Die Sache mit der Rache
Ratgeber
Wir kennen das ja. Aus dem realen Leben – und auch aus manchem Spielfilm. Da wird dem einen Unrecht getan, und entweder er selbst oder jemand anders für ihn übt Rache. Nicht selten geht es dabei richtig heftig zur Sache. Zumindest in den Spielfilmen. Eva Dittmann hat sich mit der Sache um die Rache beschäftigt und rät: erstmal einen Psalm lesen!
Es ist doch zum Verzweifeln! Egal, wo man hinschaut – überall gibt es so viel Leid, so viel Hass, so viel Ungerechtigkeit. Ob vor der eigenen Haustür oder ganz am anderen Ende der Welt – überall hat sich das Böse eingenistet. Überall gibt es menschenverachtende Strukturen. Überall gibt es menschengemachtes Leid. Ja, überall werden wir schonungslos mit dem Gefallensein der Welt, der Menschen, der Herzen konfrontiert.
Navigationshilfe
Wenn ich auf diese ernüchternden Realitäten stoße, bemerke ich bei mir zwei Tendenzen. Einerseits ertappe ich mich immer wieder dabei, wie abgestumpft ich selbst doch bin. Durch die unendliche Flut an Informationen, die mich durch die Medien erreicht, reagiert mein Herz nicht mehr mit dem Schrecken, der Empörung und der Trauer, die eigentlich angemessen wären. Andererseits spüre ich gleichzeitig eine Hoffnungslosigkeit und Ohnmacht. Denn was kann ich schon tun, um gegen all dieses Unrecht anzukämpfen? Und irgendwie ist es ja auch so. Obwohl es viele Möglichkeiten gibt, wie wir durch unser Aufschreien und unseren Einsatz Veränderungen herbeiführen können, gibt es doch auch viele Bereiche, in denen wir tatsächlich machtlos sind. Genau für diese Situationen liefert uns die Bibel eine überraschende Navigationshilfe: die Rachepsalmen. Hier werden wir von den Betern angeleitet, kniend für Gerechtigkeit einzustehen. Wenn das Leben uns Unrecht vor die Füße wirft, das uns überwältigt, sollen wir uns hinknien und beten
„Wenn das Leben uns Unrecht vor die Füße wirft, das uns überwältigt, sollen wir uns hinknien und beten.“
Wie kann man so denken?
Wer diese Rachepsalmen – zum Beispiel Psalm 58 – liest, muss allerdings erst einmal ganz schön schlucken. Zumindest mir bereiten die so gewaltvoll klingenden Worte Unbehagen: „Brich ihnen die Zähne aus“ (V. 7); „Ihr Leben soll so kurz sein wie das einer Fehlgeburt, die nie das Licht der Sonne sieht“ (V. 9); oder: „Unsere Füße baden im Blut der gottlosen Verbrecher“ (V. 11). Wie kann man so was überhaupt denken? Geschweige denn heute noch beten? Und wie passt das mit dem biblischen Gebot der Feindesliebe zusammen? Um uns nicht von der Heftigkeit von Davids Gebet emotional abstoßen zu lassen, ist es sinnvoll, sich die drei Teile dieses Psalms detailliert anzuschauen. Zunächst klagt David vor Gott über die korrumpierte Gerechtigkeit (V. 1–6). Er sieht Menschen in Verantwortung, die ihre Stellung missbrauchen, um sich selbst voranzubringen, und die dabei bereit sind, andere Menschen zu manipulieren, auszubeuten und zu unterdrücken. Dabei sind zwei Details von besonderer Relevanz: Zum einen geht es hier nicht um einzelne Sünden, sondern um die Grundhaltung dieser Menschen. Sie sind charakterlich so verdorben, dass sie selbst gar nicht mehr wahrnehmen können, wie ihr Lebensstil von Sünde durchzogen ist. David verwendet hier ein eindrückliches Bild, um sie zu beschreiben: Sie sind wie Schlangen, die ihre Ohren verschlossen haben, dass nicht einmal die besten Schlangenbeschwörer sie noch erreichen können (V. 5–6). Zum anderen geht es David hier nicht um seine persönlichen Feinde, an denen er sich rächen möchte. Vielmehr geht es ihm um Gottes Feinde. Menschen, die sich bewusst gegen die Wahrheit und Ordnungen Gottes stellen. Er will seinem heiligen Zorn Ausdruck verleihen und denen eine Stimme geben, die unter diesen Menschen leiden. David klagt sich hier vor Gott die Seele aus dem Leib. Denn er weiß: Nur hier ist es gut aufgehoben.
