Mach es zu Deinem Gebet!

Beten lernen mit dem „Vaterunser“

Was dachten eigentlich Jesus, Paulus und die ersten Lehrer der Christenheit über das Gebet? Der englische Theologe N. T. Wright hat die Gebete des Neuen Testaments für heute ausgelegt – für alle, die gern beten lernen wollen. Zum Beispiel: das „Vaterunser“.

Wir gingen zur Abendandacht in die Kathedrale und fanden dort den Kirchendiener, der überall nach Streichhölzern suchte, um die Kerzen anzuzünden. Die alte Streichholzschachtel war leer und es schien, als hätte jemand die Ersatzschachtel weggenommen, die immer hinter dem Schrank aufbewahrt wurde. Man kann einen Gottesdienst natürlich auch ohne Kerzen feiern, aber in vielen Traditionen schätzen die Menschen Kerzen als ein Zeichen der geheimnisvollen Gegenwart Gottes. Immerhin erschien Gott den Israeliten in der Wüste in einer Feuersäule. Die Symbolik ist nach wie vor sinnträchtig.

Aber was sollten wir machen? Keiner von uns war Raucher; niemand hatte Streichhölzer oder ein Feuerzeug. Da bemerkte jemand ganz auf der anderen Seite des Gebäudes einen schwachen Schimmer aus einer der Seitenkapellen. Eine der Kerzen, die für den mittäglichen Gottesdienst entzündet worden war, brannte noch. Eine Spur aus geschmolzenem Wachs war bis auf den Boden getropft. Aber der Docht glomm noch. Gerade noch so. Wir entzündeten zwei weitere Kerzen an der kleinen Flamme und lächelten angesichts des tröstlichen, beständigen Lichtes.

Wir alle wissen, dass wir beten sollen, doch fast allen von uns fällt es manchmal schwer. Jemand scheint die Streichhölzer weggenommen zu haben. Doch Hilfe naht! Hinten in einer Seitenkapelle schimmern immer noch einige der ältesten und besten Gebete, die je gesprochen wurden. Sie sind nicht voller langer, hochtrabender Worte. Man muss kein großer Heiliger sein, um sie zu beten. Das Neue Testament – in dem diese alten Gebete immer noch still vor sich hin brennen und einen Glanz ausstrahlen, der Leben spendet – wurde von und für ganz gewöhnliche Menschen geschrieben: Menschen, die manchmal nicht das Gefühl hatten, dass Gott ihnen ganz nah ist; Menschen, die sich fragten, wie sie überhaupt wieder mit Gott reden konnten, nachdem sie ihr Leben ganz schön an die Wand gefahren hatten; Menschen wie wir.

Geheimnis „Gebet“

Sie müssen wissen: Beim Gebet geht es ganz um die geheimnisvolle Wirklichkeit, dass unsere Welt und Gottes Welt nicht weit voneinander entfernt sind. Unser Leben und Gottes Leben sind nicht durch eine große Kluft getrennt. (Es stimmt zwar: Manchmal versuchen wir, Mauern zu errichten, um zu verhindern, dass Gott uns nahekommt. Doch er kann durch sie hindurchsehen und manchmal hören wir, wie er sanft auf der anderen Seite anklopft.) Unsere Dimension der Wirklichkeit und Gottes Dimension – in der biblischen Sprache: Erde und Himmel – wurden geschaffen, um zusammenzupassen. Gebet ist einer der Schlüsselpunkte, an denen das geschieht. Einige der biblischen Gebete, insbesondere diejenigen in der Offenbarung, scheinen in der Tat sogar im Himmel stattzufinden, und wir Erdbewohner haben das Vorrecht, an der Tür zu lauschen.

Im Zentrum all dieses Geschehens befindet sich natürlich Jesus, der Himmel und Erde eng zusammenhält. Das ist der Grund, warum sein Leben so voller Freude und Schmerz war: Freude an der neuen Schöpfung, die sich überall um ihn herum ereignete; Schmerz aufgrund der Dunkelheit, die die alte Schöpfung infiziert hatte und die sich dem Einbruch der neuen Schöpfung zornig widersetzte. Wir kehren vor allem immer wieder zu Jesu eigenen Gebeten zurück: unüberbietbar ist das außergewöhnliche „Gebet des Herrn“, das er seinen Freunden als Gebet gab und das sie und alle nachfolgenden Generationen seitdem immer wieder gebetet haben. Jesus hat also selbst in seiner eigenen Person Himmel und Erde zusammengebracht und war selbst ein Mann des tiefen, reichhaltigen und manchmal verzweifelten Gebets. Und er lädt uns ein, dasselbe zu tun. Wir können das aufgrund dessen, was er am Kreuz erreicht hat, und aufgrund der Gabe seines eigenen Geistes. Und der Weg, auf dem wir unsere Balance finden und uns zwischen Himmel und Erde orientieren können, ist eben genau der Weg des Gebets.

