Manchmal ist es falsch
Ratgeber
Wir kommen nicht drum herum: Wer sich Gedanken übers Folgen macht, muss auch über die Verweigerung reden. Dr. Martina Kessler meint jedenfalls, es gäbe gute Gründe, den Gehorsam zu verweigern. Mehr noch: Manchmal sei es nicht nur möglich, sondern sogar nötig, Nein zu sagen. Wann das im Einzelnen der Fall ist, ordnet sie sauber für uns ein.
Bis heute lebe ich manchmal in dem Spannungsfeld zwischen Anpassung und Rebellion und ich frage mich: Was ist wann der richtige Weg? Von meiner Persönlichkeit her war es mir lange nur dann möglich, Widerstand zu leisten, wenn ich dazu das „Okay“ der Personen hatte, deren Meinung mir wichtig war. Leider öffnete das auch jenen Menschen eine Tür in mein Herz, die mich religiös und emotional missbrauchten. In einem langen und teilweise tränenreichen Prozess habe ich mich mit der Theorie und Praxis von Gehorsam, von Unterordnung und Ungehorsam beziehungsweise Rebellion auseinandergesetzt.
Gehorsam ist eine Tugend
Eine Tugend auszubilden, setzt immer voraus, sie zu erlernen oder auszubauen, um sie dann anwenden zu können. Wenn wir in die Bibel schauen, finden wir eine Fülle von Passagen, die uns zum Gehorsam auffordern. Wir sollen Gott gehorchen und wir sollen Menschen gehorchen: der Obrigkeit (Römer 13,1; 1. Petrus 2,13-17), der geistlichen Leitung einer Gemeinde (Hebräer 13,17), bei der Arbeit (1. Petrus 2,18), in der Familie (Kolosser 3,20), und Eheleute sollen sich einander unterordnen (Epheser 5,21). Für jeden dieser Bereiche gibt es biblische Belege. Selbst Jesus musste Gehorsam lernen und Paulus lobt ihn dafür (Philipper 2,8.12).
Ohne funktioniert es nicht
Auch Organisationen, die sich gegen bestehende Ordnungen richten, erwarten Gehorsam im Einsatz, wie zum Beispiel Greenpeace, die öffentliche Proteste initiieren und so bestehende Ordnungen kritisieren. Man muss sich im Einsatz darauf verlassen können, dass Anweisungen innerhalb der Organisation umgesetzt werden. Genauso ist es in der Demokratie. Ein Bundeskanzler, eine Bundeskanzlerin wird nach den Regeln in einem demokratischen Prozess gewählt. Wenn eine Person dann in diesem Amt ist, wird sie klar hierarchisch führen. Eine gut aufgestellte menschliche Gemeinschaft braucht verantwortungsvolle Autoritäten, die auf selbstständig denkende und ebenso verantwortungsvolle Menschen treffen, die bereit sind, sich unterzuordnen. Gehorsam ist erst einmal „nur“ die praktische Unterordnung unter eine Autorität. Das soll aber nie willenlos oder in blindem Gehorsam geschehen.
„Selbst in der Bibel wird immer wieder von Menschen berichtet, die ungehorsam waren und sich gegen bestehende Ordnungen auflehnten. Macht durfte Recht und Gerechtigkeit nicht vorgezogen werden.“
Biblischer Ungehorsam
Selbst in der Bibel wird immer wieder von Menschen berichtet, die ungehorsam waren und sich gegen bestehende Ordnungen auflehnten. Macht durfte Recht und Gerechtigkeit nicht vorgezogen werden (3. Mose 19,15). Schon die beiden hebräischen Hebammen Puah und Schifra tun nicht, was der Pharao will (2. Mose 1,15). Viele biblische Führungspersönlichkeiten lehnen sich gegen Bestehendes auf: Mose, Propheten wie Amos oder Jeremia, und wir lesen es auch im Buch der Richter. Im Neuen Testament finden wir ebenfalls Beispiele: Petrus und Johannes widersprechen dem Hohen Rat (Apostelgeschichte 4,19). Jesus reagiert zornig und agiert kraftvoll, als er den etablierten Marktplatz im Tempel zerstört (Johannes 2,12ff). Paulus wirft der Gemeinde in Korinth sogar vor, dass sie sich von starken Menschen bevormunden und knechten lässt (2. Korinther 10,20). Und das Neue Testament ist voll davon, dass Christen mündig werden sollen („Geschwister, seid doch nicht wie Kinder, wenn es darum geht, ‚diese Dinge‘ zu beurteilen!“, 1. Korinther 14.20a) und im Glauben „zur vollen Reife“ gelangen (Epheser 4,13). Leitende, die das Recht anderer missachten, werden in 1. Petrus 4,15 auf eine Stufe mit Mördern, Dieben und anderen Verbrechern gestellt.
Sogar in der Bundeswehr
Gar nicht mehr unterordnen braucht man sich also, wenn jemand seine oder ihre Autorität missbraucht. Sogar im deutschen Soldatengesetz ist geregelt, wie sich Untergebene dann verhalten sollen. Das Gesetz erlaubt eine Befehlsverweigerung, wenn der Befehl unsinnig ist oder nichts mit dem Beruf zu tun hat. Ein Soldat muss also nicht den Hund seines Obersten ausführen. Noch weiter geht die gesetzliche Grundlage, wenn eine untergebene Person einen Befehl bekommt, der anderen Gesetzen widerspricht, unmoralisch oder illegal ist. Dann darf die untergebene Person diesen Befehl sogar nicht befolgen! Es ist also in einer konkreten Situation zu prüfen, ob die Erwartung einer vorgesetzten Person legitim oder berechtigt ist oder aus Eigennutz und Willkür kommt. Wer dann mitmacht, legitimiert die schädliche Erwartung.
Zwei Dimensionen von Unrecht
Leider erlebe ich das häufiger in zwei Dimensionen. Die erste Dimension ist, dass Menschen sich ihrer Freiheit und Wahlmöglichkeiten nicht, oder nicht mehr, bewusst sind. Die Leitenden verstehen es, so zu manipulieren, dass es den Menschen in einer Organisation oder Situation nicht auffällt, geschweige denn, dass sie sich zur Wehr setzen. Der von den Leitenden vorgegebene Maßstab wird so mächtig vorgetragen, dass für alle klar ist: Das darf nicht hinterfragt werden. Personen, die das dennoch tun, gelten als Nestbeschmutzer, man ist verärgert über
sie und versucht sie entweder umzustimmen oder loszuwerden. Die Grundlage für die zweite Dimension ist, dass Menschen anderen Menschen gefallen oder gelobt werden wollen und dafür bereit sind, bei missbrauchter Macht wegzusehen oder dies über sich ergehen zu lassen. Das kommt häufig durch toxische Lehre oder Erziehung, aber auch dadurch, dass Menschen den Leitenden gefallen oder es ihnen recht machen wollen.
Wir haben eine Grundlage
Achten Sie darauf, dass Sie und andere in der persönlichen Lebensführung frei bleiben von Fremdbestimmung! Achten Sie auch darauf, dass für Sie und andere die Menschenwürde und Unverletzlichkeit der Person erhalten bleiben und das individuelle Recht auf Religions- und Meinungsfreiheit jederzeit gilt! In der Geschichte gibt es genügend schreckliche Beispiele, die durch das Ausleben von blindem Gehorsam legitimiert wurden. Jede Organisation tut gut daran, verantwortungsvolle und selbst denkende Menschen zu fördern, die sowohl bereit sind, sich unterzuordnen, aber auch in der Lage, Dinge in wohlwollend kritischer Distanz zu prüfen.
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