Glaub dem Kind

Andacht

Wenn es unter Leid und Verzweiflung so dunkel wird, dass kein Ausweg mehr zu sehen ist, erinnern viele sich an Texte von Jochen Klepper. Dem Mann, dessen Lieder eigener abgrundtiefer Sorge entsprangen, Lieder die bis heute tiefen Trost spenden. Kleppers stille Begegnungen mit Gott offenbaren eine Nähe, die uns noch heute ergreift. Jürgen Werth über die Spiritualität des Leidens und Glaubens.

Es ist mein Weihnachtslied. Und doch gehört es allen. Der Journalist und Schriftsteller Jochen Klepper hat es 1938 geschrieben, mitten in einer dunklen Zeit. Verführung. Verblendung. Führerwahn. Judenpogrome. Kriegsvorbereitungen. Klepper ist mit einer Jüdin verheiratet. Die beiden haben zwei Töchter. Die ältere, Brigitte, kann kurz vor Kriegsausbruch über Schweden nach England ausreisen. Alle Versuche, das auch für ihre jüngere Schwester Renate zu ermöglichen, scheitern 1942 endgültig. Die drei Kleppers müssen damit rechnen, dass die Ehe zwangsgeschieden wird und dass Johanna und Renate ins Konzentrationslager verschleppt werden. So wählen sie in der Nacht vom 10. auf den 11. Dezember den Freitod. Vor Augen das Bild des Segnenden Christus, der um uns ringt.

 

„Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern, so sei nun Lob gesungen dem hellen Morgenstern. Auch wer zur Nacht geweinet, der stimme froh mit ein. Der Morgenstern bescheinet auch deine Angst und Pein. Dem alle Engel dienen wird nun ein Kind und Knecht. Gott selber ist erschienen zur Sühne für sein Recht. Wer schuldig ist auf Erden, verhüll' nicht mehr sein Haupt. Er soll errettet werden, wenn er dem Kinde glaubt. Die Nacht ist schon im Schwinden, macht euch zum Stalle auf! Ihr sollt das Heil dort finden, das aller Zeiten Lauf von Anfang an verkündet, seit eure Schuld geschah. Nun hat sich euch verbündet, den Gott selbst ausersah. Noch manche Nacht wird fallen auf Menschenleid und -schuld. Doch wandert nun mit allen der Stern der Gotteshuld. Beglänzt von seinem Lichte, hält euch kein Dunkel mehr. Von Gottes Angesichte kam euch die Rettung her. Gott will im Dunkel wohnen und hat es doch erhellt! Als wollte er belohnen, so richtet er die Welt! Der sich den Erdkreis baute, der lässt der Sünder nicht. Wer hier dem Sohn vertraute, kommt dort aus dem Gericht. Jochen Klepper“

Gott kommt nicht zu Besuch

Als Klepper diesen Text schreibt, hat er noch Hoffnung. Aber sie wird immer kleiner. So schreibt er ein nüchternes, ja beinahe trotziges Weihnachtsgedicht.Es passt besonders gut in unsere dunkle Zeit. Die Nacht ist vorgedrungen. Ein solcher Satz hat einen besonderen Klang in jenen Jahren. Viele ahnen das heraufziehende Unheil. Doch der Tag ist nicht mehr fern. Der Kontrapunkt des Glaubens und der Hoffnung. Und so geht es weiter in diesem Lied, fünf Strophen lang und wieder von vorn. Bis heute. Bis ins Krisenjahr 2022. Bis zu uns. Bis zu mir. Nacht gegen Tag. Verzagtheit gegen Mut. Zweifel gegen Glauben. Verzweiflung gegen Hoffnung. Aber Gott kommt. Er kommt ins Dunkel. Nicht nur mal so kurz auf Besuch. Er kommt, um zu bleiben. Im Dunkel dieser Welt und im Dunkel meines Lebens. Nicht als Richter kommt er. Als Retter! Als „Kind und Knecht“!

Die nächtlichen Tränen haben ein Ende. Der Morgenstern ist aufgegangen. Der Himmel verbündet sich mit der Erde. Der Schöpfer mit der Schöpfung. Der Sündlose mit den Sündern. Das gilt für gestern. Für heute. Und es gilt für morgen Gottes Huld war nicht eine momentane Laune. Seine Freundlichkeit nicht eine vorübergehende Gefühlsregung. Sein Freispruch nicht eine zeitlich eng begrenzte Amnestie. Gott lässt den Sünder nicht. Nie mehr. Seine Liebe wandert mit uns durch die Zeit. Scheint hell und warm auf alle unsere Wege. Das ist das Evangelium, die Gute Nachricht. Die beste Nachricht, die je auf unserem Globus gehört wurde!

