Weil ich bin, wie ich bin

Interview

Wer Eindruck auf Menschen machen will, muss immer wieder auch entscheiden, wie weit er dabei gehen will. Gerade in den sozialen Medien ist das eine große Herausforderung, kann man doch schnell auch Inhalte kreieren, die kaum jemand überprüfen kann. Elena Schulte betreibt dort einen eigenen Kanal und sprach an einem sonnigen Nachmittag mit Detlef Eigenbrodt über Grenzen und Chancen.

Elli, die große Überschrift dieses Magazins ist ja „folgen und führen“ und da liegt es nahe, sich mit einer Influencerin zu unterhalten, die in einem gewissen Sinne ja auch von den Followern abhängig ist. Aber lass uns mit etwas anderem anfangen, Elli, wer bist du eigentlich?

Ähm, wie jetzt genau, willst du die Hard Facts hören oder was?


Ja, warum nicht, lass uns doch damit beginnen …

Okay, zunächst bin ich Anfang vierzig, verheiratet und Mutter von drei Kindern – was allein schon genug schöne Herausforderungen für ein erfülltes Leben bieten würde. Aber ich bin auch Speakerin, Evangelistin und initiiere und leite diverse Projekte, die Frauen ermutigen sollen, ihren Platz im Leben und in Gottes Geschichte zu finden. Tatsächlich würde ich das Wort Influencerin für mich und in meiner Situation überhaupt nicht wählen. Ja, ich bin auf Instagram und in anderen sozialen Netzwerken aktiv, das ist ein Bereich meines Arbeitens, aber, wie gesagt, das Wort Influencerin geht mir dabei nicht so leicht über die Lippen. 

 

Warum nicht? Was findest du daran schwierig, was macht das Wort so zum Unwort für dich?

Zum einen, weil ich damit irgendwie eine Anzahl von Followern verbinde, die deutlich über der liegt, die mein Kanal zurzeit hat. Zum anderen finde ich, dass jeder Mensch Einfluss hat, also „influence“, und dass damit auch jeder Mensch ein Einflussnehmer  ist. Jeder prägt andere Menschen und hat insofern Einfluss und Verantwortung, ob jetzt auf Social Media oder nicht. Naja, und dann ist es auch so, dass ich finde, dass der Begriff Influencer in den Netzwerken so oft mit Attributen verknüpft ist, mit denen ich mich nicht identifiziere.

 

Mit welchen Attributen identifizierst du dich denn, was sind Dinge, die dir wichtig sind?

Ich bin gerne authentisch. Und ich lasse Menschen gerne in mein Leben hineingucken – nicht, weil ich mein Leben so großartig finde, sondern weil ich einfach denke, dass es so wichtig ist, dass wir einander reinschauen lassen in das ganz normale, echte Leben und dabei merken: Okay, da läuft auch bei der Elli nicht alles glatt, die hat auch so ihre Probleme, und so hat sie das gelöst. Oder: Ach, das sind die Fragen, mit denen sie sich beschäftigt. Nur, wenn wir voneinander wissen, können wir uns gegenseitig ermutigen. Nur so können wir Nähe und Verbundenheit kreieren, die heilsam sind. Influencer sein dagegen hat für mich oft etwas von Distanz, klingt nach riesig und groß und berühmt und irgendwie überhaupt nicht nah.

„Ich bin gerne authentisch. Und ich lasse Menschen gerne in mein Leben hineingucken, nicht, weil ich mein Leben so großartig finde, sondern weil ich einfach denke, dass es so wichtig ist.“

Aber muss sich das nicht erst auch entwickeln? Ich stelle mir vor, dass man – bei aller Echtheit und Ehrlichkeit – doch zunächst auch über die Dinge sprechen oder die Dinge zeigen will, die einem gut gelingen, oder nicht? Wer will denn das normale Leben sehen?