Das Neue Testament sagt uns also nicht nur, dass wir beten sollen, und lädt uns dazu ein. Es zieht uns ins Gebet hinein. Es hilft uns, das Gebet nicht nur zu einer Gewohnheit zu machen, sondern zu dem tiefen Herzschlag unseres Lebens. Es gibt vier grundlegende christliche Praktiken, die uns Erde-und-Himmel-Menschen formen: Gebet, Bibellesen, das Sakrament des Abendmahls und der Dienst an den Armen. Diese vier Dinge gehen ineinander über. Jesus ging uns auf diesem Weg voran und hat verheißen, dass er uns begegnen wird, wenn wir diese Dinge tun.

Gebet ist allerdings nicht bloß eine Sache unter vielen. Es ist wie ein geheimer Strom, der unsichtbar fließt und alles andere erfrischt, was wir tun. Gebet lässt Dinge geschehen auf Wegen, die wir nicht verstehen können und oft nicht einmal erwarten, die sich jedoch immer wieder als real erweisen. Das ist der Grund, warum diese Gebete, diese zentralen frühchristlichen Gebete, die in einigen Fällen auf Jesus selbst zurückgehen, es wert sind, dass wir sie auswendig lernen. Auf diese Weise können wir in sie hineinrutschen, wenn wir spazieren gehen, auf den Bus warten, Kartoffeln schälen oder dabei sind, in den Schlaf zu fallen. Sie können zu der verborgenen Musik werden, die unserem Denken und Fühlen Kraft gibt, – Musik, die wir dann zu improvisieren lernen, indem wir Harmonien und neue Rhythmen hinzufügen.

Das Wichtigste ist, anzufangen. Gebet ist immer eine Reise in das Unbekannte, eine Entdeckungsreise. Manchmal wird sich das seltsam anfühlen. Wir werden in der Versuchung stehen, aufzugeben. Ob es uns jedoch schwer- oder leichtfällt, die beständigen Flammen der Gebete aus dem Neuen Testament sind da, damit wir unsere eigenen Kerzen an ihnen entzünden können. Gebete wie das „Vaterunser“, das wir unter anderem im Matthäusevangelium finden.

„Ihr sollt also wie folgt beten: Unser Vater im Himmel, dein Name möge geehrt werden.
 Dein Reich möge kommen.
Dein Wille möge getan werden wie im Himmel, so auf Erden. Gib uns heute das Brot, das wir jetzt brauchen. Und vergib uns die Dinge, die wir schuldig sind,
wie auch wir das vergeben haben, was uns geschuldet wurde. Führe uns nicht in die große Prüfungszeit,
 sondern rette uns vor dem Bösen.“ Matthäus 6,9–13“

Das Gebet des Herrn

Ich sprach mit einem Freund, dem man nachsagte, er sei einer der besten Prediger der Gegend. Ich fragte ihn, wie er das mache. Er sagte, er hätte keine besondere Technik; er würde bloß über die Bibeltexte des jeweiligen Tages nachsinnen, bis sich ein Rahmen zeigte. Sobald er den Rahmen hätte, ginge es nur noch darum, diesen schriftlich auszufüllen.

Das war natürlich eine trügerisch einfache Antwort, und wir können nur spekulieren, wie viele Stunden an Kampf und Gebet sich hinter dieser kurzen und bescheidenen Antwort verbargen. Aber das gilt häufig und in vielen Lebensbereichen: Wir irren herum, bis wir einen Rahmen finden, um den herum wir etwas bauen können. Und dies gilt fast immer im Hinblick auf das Gebet.

