Bis es anders kam
Persönlich
Das menschliche Denken und Empfinden orientieren sich in der Regel an Erfahrungen und Erwartungen, und nicht wenige Menschen leiten daraus einen Anspruch ab. Dass das kein kluges Vorgehen ist, entdeckte Wilfried Schulte auf äußerst schmerzvolle Weise. Und er entdeckte auch, dass es nicht viel braucht, damit plötzlich alles anders kommt.
Bekanntlich hat das lineare Fernsehen, werbetechnisch gesehen, mehr die Ü60-Generation im Blick. Eine Altersgruppe, zu der auch ich gehöre. Nur hat der Werbespot für Impfungen gegen eine Gürtelrose, der ständig vor oder nach den Nachrichten geschaltet wird, bei mir keine Aufmerksamkeit geweckt. Ich fühlte mich nicht angesprochen. Ich bin doch fit, das betrifft mich doch nicht. Bis es dann anders kam. Im April 2023 traf mich eine Gürtelrose-Infektion entlang des Trigeminusnervs und jetzt, mehr als anderthalb Jahre später, spüre ich immer noch die Auswirkungen dieser Krankheit.
Stundenlang nur dagesessen
Es ist eine äußerst schmerzhafte Erkrankung und sie hat mich voll erwischt. Mehr noch: Einen Monat nach der ersten Infektion wiederholte sich das Ganze. So etwas an Schmerzen hatte ich noch nie erlebt! Der kleinste Lufthauch am entzündeten Ohr trieb mir die Tränen in die Augen. Brillen zu tragen konnte ich vergessen, und Not macht erfinderisch. Also entfernte ich bei meiner Ersatzbrille einen Bügel und konnte mit diesem Hilfsgestell an guten Tagen lesen und die Welt um mich herum besser wahrnehmen. Aber meistens saß ich in einer Ecke in einem Zimmer mit einer Decke über dem Kopf, damit mein Ohr vor jedem Hauch geschützt war. Da saß ich, allein mit meinen Gedanken. Wer so wie ich stundenlang still dasitzen muss und durch Medikamente ruhiggestellt ist, der hat sehr viel Zeit zum Nachdenken. Sehr schnell meldeten sich dann auch Fragen in mir, auf die es keine direkte Antwort gibt: „Warum erleide ich das? Wozu soll das dienen? Wie lange wird mich das noch begleiten? Was wird aus meinem Dienst als Verkündiger?“ Für die nächsten Monate hatte ich schon alle Termine abgesagt und Ersatz gesucht. Ich merkte, wie sich eine große Unruhe in meinem Herzen ausbreitete. Immer wieder die Enttäuschung, wenn ich nachts oder morgens wach wurde und der Schmerz immer noch da war. Es wurde einfach nicht besser. Und dann entzündete sich der Nerv erneut.
„Aber meistens saß ich in einer Ecke in einem Zimmer mit einer Decke über dem Kopf, damit mein Ohr vor jedem Hauch geschützt war.“
Ich drehte mich im Kreis
Ich saß still in meiner Ecke und sagte mir: „Wilfried, das hast du nicht verdient! Du hast dich dein ganzes Leben dafür eingesetzt, dass Gottes Reich sichtbar wird in dieser Welt. Dein Herzensanliegen ist es, die Verkündigung des Evangeliums zu unterstützen. Menschen sollen Jesus kennenlernen.“ Mit all diesen Gedanken machten sich Unruhe und Unfrieden in meinem Herzen breit und ich drehte mich im Kreis. Und je mehr ich darüber nachdachte, desto mehr kam die Erkenntnis: „Wilfried, es geht nicht ums Verdienen.