Ich muss ehrlich gestehen, dass ich das mit Instagram nie intentional begonnen habe, also ich habe gar kein Ziel damit verfolgt. Ich hatte keine Absicht, habe mir keinen Plan zurechtgelegt, was ich posten will, und habe mich auch nicht wirklich gefragt, was die Leute sehen wollen. Ich habe mir die App irgendwann einfach runtergeladen und hatte überhaupt keinen Zugang dazu. Ich hatte vorher schon Sachen bei Facebook gemacht, da musste man ja nur Texte schreiben, das fand ich so weit ganz nett. Und auf Instagram, da musste ja immer auch noch ein Foto dazu, möglichst ein ganz schönes. Aber Fotos zu machen war noch nie so mein Ding. Ich hab auch ständig vergessen, irgendwas zu fotografieren, ich fand das immer lästig und anstrengend. Aber irgendwie hatten plötzlich alle Instagram und ich dachte, das kann ich auch. Am Anfang hab ich dann wirklich komplett random aus dem Hollandurlaub mein Eis fotografiert und gepostet und druntergeschrieben, wie lecker das ist. Dann kam Corona und wir waren ja alle viel weniger unterwegs. Es gab überhaupt keine Veranstaltung mehr, nichts, wo ich als Speakerin oder Evangelistin über das sprechen konnte, was ich auf dem Herzen hab. Instagram wurde da plötzlich zu der Plattform, auf der das noch ging.

 

Und dann hast du deinen Kanal dort angefangen, praktisch als digitales Rednerpult?

Nein, nicht wirklich, also nicht geplant. Ich glaub, ich hab einfach angefangen, weil ich auch ein bisschen Kontakt zu Menschen gesucht hab. Coronazeit eben. Ich habe irgendwie mein Leben geteilt, in aller Unfertigkeit, und plötzlich haben sich Menschen mit mir connectet, wir haben hin und her geschrieben, mal mit diesem, mal mit jenem, und der eigene zu der Zeit so begrenzte Horizont wurde wieder weiter. Das hat mir gutgetan, und das war dann auch die Zeit, in der mein Kanal gewachsen ist. Ich glaub, die Menschen haben das echt geschätzt, dass ich kein Heileweltbild gezeichnet, sondern auch von meinen Struggles erzählt habe. Ich war mit meinen drei Kindern und Homeschooling und was noch alles völlig überfordert und hatte den Eindruck, komplett zu scheitern. Ich dachte, ich sei die schlimmste Mutter der Welt. Und ich glaub, genau darin, in dieser Ehrlichkeit und dem Eingestehen eigener Zweifel, Ängste und meines Versagens, haben sich die Menschen wiedererkannt und ernst genommen gefühlt.

 

Du meinst, sie konnten sich mit dem identifizieren, was du erlebst, und haben durch dein ehrliches Reden übers Scheitern einen Zugang zu ihrem eigenen gefunden?

Ja, das glaube ich. Ich hatte echt eine ziemliche Sinn- und Identitätskrise. Und dann habe ich auf Instagram noch Mütter gesehen, die mit ihren vier Kindern am Tisch saßen und erzählten, dass es heute Morgen schon ein kleines bisschen schwierig war beim Homeschooling, aber dann haben sie zusammen gebetet und dann war es so ein schöner und gesegneter Tag und sie hatten eine Gemeinschaft, die nahezu himmlisch war. Das hat mich wahnsinnig gestresst! Ich dachte, diese Art von Posts ist nicht das, was mir hilft, sondern das macht mich fertig! Also hab ich angefangen zu teilen, wie schwer mir das fällt. Nicht, weil ich meinte, diese Mütter würden Unsinn reden, sondern weil ich das so ganz anders erlebt habe. Für die war das bestimmt genauso, wie sie es geschrieben haben, aber für mich nicht, das hat mir wirklich super zu schaffen gemacht und du glaubst nicht, wie viele mir geantwortet haben: Danke, dass du das schreibst! Danke, dass du so ehrlich bist!

 

Aber du hast das nicht als Mission verstanden, nicht als Auftrag oder Absicht, sondern du hast einfach dein eigenes „Ich kann nicht mehr“ als Anstoß genommen …

Genau. Dadurch ist so viel Nähe entstanden!
 

