In aller Freiheit

Essay

Es ist eine Selbstverständlichkeit der Nachfolge Jesu, dass der Mensch Jesus folgt. Aber ist das auch ein Zwang? Könnte der Mensch auch anders? Natürlich, meint Dr. Steffen Schulte, und er meint auch, dass echte Nachfolge überhaupt nur in aller Freiheit geschehen kann. In der Freiheit, sich dafür zu entscheiden und den Weg fröhlich zu gehen.

Vor einiger Zeit erhielt ich eine E-Mail, in der ich ohne Absprache oder Vorankündigung aufgefordert wurde, eine Aufgabe zu übernehmen. Ich wurde nicht gebeten, sondern nur informiert. Ich weiß gar nicht, ob es so bestimmend gemeint war, aber ich fühlte mich fremdbestimmt und wurde defensiv. Innerlich begann ich zu argumentieren, warum die Aufgabe nicht zielführend sei, und stellte das gesamte Projekt infrage. Ich liebe Unabhängigkeit und Ungebundenheit. Ich bin gerne großzügig mit meiner Zeit und meinen Ressourcen – solange das freiwillig geschieht. Doch sobald eine Erwartung oder gar eine Forderung im Raum steht, regt sich Widerstand in mir.

Damit bin ich sicher nicht allein. Wir leben in einer Zeit, in der Selbstbestimmung als höchstes Gut gilt. Entscheidungen
sollen autonom getroffen werden, Zwänge werden abgelehnt und Autoritäten stehen oft unter Generalverdacht. Doch erleben wir wirklich mehr Freiheit, wenn wir uns niemandem unterordnen? War meine Reaktion auf die Anfrage tatsächlich Ausdruck meiner Freiheit? Diese Gedanken führten mich zu einer erneuten Auseinandersetzung mit dem Thema Unterordnung und Nachfolge. Natürlich sind Anweisungen oder Gebote von Gott nicht dasselbe wie eine Arbeitsanweisung. Aber es gibt Parallelen.


Ordnung, die befreit

Begriffe wie „folgen“ oder „unterordnen“ lösen oft negative Emotionen aus. Doch gleichzeitig stelle ich fest: Unterordnung schafft Ordnung, bietet Schutz und ist lebensnotwendig. Wir begegnen dem tagtäglich, oft ohne es bewusst wahrzunehmen. Wer Auto fährt, soll der Straßenverkehrsordnung folgen. Eine rote Ampel fordert uns zum Anhalten auf, Geschwindigkeitsbegrenzungen setzen Grenzen. Doch all diese Regeln dienen unserem Schutz und verhindern Chaos. Wer sich ihnen widersetzt, gefährdet sich und andere. In diesem Sinne bringt Unterordnung Sicherheit – und damit eine Form von Schutz und Freiheit. Auch ein Patient folgt (hoffentlich …) den Anweisungen seines Arztes, weil er auf dessen Kompetenz vertraut. Diese Unterordnung ist freiwillig, aber wenn ich sie ablehne, trage ich die Konsequenzen.

„Erleben wir wirklich mehr Freiheit, wenn wir uns niemandem unterordnen?“

Gebote, die Leben schaffen

So sollen auch Gottes Gebote uns schützen. Jesus fasste alle Gebote in einem Doppelgebot der Liebe zusammen. Dazu gehören auch die Zehn Gebote, wie zum Beispiel die Aufforderung: „Du sollst nicht begehren.“ Ja, ein Gebot, aber ist das nicht auch eine Einladung? Ist es nicht befreiend, frei von Neid zu sein? Anderen etwas gönnen zu können? Das sind keine Ordnungen eines Unterdrückers, sondern von jemandem, der es gut mit uns meint und der uns Leben schenken will. Häufig verwechseln wir Unterordnung mit Unterdrückung. Doch während Unterdrückung gegen unseren Willen geschieht und dem Unterdrücker dient, ist biblische Unterordnung eine freiwillige Entscheidung, die auch unser eigenes Wohl im Blick hat. Meine Unterordnung unter Gott ist ein Ausdruck meines Vertrauens in ihn. Die Bibel ermutigt uns dazu: „Denn sich ihm unterzuordnen bedeutet wahres Leben.“ (Hebräer 12,9b) Die Konsequenzen des Ungehorsams gegenüber Gottes Geboten ähneln dem Missachten eines ärztlichen Rates. Mehr noch: Gott fordert uns nicht nur auf, uns ihm unterzuordnen – er geht selbst mit gutem Beispiel voran. In Philipper 2 heißt es über Jesus: „Er, der Gott in allem gleich war, […] verzichtete auf alle seine Vorrechte und stellte sich auf dieselbe Stufe wie ein Diener.“ Jesus ordnete sich freiwillig Gott und den Menschen unter – aus Liebe. Er zeigte uns, dass wahre Größe in der Demut liegt. Er wurde Diener, um uns zu retten.

„Doch während Unterdrückung gegen unseren Willen geschieht und dem Unterdrücker dient, ist biblische Unterordnung eine freiwillige Entscheidung.“

Die beste Form der Freiheit

Die Unterordnung unter einen guten Gott ist das eine – auch nicht immer einfach, aber wahrscheinlich leichter, als sich anderen Menschen unterzuordnen. Aber auch dazu werden wir in der Bibel aufgefordert: „Ordnet euch einander unter; tut es aus Ehrfurcht vor Christus!“ (Epheser 5,21). Das bedeutet nicht, dass wir uns ausnutzen lassen sollen. Vielmehr geht es darum, unsere eigenen Bedürfnisse manchmal zurückzustellen, um anderen Raum zu geben. Eltern tun das für ihre Kinder, indem sie eigene Wünsche hintanstellen, um ihre Kinder zu fördern. In Ehe, Beruf und Gemeinde kann Unterordnung zu mehr Einheit und Frieden führen.

Und hier kam für mich die Überraschung: Nur wer sich unterordnen kann, ist wirklich frei. Wer sich bewusst entscheidet, anderen zu folgen, handelt wirklich selbstbestimmt. Nur wenn wir lernen, uns unterzuordnen und zu folgen, können wir frei werden – frei von Stolz, Sturheit und Selbstmitleid. Richard Foster schreibt passend dazu: „Nur wenn ich grundsätzlich in der Lage bin, mich unterzuordnen, kann ich unterscheiden, ob ich aus Trotz oder Eigensinn reagiere oder ob es wirklich um die Sache geht.“ Wer immer seinen Willen durchsetzen muss, wird von seinen eigenen Bedürfnissen getrieben – die Bibel nennt das eine Form der Sklaverei (Römer 8,14). Genau das war mein Problem am Anfang. Ich konnte die Anfrage meines Kollegen gar nicht neutral bewerten. Mein Stolz und Eigensinn kontrollierten mich, eine sachliche Analyse war unmöglich. Nachfolgen und Sich-Unterordnen sind zutiefst geistliche Tätigkeiten und paradoxerweise Ausdruck unserer Freiheit. Folgen ist also eine gute geistliche Übung. Sie hilft mir, mein Herz besser zu verstehen, schafft Raum zu wachsen und bietet mir die Gelegenheit, das Verhalten und den Charakter von Jesus zu imitieren. Einfach himmlisch.