Jesus stellt die Art von Gebet, die er im Sinn hatte, der Art gegenüber, die in einem Großteil der nichtjüdischen Welt üblich war. Wir wissen aus vielen Texten und Inschriften, dass viele Nichtjuden vielfältige Formeln in ihren Gebeten benutzten: lange, komplizierte, magische Wörter, die sie endlos wiederholten im Bestreben, irgendeinen Gott oder irgendeine Göttin zu überzeugen, sie gut zu behandeln. Solche Gebete sind oft von einer gewissen Unsicherheit geprägt. Es gab viele Gottheiten in der antiken Welt, und niemand wusste wirklich, welche man als Nächstes besänftigen musste, oder mit welcher Formel.

Das ist nicht weiter überraschend. Gebet ist eines der großen Geheimnisse des Lebens. Die meisten Menschen beten zumindest von Zeit zu Zeit; manche Menschen, aus sehr unterschiedlichen religiösen Traditionen, beten sehr viel. Auf der untersten Ebene ist Gebet ein Rufen in den leeren Raum mit der geringen Chance, dass es da draußen jemanden geben könnte, der zuhört. Auf der höchsten Ebene geht Gebet über in Liebe, wenn die Gegenwart Gottes so real wird, dass wir über Worte hinausgelangen in die Wahrnehmung seiner Wirklichkeit, Großzügigkeit, Freude und Gnade. Für die meisten Christen spielt sich das Gebet die meiste Zeit zwischen diesen beiden Extremen ab. Offen gesagt ist Gebet für viele Menschen nicht bloß ein Geheimnis, sondern ein Rätsel. Sie wissen, dass man beten sollte, aber sie sind sich nicht ganz sicher, wie man es macht.

Was das Vaterunser, das Gebet Jesu, an dieser Stelle, im Zentrum der Bergpredigt, bietet, ist ein Rahmen. Jesus sagt nicht, dass man immer genau diese Wörter benutzen soll, und die Version dieses Gebetes, die wir bei Lukas finden, ist ein wenig anders, aber auf interessante Weise (Lukas 11,2–4). Es sieht so aus, als ob Jesus diese gedankliche Reihenfolge mehr als Gerüst denn als eigentliches Gebäude gedacht hatte, obwohl das Gebet natürlich so, wie es ist, täglich von zahllosen Christen gebetet wird (meistens in der Version, wie wir sie hier bei Matthäus finden). Bereits zu Jesu Zeiten waren die jüdischen Gebetsmuster recht gut etabliert. Man betete dreimal am Tag kurze, aber kraftvolle Gebete. Vielleicht wollte Jesus, dass dieses Gebet auch auf diese Weise gebraucht wurde.

Gott nahe kommen

Was also sagt uns das Vaterunser darüber, wie man sich üblicherweise Gott nähern sollte?

Erstens: Das Gebet selbst ist zutiefst bedeutungsvoll. Es handelt sich nicht um eine magische Formel, ein „Abrakadabra“, das man mit einem geheimen Zauber oder einer Verwünschung verbindet. Es handelt sich um einen Inhalt, den wir innerlich wollen können (auch wenn das unser Denken herausfordern wird) und den wir auch äußerlich aussprechen können. Es impliziert sehr deutlich, dass wir Menschen im Gespräch mit dem Schöpfer des Universums unsere normale Sprache benutzen sollen und dass er möchte und beabsichtigt, dass wir das auch tun. Mit anderen Worten: Es beinhaltet, dass wir mit dem einen wahren Gott eine Bedeutungswelt teilen, die wir nach seinem Willen auskundschaften sollen.

Zweitens: Alles spielt sich vor dem Hintergrund ab, dass wir Gott „Vater“ nennen (so wie es Jesus durchgängig in der Bergpredigt tut – wir könnten sogar als Titel der gesamten Bergpredigt etwa vorschlagen: „Was es heißt, Gott Vater zu nennen“). Für die Juden zur Zeit Jesu ging dieser Titel für Gott zurück bis auf Gottes Handeln beim Exodus, als er Israel aus Ägypten errettete und damit zeigte: „Israel ist mein Sohn, mein Erstgeborener“ (2. Mose 4,22).