Vor Gott ringen
In den Versen 7–10 bittet David Gott nun in aller Demut um sein gerechtes Eingreifen. Denn er weiß: „Ich kann diesem Unrecht nicht Einhalt gebieten. Und ich darf es auch nicht.“ Vergeltung ist schließlich die Aufgabe Gottes. Gott selbst entscheidet in seiner Gerechtigkeit, wann er wie in welche Situation eingreifen wird. David betet hier also mit der Prämisse: „Dein Wille geschehe – unser Wille gehe!“ Und so gewaltvoll dieses Gebet auch klingen mag, geht es David nicht einfach darum, dass Gott willkürlich Rache üben soll. Vielmehr bittet er, dass Gott den Wirkungs- und Machtbereich dieser Menschen so einschränkt, dass sie dieses Unrecht nicht weiter ausleben können. Denn wenn man den Löwen die Zähne ausreißt, können sie keine anderen Tiere mehr zerfleischen (V. 7).
„Gott greift mit seiner Gerechtigkeit ein, um die Menschen zur Umkehr zu motivieren und seine eigenen Leute vor dem Bösen und seinen Folgen zu schützen.“
In den letzten beiden Versen feiert David die Gerechtigkeit Gottes (V. 11–12). Um diesen Verweis in den Rachepsalmen richtig einordnen und anwenden zu können, müssen wir zwei Facetten der göttlichen Gerechtigkeit verstehen. Erstens: Gott greift mit seiner Gerechtigkeit ein, um die Menschen zur Umkehr zu motivieren und seine eigenen Leute vor dem Bösen und seinen Folgen zu schützen. Wenn wir heute mit Ungerechtigkeit konfrontiert werden, sollte es deshalb auch uns in erster Linie darum gehen, diese Menschen zur Umkehr zu bewegen. Alles uns Mögliche daran zu setzen, dass sie sich Jesus zuwenden. Wir sind eingeladen, für diese Menschen zu beten. Sie im Gebet vor das Kreuz zu bringen. Vor Gott um sie zu ringen. Denn ein Fürbittengebet für diese Menschen, für die Jesus auch ans Kreuz gegangen ist, und ein klagendes Gebet nach Gottes Gerechtigkeit schließen sich keineswegs aus.
Leidenschaftliche Liebe
Zweitens: Die Gerechtigkeit Gottes findet ihren gnädigen Höhepunkt am Kreuz von Jesus. Jesus, der dort alle Ungerechtigkeit dieser Welt auf sich genommen hat, damit wir gerecht werden können, wird selbst am Ende der Zeiten Gericht halten. Das ist gnädige Gerechtigkeit. Und diese Kreuzesgerechtigkeit lehrt uns einerseits, dass wir die Sünde ernst nehmen sollen. Denn sie wurde mit einem hohen Preis bezahlt. Anderseits lehrt sie uns, andere Menschen – auch unsere Feinde und die für uns unerreichbaren Despoten – durch die Augen des Gekreuzigten zu sehen. Am Fuß des Kreuzes, wo Gottes Gerechtigkeit und Gnade in atemberaubender Weise zusammenkommen, lernen wir, auch diese Menschen zu lieben und ihnen zu vergeben. Hier werden wir beim Beten der Rachepsalmen von Jesus selbst geleitet, kniend für Gerechtigkeit einzustehen – mit vertrauensvoller Hoffnung auf Gottes gnädiges Eingreifen, wie es seinem Willen entspricht, mit leidenschaftlicher Liebe für die Menschen und ihre Erlösung und mit demütiger Bereitschaft, selbst auch Buße zu tun.
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