Nachts auf dem Feld
Kolumne
Da war sie also, irgendwo in den Bergen Rumäniens, und hatte gleich noch ein paar Trainees im Schlepptau. Ihre Mission: Schafe beobachten. Und den Schäfer. 24 Stunden lang, Tag und Nacht. Und möglichst viel lernen. Evi Rodemann über eine ganz persönliche Lektion zum guten Hirten.
Ein Pfiff ertönte: Vierhundert Schafe hoben ihren Kopf und bewegten sich langsam auf den Hirten zu. Sie waren in den rumänischen Bergen am Weiden, friedlich am Fressen und weit zerstreut. Aber der Pfiff des Hirten reichte, um diese ganze Menge in Bewegung zu setzen.
Die ignorierten mich einfach
Solch eine Reaktion hatte ich nicht erwartet. Ich war zusammen mit einigen Jugendverantwortlichen aus Europa in Rumänien auf einem Einsatz, und Teil des Trainings war, vierundzwanzig Stunden mit einem Hirten in freier Natur unterwegs zu sein. Das hieß für uns: die ganze Zeit den Hirten begleiten, ihm Fragen stellen, von ihm lernen, was es heißt, ein guter Hirte zu sein. Dazu mussten wir natürlich auch wie der Hirte dort draußen übernachten. Mehr als einen Schlafsack und eine Zahnbürste hatten wir nicht dabei. Der Hirte hatte immerhin einen kleinen Anhänger, in dem er sich frisch machte und neue Klamotten anzog. Aber er war ja auch nicht wie wir nur vierundzwanzig Stunden dort, sondern mehrere Monate am Stück allein mit den Schafen auf den Bergen Rumäniens, ständig auf der Suche nach frischem Gras und Wasserstellen für seine Tiere. Beeindruckt von seinem Pfiff und der Reaktion seiner Schafe probierte ich es auch mal aus und gab mehrere Pfiffe von mir. Der Hirte lachte nur, und die Schafe ignorierten mich vollkommen. Sie wussten, dass da jemand anders pfeift. Sie kannten seine Stimme und reagierten nur auf sie.
Mit Tränen in den Augen
Am Lagerfeuer abends löcherten wir ihn dann mit unseren Fragen. Kennt er jedes der Schafe? Wurde schon mal ein Schaf Opfer eines wilden Tieres? Wie geht er mit der Einsamkeit um? Während der Hirte geduldig antwortete und erzählte, lag viel Wärme in seiner Stimme. Ja, er kannte alle seine
„Der Hirte lachte nur, und die Schafe ignorierten mich vollkommen. Sie wussten, dass da jemand anders pfeift.“
Schafe. Jeden Morgen sprangen sie kurz durch eine Öffnung und innerhalb dieser wenigen Sekunden wusste er, ob es dem Schaf gut ging, ob es schwanger war oder eine Krankheit hatte. Für jedes hatte er einen Namen. Mal war es eine Zahl, mal eine Farbe, mal ein Name. Ganz individuell. Für uns sahen die Schafe alle gleich aus, doch er kannte jedes von ihnen. Er erzählte uns auch, dass einmal ein Wolf eines der Schafe gerissen hatte und dass er am Blöken der anderen Schafe erkannte, dass etwas nicht stimmte. Er versuchte noch, dazwischenzugehen, aber es war zu spät. Ein anderes Mal musste er aufgrund von Geldknappheit zwei Schafe verkaufen. Drei Tage konnte er sich nicht entscheiden, welche er nehmen sollte, und beim Abschied standen ihm die Tränen in den Augen. Selbst beim Erzählen dieser Situationen wurde seine Stimme ganz belegt und Trauer mischte sich dazu.
Schaf und Hirte gleichzeitig
Mir wurde neu die Haltung eines guten Hirten bewusst, der sich bewegend, liebevoll und ganzheitlich um seine Tiere kümmert und viel für sie opfert, damit es ihnen gut geht. Die Schafe zu erleben, wie sie vertrauensvoll ihrem Hirten nachlaufen, war ebenso berührend. Als Christin bin ich – im Bild gesprochen – ein Schaf. Ich darf Jesus vertrauensvoll hinterherlaufen, und er ist der beste Hirte. Gleichzeitig darf ich in Verantwortung stehen und die, die mir in meiner Arbeit anvertraut sind, anleiten. Sie sozusagen führen. Und sowohl sie als auch ich lernen dabei voneinander und von Gott. Denn jeder, der leitet, muss selbst auch bereit sein, einem anderen zu folgen.
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