Let’s talk about: Selbstverleugnung

Meinung

Was für ein langes, sich schwer anfühlendes Wort. Klingt wirklich nicht so schön. Und vermutlich geht es vielen damit ähnlich wie Daniel Gruber, der es intuitiv lieber einfach aus seinem Leben als Christ ausblenden würde. Er fragt: Was heißt das überhaupt, Verleugnung? Und setzt dann sauber an, um seine Gedanken in Worte zu fassen.

Einen Text, über den ich zum Thema nachdenke, finden wir in Matthäus 16,25: „Denn wer sein Leben retten will, wird’s verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, wird es finden“ (NGÜ). Zu der Zeit, da ich diesen Artikel schreibe, sind wir seit etwa einem Jahr in einen neuen Lebensabschnitt umgezogen. Neue Gegend, neuer Job, kurz nach dem Umzug kam unser wunderschönes drittes Kind zur Welt, neue Gesichter und Geschichten um uns herum. Neuanfänge haben etwas geheimnisvoll Schönes an sich und sind gleichzeitig echt herausfordernd. Gerade in einer Phase, in der ich mich noch nicht angekommen fühle und mich frage, wie erfüllendes Leben aussieht, stolpere ich über diesen Satz. Was heißt es, sein Leben um seinetwillen zu verlieren, um es zu gewinnen? Ja, ich will das Leben finden, auch jetzt wieder! Gibt es hier einen guten Hinweis dazu? Verrückterweise steckt die Selbstverleugnung direkt im Vers davor: „Dann sagte Jesus zu seinen Jüngern: ‚Wenn jemand mein Jünger sein will, muss er sich selbst verleugnen, sein Kreuz auf sich nehmen und mir nachfolgen‘“ (Matthäus 16,24, NGÜ). Mit dieser zentralen Aussage, die wir in drei Evangelien finden, wird die Selbstverleugnung zu einem Merkmal des Christseins. 
 


Klingt das echt nach Leben?

Für mich hört sich Selbstverleugnung aber erst einmal so an, als würde es darum gehen, eine ungesunde Distanz zu mir selbst aufzubauen, um irgendeiner Sache nachzujagen, die vielleicht Gott gefällt, mir aber nicht. Etwas widerwillig machen zu müssen. Selbstverleugnung klingt in meinen Ohren nach einem Wort, mit dem man Menschen gut zu etwas drängen kann, etwas von außen aufdrücken kann. „Tu dies oder jenes, auch wenn es dir nicht passt, denn als gute Christin muss man sich selbst ablehnen und Opfer auf sich nehmen.“ Oh, oh, das klingt aber gar nicht nach Leben – das klingt nach einem ungesunden Umgang mit sich selbst und stinkt nach Machtmissbrauch. Außerdem ist das höchste Ziel der Bibel Beziehung. Es ist das Thema Nummer eins! Meine theologische Intuition sagt mir, dass auch Selbstverleugnung in tiefer Beziehung geschehen muss. Wie also ist das Wort zu verstehen? 

„Es beschreibt eine bewusste Entscheidung, die eigenen Wünsche, Rechte oder das eigene Ego aufzugeben, um sich ganz auf Jesus und seinen Willen auszurichten.“

