Lange Weile

Philosophie

Was, wenn lange Weile nicht gleich Langeweile ist? Wenn sich hinter dem vermeintlich Unergiebigen etwas so Wertvolles verbirgt, dass wir es unbedingt erreichen und gewinnen sollten? Es aber nicht könnten, wären wir in Eile? Würde alles „nach Plan“ laufen? Sicher. Was wenn? Christian Schüle denkt diesen Gedanken für uns durch und nimmt uns mit hinein in das spirituelle Erlebnis einer Reise.

Einmal stand ich auf dem Dorfplatz von Comporta, und nichts geschah. Und danach? Immer noch nichts. Und dann? Kein bisschen mehr als nichts. Und dann? Man saß dort. Man wartete. Und dann? Stand man auf. Und dann? Ging man hinüber. Und drüben? Saß man wieder. Und dann? Stand man auf. Und ging weiter, oder zurück, oder all das auch nicht. Und dann? Saß der Alte mit den Krücken vor dem Haus, das früher einmal das Restaurant O Hexágono war, und pulte in den Zähnen. Das Haus war eine Ruine. Drei Hühner trotteten über die Straße, im Hinterhof moserte ihr Hahn.

Heute würde morgen noch gestern sein

In der Luft hing das Aroma von Pinienharz und Knoblauch, es war neun Uhr, und hätte auch 19 Uhr sein können. Minuten, Stunden, Tage vergingen, als seien sie längst vergangen, im Verlauf einer Zeit, die nichts weiter als eine Behauptung zu sein schien in Comporta, Portugal, 1276 Einwohner, dreihundert Sonnentage im Jahr, fünf Minuten vom Atlantik entfernt, Nester auf Dächern, Nester auf Kaminöffnungen, Nester auf Leitungsmasten. Plötzlich fiel ein Schatten auf den Asphalt, ausladend und prächtig, ein auf- und abschwingender, höchst lebendiger, nahezu bedrohlicher Schatten, der bald kleiner wurde und verschwand. Oben raschelte es, unten schlugen Zweige auf, und im Nest auf dem Dach des O Hexágono, vor dessen Tür der Alte nun stand und mit dem Finger an seinen Zähnen rieb, landete ein gigantischer Storch. Sekunden später war es still. Nichts raschelte, kein Flügel drückte die Luft zu Boden. Man saß da und wartete und vergaß erst die Störche und dann sich. Nichts weiter geschah. Die Sonne regelte, was sonst die Uhr übernimmt. Heute würde morgen gestern sein, na und? Was tut Zeit zur Sache? Was überhaupt ist Zeit, während die Sache doch klar ist: Nichts passiert und alles geschieht?

Und dann wurde es dunkel

Licht und Schatten, tagaus, tagein. Ältere und Alte waren Kronzeugen der Ereignislosigkeit. Sie saßen auf Mauern und Bänken und beobachteten still und keinesfalls heimlich und taten den gesamten Tag nichts anderes als sitzen und beobachten, still, aber nicht heimlich. Welche Sache geschah zwischen Nichts und Nichtstun, während ein Spaltbreit Sonne in die Gassen fiel? Viel mehr als keine. Eine Hundedame nämlich hinkte über die Straße und wurde vorstellig. Der Aufwand, den sie trieb, kam einem Spektakel gleich. Sie sah nach, was geht, ihre Zitzen waren lang. Ging was? Nein, hier ging nichts. Ging drüben was? Genauso nichts. Da drehte das Tier ab, die Gasse lag bereits im Schattenschlummer. So war und ist das in Comporta und wird es immer sein: Hinkt der eine Hund, bleibt der andere ungerührt liegen. Und dann wurde es dunkel. Inzwischen saß der Alte auf einer Bank gegenüber der Ruine. Und wie es sich gehört, querte irgendwann eine schwarze Katze die Rua das Amoreiras. Das konnte Gründe haben, musste aber nicht. Und in diesem Moment geschah alles, obwohl nichts ging.

 

„Spätestens seit meiner zufälligen Erfahrung des herrlichen Verlusts von Zeit in Comporta (womöglich aber schon viel länger) haben mich das Verhältnis von Zeit und Zufall und der Einfluss von beidem auf die Erkenntnis meiner selbst beeinflusst.“

