Zähl deine Segnungen
Essay
Lohnt sich das? Nicht das Zählen des erfahrenen Segens, sondern die Nachfolge Jesu? Hat man hier und jetzt was davon? Oder ist das nur ein Weg voller Entbehrung und Selbstaufgabe? Carmen Crouse meint: Mach die Augen auf! Schau hin mit dem Herzen! Wo liegen deine Unmöglichkeiten? Und wo hat dich Jesus längst mit Gutem überschüttet?
Mit etwa 15 Jahren bekam ich einen Zugang zum Glauben an Jesus und beschloss dann sehr bewusst, den Weg mit ihm zu gehen. Einer der ersten Bibelverse, die mir gar nicht gefielen: „Strebt danach, ein ruhiges Leben zu führen.“ Langweilig, dachte ich.
Der Alltag bereichert
Zum Anfang: Als das unsichtbare Kind in der Familie habe ich bis heute eine besondere Beziehung zu Hagar, die in der Begegnung an der Quelle erlebt: „Du bist der Gott, der mich sieht.“ Diese Unglaublichkeit – Gott sieht mich und kennt mich „ vom Mutterleibe an“ – gilt auch mir. Dadurch hat Jesus mich sehend gemacht – bis heute darf ich dieses Geschenk des Gesehenwerdens Menschen machen, die am Rande stehen. Der neue, etwas schüchterne Kollege auf der Tagung. Die Reinemachefrau im Supermarkt. Ein Lächeln, eine freundliche Ansprache, Wertschätzung ausdrücken. Gott beschenkt mich mit dieser Perspektive. Diese Begegnungen bereichern mich im Alltag.
Schnell wurde klar: Orientierung im Leben mit Jesus entspricht nicht einer Landkarte, sondern einem Kompass. Die Richtung ist klar. Der Weg beinhaltet alles, was man (oder frau) sich nur vorstellen kann. Elend lange Anstiege, tiefe und dunkle Täler, wunderbare Herbergen, Mitpilger aller möglichen und unmöglichen Art. Schmerzen und Euphorie. Ganz viel Alltag. Die Richtung beinhaltet, dass der, der in mir ein gutes Werk begonnen hat, es treu zu Ende bringen wird. Auf der inneren Reise ebenso wie im ganz menschlichen Dasein. Dazu gehört auch, dass dieser Jesus eine enorme Vorliebe und schöpferische Kraft hat, Neues zu schaffen: Er legt Straßen durch die Wüsten und lässt dort Ströme fließen (Jesaja 43,19). So viele vermeintlich optionslose Situationen in meinem Leben, die Jesus dann so geformt hat, dass ganz neue, nicht ahnbare Möglichkeiten entstanden. Genial, wie er das macht. Blöd, wie ich auch heute noch immer wieder zweifle und dann beschämt-überrascht bin, wenn er wieder mal eine Straße durch die Wüste kreiert.
„Genial, wie er das macht. Blöd, wie ich auch heute noch immer wieder zweifle.“
Es ist egal, was du tust
In allen Phasen des Lebens ist Jesus derjenige, der Identität und Orientierung gibt. Und so ist es dann egal, was ich zum Beispiel arbeite – ich bin ein „Botschafter an Christi statt“. Egal, ob ich im Supermarkt Pudding verkaufe oder auf evangelistischen Einsätzen unterwegs bin. Egal, ob ich als Flugbegleiterin arbeitete oder heute Akkreditierungsverfahren leite. Egal, ob ich an einem Mountainbike-Rennen teilnehme oder den Mitarbeitern in der Tagespflege begegne, die mein Vater besucht. Was für ein Vorrecht, Botschafterin Jesu zu sein. Ist mir das immer gut gelungen? Nö, ich falle immer noch regelmäßig auf die Nase. Aber es ist trotzdem Teil meiner Identität. Auch das andere ist prägend für mich. Meine Herkunft, meine Nationalität, meine Ethnie. Alles Elemente, die mich geprägt haben. Aber gerade in der jetzigen Phase weltpolitischer Umwälzungen – Kriege, mit Bomben und Finanzen und viel Polemik geführt, und eine erstarkende Fremdenfeindlichkeit – ist für mich als Himmelsbürger ganz eindeutig klar: Kein Mensch ist mehr oder weniger wert als andere und kein Mensch verdient Gehorsam allein auf Grund seiner Position!