Die eigene Entscheidung

Nikodemus, der KI-Chatbot vom ERF-Bibelserver, erklärt mir das griechische Wort (aparneomai, sich selbst ablehnen) folgendermaßen: „Es beschreibt eine bewusste Entscheidung, die eigenen Wünsche, Rechte oder das eigene Ego aufzugeben, um sich ganz auf Jesus und seinen Willen auszurichten.“ Wow, hier springt mir eine Komponente in den Blick, die einen gravierenden Unterschied macht und das Wort in ein anderes Licht rückt. Die bewusste Entscheidung treffe ich selbst. Selbstverleugnung. Nur ich kann das machen. Die Hoheit, eigene Wünsche zurückzustellen, um Jesus nachzufolgen, liegt ganz allein bei mir. Es ist und kann nur eine intrinsische (mir innewohnende) Entscheidung sein. Diese Entscheidung fällt also in Beziehung, in Berührung mit mir selbst. So weit okay, aber was ist mit den anderen Komponenten? Was ist Jesu Wille und wie erkenne ich den? Und was heißt es, sein Kreuz auf sich zu nehmen? Das klingt sehr nach Schmerzen, und sagen wir mal salopp: einem unbequemen Weg. Meine Antwort auf diese Fragen ist zurzeit diese – und ich sage bewusst zurzeit, weil ich weiß, dass wir unsere Ansichten ändern können und andere Momente durchaus auch andere Antworten verlangen:

 

Da ist Weisheit gefragt

Machen wir einen kurzen Exkurs zu entgegengesetzten Bibelstellen: „Wenn jemand zu mir kommt und hasst nicht seinen Vater und die Mutter (...), dazu aber auch sein eigenes Leben, so kann er nicht mein Jünger sein“ (Lukas 14,26, ELB). „Ehre deinen Vater und die Mutter“ (Lukas 18,20, ELB). „Liebe deinen nächsten wie dich selbst“ (Lukas 10,27, ELB). Das sind alles Aussagen von Jesus und ich habe sie bewusst aus dem gleichen Evangelium zitiert. Diese Stellen verdeutlichen uns, dass biblisches Denken und Lehren dialektisch sind. Die Bibel lehrt unter anderem mit beziehungsweise durch Gegensätze. Es ist ein 

„Um das herauszufinden, musst du in Beziehung zu dir, Gott und deiner Umgebung sein.“

didaktisches Stilmittel, um die Lesenden zu lehren! In manchen Situationen ist die eine Stelle anzuwenden, in anderen eine andere. Wenn du als Christ etwas tust, was zum Beispiel deine nicht christlichen Eltern, Familie oder Freunde nicht nachvollziehen können, und diese Sache zu einer schmerzhaften Distanz führt, kann sich das anfühlen, als würdest du diese Menschen hassen – obwohl du sie liebst. An anderer Stelle kann es sein, dass du Schwierigkeiten mit deinen Eltern hast, aber du wegen der Weisung, sie zu ehren, immer wieder die Nähe suchst. Die Textstellen sprechen in unterschiedlichen Situationen passend in dein Leben. Du brauchst aber die Weisheit zu wissen, wann was dran ist. Um das herauszufinden, musst du dich und deine Situation kennen, Gottes Klarheit suchen und vielleicht Freunde nach ihrer Einschätzung fragen. Du musst in Beziehung zu dir, Gott und deiner Umgebung sein.

 

Eine Frage der Beziehung

Genau so stelle ich mir auch das mit der Selbstverleugnung vor. Ich muss in Beziehung mit mir selbst, Gott, meinen Umständen und meiner Umgebung sein, um herauszufiltern, was Jesu Wille  für meine Situation sein könnte. Und dann bin ich dazu gerufen, meine Wünsche und Rechte hinter diesen Willen zurückzustellen. Die darin liegende Verheißung lautet: Auf dieser Reise wirst du das Leben finden. Wenn diese Reise auch schwierige Abschnitte beinhaltet, dann ist das auf der einen Seite nur realistisch und auf der anderen Seite vertretbar, denn ich selbst habe diesen Weg gewählt und mit Gott darum gerungen. Wenn andere Selbstverleugnung fordern, ich diesen Weg aber nicht sehe, dann geschieht er nicht in der Beziehung, die ich in diesen Texten finde, und ist nicht das, wozu wir gerufen sind. Selbstverleugnung bedeutet also eine bewusste, intrinsisch motivierte Hinwendung zu dem, was ich als Jesu Willen  verstehe. Und ich will glauben, dass Jesus uns ins Leben hineinführt.