 

„Nacht gegen Tag. Verzagtheit gegen Mut. Zweifel gegen Glauben. Verzweiflung gegen Hoffnung. Aber Gott kommt. Er kommt ins Dunkel. Nicht nur mal so kurz auf Besuch. Er kommt, um zu bleiben.“

Dieses Evangelium aber will immer neu entdeckt und entfaltet und geglaubt werden. Denn es steht quer zu meinen Alltagserfahrungen. Quer zu den Regeln menschlichen Zusammenlebens. Quer zu den Grundsätzen der Leistungsgesellschaft. Quer zu allen religiösen Bemühungen. Quer zu meinem unfrommen Wunsch, mir die Zuwendung Gottes verdienen zu wollen. Sie lässt sich eben nicht verdienen. Sie lässt sich nur entgegennehmen. Geschenkte Liebe. Durch nichts und von niemandem verdient. Nein, das hat man nicht einmal und ein für alle Mal verstanden. Das muss man immer wieder verstehen. Oder anders: Das muss man stehen lassen und immer wieder neu bestaunen. Denn verstehen lässt sich’s nicht wirklich. Gottes Liebe ist ein Geheimnis. So geht man nicht mit Rechtsbrechern um! Nein, man nicht. Aber Gott.

Der soll gerettet werden

Ich erinnere mich an ein stilles Klosterwochenende. Ich saß wohl schon eine Stunde in meiner kleinen Lieblingskapelle und wurde immer verzagter. Nein, vor diesem Gott hast du als Mensch keine Chance! Dieser Gedanke, dieses Gefühl drückte mich unerbittlich zu Boden. Es gibt sie ja, diese Momente, in denen dir messerscharf bewusstwird, wie groß, wie unüberwindbar die Sünde, der Sund zwischen Gott und dir ist. In denen du’s nicht mehr nur singst, in denen es vielmehr in allen Blutbahnen pulst: Nichts hab’ ich zu bringen! Aber auch gar nichts! Ich bin ein Nichts vor dir, heiliger Gott, ein Niemand! Alle lendenlahmen Versuche, meinen Versäumnissen ein paar fromme Leistungen entgegenzuhalten, waren längst fehlgeschlagen. Ich wusste doch: Selbst hinter vielen frommen Aktivitäten und Worten hatte allzu oft nur Geltungsdrang gesteckt.

Da saß ich nun also, buchstäblich ein Häuflein Elend. Das Kreuz an der Stirnwand der Kapelle wagte ich kaum noch anzuschauen. Ich hatte verloren. Das Spiel verloren. Mich verloren. Gott verloren. Als plötzlich eine helle Melodie in meinen düsteren Gedanken zu singen begann. Sehr leise und sehr zaghaft zunächst. Kaum wahrnehmbar. Doch dann immer lauter. Immer forscher. Und schließlich unüberhörbar: Wer schuldig ist auf Erden, verhüll nicht mehr sein Haupt. Er soll gerettet werden, wenn er dem Kinde glaubt! Galt das mir? Galt das wirklich mir? Gerettet wird, wer dem Kind glaubt? Dem Kind in der Krippe von Bethlehem? Es war eine Melodie aus dem Himmel an diesem Tag. Eine Botschaft direkt von dem Kreuz, das da vor mir an der Wand hing. Glaub nicht deiner Schuld! Glaub nicht deinem Gewissen! Glaub dem Kind! Glaub Jesus! Der gekommen ist, um die mit dem Himmel zu belohnen, die die Hölle verdient haben! Dich!

Ich weiß nicht mehr, ob ich geweint habe. Aber ich weiß noch, dass mir zum Weinen zumute war. Vor Scham und Schreck und vor Staunen. Vor Freude und vor Begeisterung. Weihnachten und Ostern und Geburtstag auf einmal. Mein Fest! Wie der verlorene Sohn bin ich in Gottes Arme gefallen. In sein Erbarmen. Hab’ neu Platz genommen an seinem Tisch. An seinem Herzen. Hab’ mich satt gestaunt und satt gegessen. Und war im Himmel. Irgendwie. Ach, würde das diese ganze orientierungslose Welt tun! Alle, die andere zugrunde richten! Alle Menschenschlächter und Schöpfungsverächter! Gott wartet. Er schenkt uns Weihnachten. Seinen Sohn. Und er lässt uns ausrichten: Wer schuldig ist auf Erden, verhüll nicht mehr sein Haupt. Er soll gerettet werden, wenn er dem Kinde glaubt!

 

Jürgen Werth, 70, ist Buchautor und Songpoet und lebt in Wetzlar. juergen-werth.de

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