Weil er mein Vater ist!
Inspiration
Was passiert, wenn man einen überzeugten Theologen fragt, warum er Gottes Führung vertraut? Nun, im Fall von Dr. Hans-Georg Wünch bekommt man zunächst eine ganz persönliche Antwort. Die dann später theologisch untermauert wird. Und die inspiriert, sich selbst Gedanken darüber zu machen, wie die eigene Antwort ausfiele.
Was ist der Wille Gottes, und wie erlebe ich Gottes Führung? Das war und ist ein wichtiges Thema auf Konferenzen und Seminaren. Übrigens vor allem bei Jugendlichen. Man könnte fragen, warum das so ist. Sind Jugendliche besonders „fromm“? Ist es ihnen besonders wichtig, zu tun, was Gott will? Oder ist es vielleicht eher, weil in dieser Phase des Lebens besonders viele Entscheidungen getroffen werden müssen, die langfristige und weitreichende Folgen haben? Die Entscheidung für einen Beruf, einen Ehepartner, ein Lebensumfeld, um nur die wichtigsten zu nennen. Und weil man sich vor diesen Entscheidungen und ihrer Tragweite fürchtet, will man es ganz richtig machen und Gottes Willen darin erkennen. Damit es nicht schiefgeht.
Ich zähle bis zehn
Aber so verständlich diese Motivation auch ist – ist es die richtige? Sollte es nicht viel stärker darum gehen, immer und in unserem ganzen Leben Gottes Willen zu erkennen und zu tun? Weil er Gott ist? Weil er mein Herr ist? Und wie erkenne ich eigentlich Gottes Willen? Als ich Jugendlicher war, hat mich diese Frage umgetrieben. Mir war klar, dass es in allen Dingen darauf ankommt, zu tun, was Gott will. Nicht nur in den großen Entscheidungen des Lebens. Also habe ich mir immer wieder überlegt, wie ich diesen Willen Gottes erkennen kann. Ich habe zum Beispiel in Gedanken bis zehn gezählt. Und wenn in dieser Zeit ein Auto vorbeikam, dann … Aber eigentlich war mir auch damals schon klar, dass das irgendwie nicht der richtige Weg ist. Zumal man das ja auch sehr stark beeinflussen konnte. Nachts und außerhalb der Stadt war die Wahrscheinlichkeit eines vorbeikommenden Autos natürlich deutlich geringer als im morgendlichen Berufsverkehr.
„Irgendwann habe ich begriffen, dass es Gott eigentlich nicht so sehr darum geht, dass ich seinen Willen herausfinde und ihm dann gehorche, sondern darum, ihm zu vertrauen.“
Gottes Verantwortung
Irgendwann habe ich begriffen, dass es Gott eigentlich nicht so sehr darum geht, dass ich seinen Willen herausfinde und ihm dann gehorche, sondern darum, ihm zu vertrauen. Wirklich zu glauben, dass er mein Vater ist, der mich liebt. Und dass er daher dafür verantwortlich ist, mir zu sagen, was ich tun soll. Nicht umgekehrt. Es ist nicht meine Aufgabe, herauszufinden, was Gott will, sondern es zu tun. Und seine Aufgabe ist es, mir das klarzumachen. Das hat mein Denken über Gott enorm verändert: Gott will nicht (nur) meinen Gehorsam, er will (vor allem) mein Vertrauen. Deshalb finden wir in der Bibel auch nirgendwo Anleitungen dafür, wie wir Gottes Willen in bestimmten Entscheidungssituationen erkennen können. Aber ganz viele Zusagen von Gottes Treue und Leitung. So heißt es zum Beispiel in Psalm 32,8: „Ich will dich unterweisen und dir den Weg zeigen, den du gehen sollst.“
Da, wo ich sein sollte
Das habe ich in meinem Leben in ganz vielen Situationen erlebt. Oft wusste ich nicht, welche Entscheidung die richtige war. Aber ich habe darauf vertraut, dass Gott mich schon führen wird. Weil er es versprochen hat. Weil er mein Vater ist, der mich unendlich liebt. Und wenn Gott mir keinen „klaren Weg“ gezeigt hat, bin ich einfach im Vertrauen auf ihn losgelaufen und habe den Weg genommen, der mir nach gründlicher Überlegung, Gesprächen mit Verwandten und Freunden und der Prüfung anhand dessen, was Gottes Wort, die Bibel, ein für alle Mal als Gottes Willen festgelegt hat, als der richtige Weg erschien. Und immer wieder hat sich dabei gezeigt, dass ich an der Stelle ankam, an der ich wirklich sein sollte.
