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Ich fühl mich gut

Leitartikel

Was ist das, Egoismus? Ignoranz des Leids der anderen? Unbekümmertheit? Oder schlicht und ergreifend notwendige Überlebensstrategie in einer immer mehr durcheinanderkommenden Welt? Detlef Eigenbrodt meint: wohl von allem ein bisschen, aber in der richtigen Proportionierung. Mit positivem Blick und der nötigen Sorge um sich selbst.

Als ich kürzlich in einer sehr frühen Andacht saß und der Redner fragte, welches die guten Nachrichten waren, die wir in den letzten Tagen bekommen hätten, kam mein Hirn nur langsam auf Touren. Aber immerhin, es kam. Durch den Schleier meiner morgendlichen Müdigkeit arbeitete ich mich Tag für Tag zurück und überlegte, was ich sagen könnte. Was hatte ich erlebt oder gehört, das ich als gute Nachricht einstufen würde? Etwas, das sich von den schlechten absetzen könnte? Ein Impuls, eine Zuwendung, ein Wort, das mich in der Tiefe erreicht hatte und dort für Ruhe, Ordnung und Frieden sorgte? Gutes, das mich dankbar macht und dazu beiträgt, dass ich mich wohlfühle? Während ich noch meinen Gedanken nachhing, kamen von links und rechts, von hinten und von vorne, schon reichlich schöne Antworten. Ich aber war noch nicht so weit, ich brauchte mehr Zeit, um das Belagernde der negativen Sequenzen zur Seite zur räumen und mich der gestellten Frage aufrecht und nicht voreilig oberflächlich zu stellen. Also packte ich den Gedanken erst mal ein und nahm ihn mit.  

Es ging mir nicht schlecht

Aber er ließ mich nicht los. Und so stellte ich mir zunächst zwei ganz grundsätzliche Fragen: Was brauche ich denn, um mich wohlzufühlen? Und was steht dem Gefühl, dass es mir gut geht, im Weg? Irgendwie scheint mir die zweite Frage sogar noch wichtiger und wesentlicher zu sein als die erste. Was hindert mich, mich gut zu fühlen? Und ja: Die Betonung hier liegt wirklich auch und vor allem auf dem „fühlen“. Ich gehe mal ein paar Jahre zurück. Für Montag, den 16. März 2020 hatte ich einen Flug gebucht, ich sollte zu einer Beratung nach Eriwan, Armenien, reisen und dort ein paar Tage mit Gesprächen und Planungen für ein Projekt verbringen. Seit dem 11. März mehrten sich in Deutschland Meldungen über eine sich rasch ausbreitende und in der Wirkung noch völlig unbekannte Krankheit, die es unbedingt einzudämmen gelte. Covid. Am 14. März wurde ich von meiner Airline darüber informiert, dass mein Flug gestrichen wurde. Reisen waren plötzlich so gut wie nicht mehr möglich. Und auch die Face-to-Face-Kontakte wurden sehr stark eingeschränkt.

Wie lange halte ich durch?

Eine Flut von schlechten Nachrichten füllte die Tage, Wochen, Monate. Ich erinnere mich gut an viele Diskussionen über Sinn und Unsinn der Maßnahmen, die Regierungen für nötig hielten, um die Verbreitung der Pandemie im Griff zu behalten. Die Nachrichten waren voll davon. Das Einzige, das sich leerte, war der Terminkalender. Ein Termin nach dem anderen wurde abgesagt und ich fragte mich, ob ich das lange aushalten können würde. Auch finanziell. Ich fühlte mich zunehmend verunsichert, weil ich nicht wusste, was kommt. Und weil ich plötzlich viel Zeit hatte, konsumierte ich mehr Nachrichten als sonst, und das in der Absicht, mich zu informieren und nach vorn schauen zu können. Das Gegenteil war der Fall. Je mehr der schlechten und beängstigenden Nachrichten ich hörte, desto schlechter und hoffnungsloser fühlte ich mich. Aber es ging mir eigentlich nicht schlecht. Ich fühlte mich nur so.

Darf ich einfach abschalten?

Der Frühling 2020 war ein ausgesprochen sonniger und ich tat, was ich besonders gut kann: Ich saß auf meinem Balkon am Südhang, genoss die Wärme und las Bücher. Und fühlte mich gut in diesen Stunden. Es ging mir nicht anders als eben noch, aber das Gefühl hatte sich geändert. Ich begann mich zu fragen: Was wäre wohl, wenn ich einfach keine Nachrichten mehr schaue, höre oder lese? Wenn ich die schlechten und negativen Botschaften aussperre und sie nicht an mich heranlasse, wenn ich ihnen nicht erlaube, mein Gefühl zu vergiften? Sicher. Sie wären immer noch da, die echten Tragödien der Welt, aber sie hätten – solange sie mich nicht direkt betreffen – keine Macht mehr über mich. Ich entdeckte, dass es stimmt. Ich erkannte, dass ich Einfluss darauf habe, wie ich mich fühle, dass das, was ich anschaue, Macht über mich gewinnt.