Manchmal nur ein Wimpernschlag

Spätestens seit meiner zufälligen Erfahrung des herrlichen Verlusts von Zeit in Comporta (womöglich aber schon viel länger) haben mich das Verhältnis von Zeit und Zufall und der Einfluss von beidem auf die Erkenntnis meiner selbst beeinflusst. Und seit Comporta (womöglich aber schon länger) wage ich zu sagen, dass Zeit im Eigentlichen unerheblich ist. Ihre Macht besteht allein in der Übereinkunft der Menschen, sich ihr zu unterwerfen. In erster Linie bedeutet Zeit ja Mangel. Zeit verweist auf das ständige Defizit, keine zu haben. Zeit ist Ausdruck der Erkenntnis, grundsätzlich zu wenig oder zu wenig qualitative Zeit zu haben, während die Lebenszeit dahinrast und abläuft und im Tod nichts anderes als nur noch absolute Zeitlosigkeit sein wird. Erfreulich ist das nicht, bis auf weiteres aber unvermeidbar. Zeit zur Taktgeberin des Lebens zu machen, heißt ja auch, das Leben immerzu nach vorne, in den Verlauf der kommenden Zeit hinein zu entwerfen. Maßgeblich ist dann nur noch, was als nächstes kommt: die kommende Zeit, die man „Zukunft“ nennt, worüber die Gegenwart gern vergessen wird – der kostbare Moment Gegenwärtigkeit, der manchmal nur einen Wimpernschlag dauert, ehe ihn sich die Vergangenheit einverleibt und zur Erinnerung freigibt. Geschult durch den immensen Verlust von Zeit auf vielen Reisen behaupte ich: Je mehr Rücksicht der Mensch auf Zeit nimmt, desto weniger Rücksicht nimmt die Zeit auf den Menschen. Zeit ist eine kaltherzige Regentin. Ihr Gegenspieler ist der Zufall. Ist man bei klarem Verstand, hebelt er die Zeit aus und übernimmt die Macht. Zufall ist der souveränste Akteur des Widerstands gegen die Zeit.

Nihil est sine ratione

Nichts bringt größere Verblüffung hervor als die eigene Ratlosigkeit angesichts der Frage: Warum kommt, was kommen soll, gerade jetzt nicht? Man müsste die Verwunderung mit einer Gegenfrage herausfordern: Was brächte es denn, den Grund dafür zu wissen, dass etwas, selbst wenn es angekündigt war, nicht kommt, da das, was kommen soll, mit oder ohne Grund ohnehin nicht kommt? Womöglich gibt es keine Gründe. Vielleicht sind Gründe die Erfindung eines „Spätestens seit meiner zufälligen Erfahrung des herrlichen Verlusts von Zeit in Comporta (womöglich aber schon viel länger) haben mich das Verhältnis von Zeit und Zufall und der Einfluss von beidem auf die Erkenntnis meiner selbst beeinflusst.“ „Auf Reisen hat nichts einen Grund, aber alles einen Anlass. Die Reise ist der Grund ihrer selbst.“ 12 NEUES LEBEN 4 – 2022 welthistorisch einflussreichen Geistes, der die Neigung der Realität zur Grundlosigkeit nicht aushalten konnte. Eingebrockt hat der aufgeklärten Menschheit das Verhältnis von Grund, Zeit und Verstand zuletzt der einflussreiche Universalgelehrte Gottfried Wilhelm Leibniz, der im Jahre 1714 die antike Weisheit zum Prinzip aller Vernunft erkor: „Nihil est sine ratione“ – zu Deutsch: Nichts geschieht ohne zureichenden Grund. Bekanntlich hat der auf die Kausalität von Grund und Folge geeichte europäische Verstand manchmal Schwierigkeiten mit Märchen, Mythen und Mystik, will sagen: mit dem nicht Erklärbaren, dem Verrätselten und Verzauberten. Begründung, Rechenschaft und Kontrolle sind die Vektoren eines Lebensmodells, das sich – mit zureichendem Grund übrigens – als logisch und weltschöpfend versteht. Es huldigt der Effizienz und hat zweifelsohne zu genialer Technologie und unerhörtem Wohlstand geführt.

„Auf Reisen hat nichts einen Grund, aber alles einen Anlass. Die Reise ist der Grund ihrer selbst.“

Dann geht er nach Hause

Reisen hingegen folgt einer ganz anderen Art von Gesetzmäßigkeit. Auf Reisen hat nichts einen Grund, aber alles einen Anlass. Die Reise ist der Grund ihrer selbst. Die Leibniz’sche Sentenz vom zureichenden Grund bringt einem in Zentralguatemala zum Beispiel rein gar nichts. In den von Wäldern eingefassten Dörfern kann es den Verstand eines durchgeplanten und durchplanenden Individualisten in den Irrsinn treiben, seine Unfähigkeit zu erkennen, scheinbar sinnlose Duldsamkeit aufbringen zu müssen. Vornehmlich angesichts eines angekündigten Busses, der nicht fährt. Nein, falsch, der gar nicht erst kommt. Der nicht kommt, obwohl der durchaus höfliche Ticketverkäufer in seinem Häuschen klar und deutlich gesagt hatte, der Bus in die nächstgrößere Stadt komme in einer Stunde. Der Mann lügt dabei nicht, er vertraut auf etwas Höheres als den Fahrplan.

Aber Fakt ist: Der Bus kommt nach einer Stunde nicht. Da verspricht der Ticketverkäufer die Abfahrt des Busses in zwei Stunden, weil ihm das gerade irgendjemand zugeflüstert hat. Nach drei Stunden sagt der Ticketverkäufer, der Bus komme in weiteren vier. Nach fünf Stunden meint er, sicher sagen zu können, der Bus komme heute gar nicht mehr. Er schließt sein Tickethäuschen und geht nach Hause.

Christian Schüle, geboren 1970, lehrt seit 2015 Kulturwissenschaft an der Universität der Künste in Berlin. Der Philosoph, Essayist und Autor mehrerer Bücher lebt, wenn er nicht gerade in der Welt unterwegs ist, in Hamburg und München. christianschüle.de

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