst gewinnen. Andere hätten wir gerne dabeigehabt, aber sie haben Nein gesagt. Das ist so weit okay, aber auch schade. Ich merke, dass Einheit miteinander – wie Johannes 17 sie beschreibt – nicht funktionieren kann, wenn man sich bei dem raushält, was viele gemeinsam tun. Wir brauchen doch das Miteinander mit den Menschen, die anders sind und denken! Nur so kann und wird die Welt Jesus erkennen.