„Je mehr der schlechten und beängstigenden Nachrichten ich hörte, desto schlechter und hoffnungsloser fühlte ich mich. Aber es ging mir eigentlich nicht schlecht. Ich fühlte mich nur so.“

Ich hab die Wahl, zu leben

Die Sonne auf dem Südbalkon versus Covid auf allen Kanälen. Wie lange würde ich wohl aushalten, mich schlecht zu fühlen, obwohl es mir doch gut ging? Und gerade, als wir im Februar 2022 meinten, die Covid-Geschichte mit all ihren Einschränkungen und Frustrationen und Verlusten hinter uns lassen zu können, erklärte Putin der Ukraine den Krieg. Was neben unendlichem Schmerz und Trauer vor Ort für mich wieder eine Flut von schlechten Nachrichten mit sich brachte. Denen ich mich erneut nicht entzog, sondern bewusst aus setzte. Weil ich informiert sein wollte. Als dann am 7. Oktober 2023 die Hamas Israel angriff und ein neuer Krieg begann, bemerkte ich eine Verhaltensänderung bei mir. Es fällt mir zunehmen schwer, Nachrichten zu schauen, und ich schalte immer öfter ab als an. Es wäre zu stark zu sagen, dass ich es nicht mehr ertrage, aber es ist schon so, dass ich es nicht mehr sehen will. Ganz egoistisch. Ich leide so sehr unter dem, was Menschen Menschen antun, dass ich es aussperren muss. Diesen Bildern und Worten die Macht nehmen muss, meine Gefühle zu überfluten und mich emotional zu Boden zu drücken. Sicher, mir ist schon klar: Bloß, weil ich etwas nicht anschaue, hört es nicht auf zu existieren. Es geht hier wirklich zunächst um mich allein und die Frage, was ich dazu beitragen kann, dass ich mich wohlfühle. Dass ich gesund bleibe oder wieder werde. 

Was kann ich ertragen?

Ich bin überzeugt: Es gibt heute so viele entsetzliche Tragödien in unseren Häusern, Straßen und Städten, in unserem Land und der Welt, von denen wir nichts wissen, weil die Medien sie nicht thematisieren. Aber an so gut wie keiner davon können wir viel ändern, weil sie nicht in unserem Einflussbereich liegen. Wir sind vielfach machtlos und sollten darüber nachdenken, ob es uns hilft, uns trotzdem damit zu beschäftigen. Damit rufe ich ja nicht zur Ignoranz oder Gefühlskälte auf, damit rede ich darüber, was wir zu ertragen in der Lage sind. Wie oft fühlen wir uns schlecht, weil wir nicht bereit sind, den Ursprung dieses Gefühls loszulassen? Wie oft ignorieren wir die Tatsache, dass es uns gut geht, weil wir uns schuldig fühlen, dass das so ist? Das Gefühl hat so viel Einfluss auf unsere Entwicklung, so viel Macht über Zufriedenheit und Glück, viel mehr, als die Realitäten es haben.

„Es wäre zu stark zu sagen, dass ich es nicht mehr ertrage, aber es ist schon so, dass ich es nicht mehr sehen will. Ganz egoistisch.“

Wem ich die Macht gebe

Bleibt noch die Frage, was ich also brauche, um mich gut zu fühlen, nachdem klar ist, was mir – und im Übrigen nicht nur mir – im Wege steht. Ich habe mich mal bei einigen Freunden umgehört und wollte wissen, was die zum „Wellbeing“ brauchen: Kulinarisches, Intellektuelles, geistliche Tiefe im Leben, Reisen, Rückzugsorte, Sonne, Licht, Wärme, Beziehungen, Sport, Freundschaften, Sicherheit, Musik, Kunst, erfüllende Arbeit, Herausforderungen, Kultur, Garten, Hobbys, Balance, Abenteuer, Natur, Familie, Enkel … – wow! Was für eine Liste! Was für eine Fülle an schönen Möglichkeiten, das Gute im Leben zu treffen und alltäglich zu genießen. Was für eine Perspektive, was für eine Chance, den schlechten Nachrichten mit positiven Impulsen und Einflüssen zu begegnen!

Die Frage war ja die: „Welche sind die guten Nachrichten, die dich in den letzten Tagen erreicht haben?“ Meine Antwort steht fest: „Ich kann das Böse und Negative nicht auslöschen, will es nicht ignorieren, muss ihm aber auch nicht die Macht geben, mich zu Boden zu drücken! Ich treffe Gutes da, wo ich gerade bin, ich integriere den positiven Teil der Realität in mein Denken und erlaube ihm, seine verändernde Kraft über mir auszugießen. Ich schaue nicht oberflächlich und leugnend weg, nur weil ich nicht zwanghaft konzentriert hinschaue. Ich male nichts schön, indem ich Akzente und Gewichte so setze, dass ich mich wohlfühle. Das bin ich mir wert!

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