Ich muss das üben
Und wie bin ich froh, dass Jesus ganz lapidar festgestellt hat: In der Welt habt ihr Angst – denn der „brüllende Löwe“ aus 1. Petrus 5,8 ist keine Schmusekatze. Auch bei aller Aufforderung, zu hoffen, zu glauben und Jesus zu vertrauen, nehme ich keine Verurteilung dafür wahr, dass ich Angst habe. Wenn jemand beim Abseilen Angst hat, hilft es ja nix, zu sagen: „Das Seil hält dich, stell dich nicht so an.“ Was hilft? Den Blick auf die Person zu lenken, bei der ich „am Haken hänge“ – wenn diese Person Sicherheit ausstrahlt, dann kann ich einen Schritt weitergehen. Also: Turn your eyes upon Jesus, look full in his wonderful face – er hat mich am Haken! Der das Un-mögliche möglich macht, das ist Jesus. Beispiel gefällig? Ich bin keine geduldige Person, bin eher fordernd und kritisch. Aber Jesus befähigt mich, ohne Stress und ohne Ungeduld, ohne Druck mit meinem Vater umzugehen, der mit Alzheimer lebt. Zehnmal in einer Stunde dieselbe Frage? Kein Problem, ich antworte mit einer Geduld und Ruhe und Freundlichkeit, die nicht von dieser Welt sind. Für mich ein Wunder, für das ich keine Erklärung habe, außer, dass Jesus dahintersteckt.
Die letzten Jahre waren, na, sagen wir mal: anspruchsvoll. Immer wieder kämpfe ich mit der Wahrnehmung, dass mein Leben komplett von außen gesteuert ist. Das führt zu einer „scarcity mentality“ – ich sehe nur noch, was nicht möglich ist. Und so übe ich neu, jeden Gedanken gefangen zu nehmen unter den Gehorsam Christi mit dem Ansatz: „Count your blessings, count them one by one.“ Und langsam kommen Dankbarkeit und Hoffnung zurück: Ich lebe. In einem äußerlich noch sicheren Land. Ich habe ein Dach über dem Kopf. Wasser kommt aus dem Wasserhahn. Ich schlafe, ohne dass Bomben auf mich regnen. Ich kann frei meine Meinung äußern. Mein Kühlschrank ist voll. Ich arbeite mit unglaublich feinen Leuten. Und ich fange auch an, das zu schätzen, was im Alter von 15 Jahren so öde klang: „Strebt danach, ein ruhiges Leben zu führen, euch um eure eigenen Angelegenheiten zu kümmern und euren Lebensunterhalt selbst zu verdienen, wie wir euch zuvor gesagt haben.“
„Lange war mir wichtig, was ich tue. Dann warum ich etwas tue. Inzwischen ist mir wichtiger, wie ich etwas tue.“
Was, warum und wie
Vor Kurzem beschrieb ein Kollege verschiedene Lebensphasen so: „Lange war mir wichtig, was ich tue. Dann warum ich etwas tue. Inzwischen ist mir wichtiger, wie ich etwas tue. Alle drei haben ihre Berechtigung und ihren Wert.“ Ich fange langsam an, das Dritte durchzubuchstabieren in der Art, wie ich Jesus nachfolge und wie ich Menschen führe. Auch eine Art Lebensphasenkompass. Was für eine unglaublich freisetzende Sache das ist: Im Leben mit Jesus geht es mit Worten aus Epheser 2,10 darum, dass wir geschaffen sind in Christus Jesus zu guten Werken, die Gott zuvor bereitet hat, dass wir darin wandeln sollen. Nicht rennen, nicht hetzen, sondern wandeln, Schritt für Schritt. Jesus nachzufolgen ist kostbar. Und es kostet – doch das ist ein anderes Thema.
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