“ Es gibt so viele Situationen, in denen ich anders hätte handeln können und sollen. Worte, die ich gesagt habe und die ich so nicht hätte sagen sollen, oder Momente, in denen ich geschwiegen habe, als ich hätte reden können und sollen. Diese Wahrheit schafft zwar keine direkte Kausalität zu meiner Krankheit, aber sie macht mir deutlich: Doch, auch mir darf so etwas passieren. Ich habe mir kein besonderes Recht erarbeitet, das mich davon ausnimmt, Leid als Teil meines Lebens zu erfahren. Was hat mir in all meiner Unruhe schließlich geholfen, meinen Frieden wiederzufinden? Die schlichte Antwort lautet: Nicht was, sondern wer. Ich weiß ja, dass Gott nicht schwerhörig ist und ich mich nicht ständig wiederholen muss, aber es ist wichtig zu sagen, dass er in all meinem Denken und Beten immer die primäre Anlaufstelle ist. Es ist wie ein sehr langes Gespräch, in dem es auch mal Phasen der Stille gibt, aber der Austausch bricht dadurch nicht ab. Gott ist mein Gegenüber – auch dann, wenn er die Situation nicht von jetzt auf gleich verändert. Gott ist da. Theoretisch wusste und weiß ich das, aber das Gefühl der Hilflosigkeit, der Hoffnungslosigkeit und Ungeduld überlagerten so schnell mein Wissen um Gottes Gegenwart. Wieder mal an so einem Tiefpunkt angekommen, stand mir die Jahreslosung für 2023 vor meinem inneren Auge. „Du bist ein Gott, der mich sieht“. Es mag unglaublich klingen, aber diese zuversichtlichen Worte Hagars wurden mir zur direkten Zusage Gottes und ließen mein Herz von einem Moment zum nächsten ruhig werden. Wenn Gott mich sieht, dann weiß er auch um meine Situation. Das war mir plötzlich klar vor Augen und es war mir genug. Gott hat sein Wort in meinem Herzen und Denken lebendig gemacht und mir dadurch einen Frieden geschenkt, der mich neu mit Hoffnung, Geduld und Ruhe erfüllte
„Es ist wie ein sehr langes Gespräch, in dem es auch mal Phasen der Stille gibt, aber der Austausch bricht dadurch nicht ab.“
Hilfe und Heilung
Jemand hat einmal gesagt, dass unsere Hilflosigkeit unser größtes Plus ist. Ich erlebte gerade in meiner Hilflosigkeit Gottes Größe, denn sie erweitert meinen Horizont der Möglichkeiten. Meine Kraft und Ressourcen, mein Können und meine Fähigkeiten haben ihre Grenzen, aber Gott kann und will mir – und uns allen – helfen, weit über Bitten und Verstehen hinaus. Die Anteilnahme in der Familie, von Freunden und in der Gemeinde sind großartige Mutmacher, die mir unendlich guttaten. Meine Hilfe erwarte ich aber nicht von Menschen, sondern von Gott. Hilfe und Heilung. Dabei will ich Gott nicht vorschreiben, wie und wann er das machen soll und wird. Er kann sowohl das Gebet der Gemeinde oder die Fähigkeiten von Ärzten und die Wirkung von Medikamenten nutzen als auch ein aufbauendes Wort aus seinem Mund, das Wunder wirkt. Der erste Ausbruch der Gürtelrose liegt nun schon zwanzig Monate zurück. Leichte Schmerzen sind immer noch da. Mein Neurologe hatte mich immer wieder gebeten, meinen Schmerz auf einer Skala von 1, wenig, bis 10, hoch, einzuordnen. Als ich mich auf Stufe 2 bis 3 befand, setzte er die Medikamente in Anbetracht des Erreichten und wegen der nicht unbeachtlichen Nebenwirkungen ab. Heute ist immer noch ein Schmerz vorhanden, den ich auf Stufe 1 einordne. Auch wenn mich das manchmal immer noch nervt, empfinde ich in meinem Herzen doch aus zwei Gründen eine große und tiefe Dankbarkeit. Zum einen hat die Tatsache, dass Gott mich sieht, mein Herz spürbar beruhigt und mir Frieden geschenkt. Das war und ist die beste Medizin. Und zum anderen: Gott hat mir die Erfahrung geschenkt, dass seine Kraft gerade dann besonders erfahrbar ist, wenn ich schwach bin. Ihm, der mit seiner unerschöpflichen Kraft in uns am Werk ist und unendlich viel mehr zu tun vermag, als wir erbitten oder begreifen können, ihm gebührt durch Jesus Christus die Ehre in der Gemeinde von Generation zu Generation und für immer und ewig. (Epheser 3,20–21) Dazu kann ich nur sagen: Amen!
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