Drittens: Dieser Gott ist kein von Menschen gemachter Götze. Er ist der lebendige Gott, der im „Himmel“ wohnt und sich danach sehnt, dass seine souveräne und rettende Herrschaft auf der „Erde“ Gestalt gewinnt. Es handelt sich im Grunde um ein Gebet dafür, dass das Reich Gottes vollständig verwirklicht werden möge: Es geht nicht darum, dass Gottes Volk von der Erde weg in den Himmel fortgerissen wird, sondern darum, dass die Herrlichkeit und Schönheit des Himmels sich auch in der irdischen Wirklichkeit realisiert. Wenn das geschieht, wird Gottes Name – sein Wesen, sein Ruf, seine Gegenwart – überall in hohem Ansehen stehen. In der ersten Hälfte des Gebets geht es daher ganz um Gott. Ein Gebet, das nicht an dieser Stelle beginnt, steht immer in Gefahr, sich auf den Menschen zu konzentrieren, und hört schnell auf, überhaupt Gebet zu sein. Es zerfällt dann in zufällige Gedanken, Befürchtungen und Sehnsüchte unseres eigenen Herzens.

Viertens: Weil dieser Gott allerdings der Schöpfer ist, der seine Welt und seine menschlichen Geschöpfe liebt, können wir ihn um alles bitten, was wir brauchen, in der festen Gewissheit, dass er selbst sogar noch mehr um all das besorgt ist als wir. Darum geht es überwiegend im Rest des Kapitels. Aber wenn wir dieses Gebet wahrhaftig zur Ehre Gottes beten, können wir niemals nur um das eigene tägliche Brot bitten. Wir müssen für die Nöte der ganzen Welt beten, in der Millionen hungern und viele verhungern. Und dann werden wir bereits spüren, wie uns das Gebet den Impuls gibt, dass wir selbst etwas dafür tun müssen, wenn wir es wahrhaftig beten; dass wir Teil der Antwort Gottes auf unser eigenes Gebet werden.

Fünftens: Wir beten um Vergebung. Im Herzen des Judentums und des Christentums steht der Glaube – anders als in einigen Religionen, in denen jede einzelne Tat ewige und unabänderliche Konsequenzen nach sich zieht –, dass Vergebung möglich ist und durch Gottes Liebe real werden kann, auch wenn menschliche Taten zutiefst bedeutungs- voll sind. Jesus setzt voraus, dass wir nicht nur bei einigen seltenen Gelegenheiten um Vergebung bitten müssen, sondern ziemlich regelmäßig. Das ist ein ernüchternder Gedanke, aber er wird von der tröstlichen Nachricht begleitet, dass Vergebung frei zu haben ist, so oft wir sie brauchen.

Es gibt allerdings eine Bedingung, die bemerkenswerterweise direkt in das Gebet selbst eingefügt ist: Wir müssen selbst Menschen sein, die anderen vergeben. Jesus nimmt sich nach dem Gebet einen Moment Zeit, um zu erklären, warum das so ist. Das Herz, das sich nicht anderen in Vergebung öffnet, wird verschlossen bleiben, wenn Gott selbst Vergebung anbietet. Jesus wird dazu in Matthäus 18 mehr sagen.

Mach es zu deinem Gebet!

Das Gebet endet auf einer dunklen und realistischen Note. Jesus glaubte, dass die große Prüfungszeit über die Welt kommen würde und dass er allein in die Dunkelheit dieser Zeit würde gehen müssen. Seine Nachfolger sollten darum bitten, davon verschont zu bleiben. Selbst heute, im Lichte von Ostern und mit der Führung und Kraft des Heiligen Geistes, haben wir es immer noch bitter nötig, so zu bitten. Es werden noch weitere Krisenzeiten kommen, Zeiten, in denen es für die Welt, für die Kirche und in unserem eigenen Herzen und Leben ganz dunkel aussehen wird. Wenn wir einem gekreuzigten Messias folgen, sollten wir nicht erwarten, dass wir selbst von der Dunkelheit verschont bleiben. Aber wir müssen und können darum bitten, vor den schlimmsten Verwüstungen bewahrt und vom Bösen erlöst zu werden, sowohl in der abstrakten als auch in der personifizierten Form, „dem Bösen“ in Person.

Dies ist der Rahmen, von dem Jesus wusste, dass wir ihn brauchen würden. Hier sehen Sie den himmlischen Vater, wie er darauf wartet und sich danach sehnt, dass Sie dieses Gebet jeden Tag benutzen und so in der Erkenntnis Gottes, in der Liebe zu ihm und im Dienst für ihn wachsen. Was hindert Sie, es zu Ihrem eigenen Gebet zu machen?