„Je mehr wir uns von Gott und seinem Wort prägen lassen, umso mehr können wir selbst entscheiden, was Gottes vollkommener Wille ist.“
Wir können selbst entscheiden
Nach dieser sehr persönlichen Einleitung noch ein paar theologische Gedanken dazu: Ich glaube, dass Gott uns in seinem Wort, der Bibel, den Maßstab gegeben hat, anhand dessen wir leben sollen und können. Und je besser wir dieses Wort Gottes kennen, umso mehr werden wir in die Lage versetzt, zu erkennen, was Gottes Willen in bestimmten Situationen entspricht. Paulus schreibt in Römer 12,2: „Passt euch nicht den Maßstäben dieser Welt an. Lasst euch vielmehr von Gott umwandeln, damit euer ganzes Denken erneuert wird. Dann könnt ihr euch ein sicheres Urteil bilden, welches Verhalten dem Willen Gottes entspricht, und wisst in jedem einzelnen Fall, was gut und wohlgefällig und vollkommen ist.“ Das heißt doch: Je mehr wir uns von Gott und seinem Wort prägen und bestimmen lassen, umso mehr wird dadurch unser ganzes Denken erneuert. Und umso mehr können wir dann selbst entscheiden, was in bestimmten Situationen Gottes guter, wohlgefälliger und vollkommener Wille ist. Das ist christliche Reife, oder, um es mit Epheser 4,13 zu sagen: „das volle Maß der Fülle Christi“. Und wenn wir dann doch eine falsche Entscheidung treffen, einen nicht wirklich optimalen Weg wählen? Dann können wir Gott vertrauen, dass er uns entweder auch auf diesem Weg voranbringen und leiten oder uns auf einen anderen Weg führen wird. Einfach, weil er unser Vater ist, der uns liebt. Er macht das schon!
Dann kam die Absage
Als ich nach sechs Jahren als Pastor feststellte, dass ich doch lieber Dozent an einer theologischen Ausbildungsstelle werden wollte, habe ich nach einem Weg gesucht, dieses Ziel zu erreichen. Dabei waren offene Stellen eher rar. Dann aber tat sich eine Möglichkeit auf. Eine Stelle, an der ich anfangen konnte. Es war schon fast alles geklärt. Meine Frau und ich hatten sogar schon überlegt, wo wir dann wohnen sollten. Und dann kam ganz plötzlich die Absage. Ich verstand es nicht. Es hatte doch alles so klar nach Gottes Führung ausgesehen. Und dann das. Was sollte ich jetzt tun – außer weiter auf Gott zu vertrauen? Und das habe ich getan. Ich bin dann wenig später bei Neues Leben und am dortigen Seminar gelandet. Im Nachhinein war das ganz klar der beste Weg. Die andere Bibelschule ist wenig später umgezogen und hat genau den Bereich, in dem ich arbeiten sollte, aufgegeben. Wie gut, dass Gott diesen Weg verschlossen hatte. Und wie gut, dass er mich an den Platz geführt hat, an dem ich dann 35 Jahre lang unterrichten konnte. Darum geht es: Gott und seiner Führung zu vertrauen. Weil er mein Vater ist. Weil er mich liebt!
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