Wir sprechen ja in den sozialen Medien immer von Followern. Hast du den Eindruck, dass das, was du da an Ehrlichkeit platziert hast, die Menschen zum Nachahmen angeregt hat? Sind sie dir in deinem „Führen“ gefolgt?

Hm, was heißt zum Nachahmen angeregt, ich habe ja keine Tipps oder Ratschläge gegeben, ich hatte ja selbst keine. Ich habe permanent Grenzen gespürt und hatte selbst nichts zu geben außer eben meiner Ehrlichkeit, mit der ich darüber sprach. In dem glaube ich dann schon, dass Menschen mir gefolgt sind und sich auch für eine eigene Ehrlichkeit geöffnet haben. Aber das habe ich nicht beabsichtigt, ich hatte nicht das Ziel. Es war einfach ein schönes Ergebnis dessen, was ich da getan habe. Und immer noch tue.

„Das hat mir wirklich super zu schaffen gemacht und du glaubst nicht, wie viele mir geantwortet haben: Danke, dass du das schreibst! Danke, dass du so ehrlich bist!“

Du hast vorhin gesagt, dass du den Begriff Influencerin nicht so richtig gut findest, weil du das mit großer Anzahl an Followern in Verbindung bringst. Siehst du eigentlich eine Gefahr, Dinge zu tun oder zu posten, um mehr Klicks zu bekommen? Die soziale Plattform zu nutzen, um als Trendsetter bekannter zu werden?

Das habe ich schon versucht, es ist jedes Mal in die Hose gegangen. Immer wenn ich versuche, auf irgendwelche Trends aufzuspringen, stelle ich fest, dass das nicht zieht. Weil es nicht authentisch ist, nicht ehrlich. Ich plane meine Posts nicht, lege nicht vorher fest, wann ich was bringe, ich bringe es einfach, wenn es sich richtig anfühlt. Schon allein dadurch ist es fast unmöglich, Wachstum „anzustreben“. Das müsste ich wollen, planen, und mit genau dem Ziel vorantreiben. Aber ich will ja nicht Tausende von Followern kreieren, ich will ehrlich sein, nahbar. Und das sollen gerne die lesen, die es gut finden und die was davon haben. Wenn das dann Tausende sind, ist mir das auch recht. Aber mein Zugang ist ein anderer.

 

Du willst also lieber „nur“ Inhalt schaffen, als zu wachsen?

Ja, ich weiß, das klingt für die Nutzerin von sozialen Medien fast so, als hätte sie das Medium nicht verstanden. Und sicher, es ist doch auch ein gutes Gefühl, wenn ich da an jedem Tag Zeit rein investiere und merke, dass was zurückkommt. Es ist doch schön, wenn die Menschen mögen, was ich poste. Aber das ist nicht mein primäres Ziel, nein …
 

Also ist dein Kanal so was wie eine „Ersatzkanzel“ geworden?

Ich würde nicht mal „Ersatz“ sagen.Wenn ich an einen Ort fahre, zu einer bestimmten Zeit, und da zu einem bestimmten Thema zwanzig oder fünfundzwanzig Minuten reden kann, dann kommen da Menschen hin, die zu der Zeit in der Gegend leben. Wenn ich auf Instagram was teile, dann können das Menschen von Schweden bis Südafrika lesen und schauen, egal wo, egal wann. Nein, Ersatz ist das nicht, ich würde eher sagen eine Ergänzung zu dem, was ich sonst noch mache. Zunächst bin ich Evangelistin. Der Verbreitungsweg dessen, was mir wichtig ist, darf dabei sehr vielfältig sein.

 

Du folgst als Christin dabei einer breiten Palette von Werten. Gibt es da einen oder mehrere, die für dich besonders wichtig sind?

Ja, Authentizität steht da ganz weit oben für mich. Aber auch Verbundenheit, Empathie, Mitgefühl und Freundlichkeit. Werte, die ich zu leben bereit bin, an denen ich aber auch scheitere und wachse, die mich als Mensch ausmachen und die in meine Posts einfließen. Einfach weil ich bin, wie ich bin.
 

Danke, liebe Elli, für dieses Gespräch, und danke, dass du echt bist.