Ich denke, das bin ich
Essay
So ziemlich jeder hat eine Meinung, aber nicht viele können erklären, woher und warum. Was sind die Auslöser hinter unserem Denken, was die Impulse unseres Seins? Welche Einflüsse haben uns zu der Person gemacht, die wir heute sind? Maren von Guérard hat sich gedanklich auf die Suche gemacht und sauber sortiert.
Er richtet sich auf, stemmt die Arme in die Hüften und legt los: „Also meiner Meinung nach …“ Und nein, ich habe ihn nicht danach gefragt. Doch er präsentiert sie mir trotzdem, laut, eindringlich, aufdringlich. Da ich kaum wegkomme, ohne die Regeln des guten Anstandes zu verletzen, muss ich seine verbale Sicht der Dinge über mich ergehen lassen. Während ich ihn beim Reden beobachte, spüre ich, wie sich Widerstand in mir regt. Mein Bauch signalisiert instinktiv Unbehagen, seine empathielosen Ansichten erschrecken mich, während mein Kopf versucht, seinen Argumenten zu folgen. Uns trennt so ziemlich alles. „Und welche Meinung vertrittst du?“, fordert er mich heraus. Alles in mir möchte ihm widersprechen. Ist Widerspruch nicht auch Ausdruck meiner Meinungsfreiheit? Doch ich bleibe erst mal still und frage mich: Welche Meinung habe ich denn tatsächlich, und wie habe ich sie mir gebildet?
Besonderer Einfluss
Dem englischen Philosophen Herbert Spencer nach bildet Meinung sich letztlich durch Gefühle und nicht durch den Intellekt. Stimmt das? Für mich wohl schon. Meine Meinung wird tatsächlich zum großen Teil durch Gefühle gebildet und beeinflusst. Ich bezeichne mich als „Bauchmensch“, reagiere oft intuitiv. Doch die Welt wird immer komplexer. Deshalb brauche ich andere Menschen mit ihren unterschiedlichen Lebenserfahrungen, den Austausch mit ihnen, damit ich Themen objektiver betrachten und einordnen kann, statt allein in meinen Emotionen zu versinken.
Menschen, die meine Meinung prägen, verfügen oft über fundiertes Wissen, Erfahrung und eine klare, authentische Kommunikation, sind in ihrem Bereich anerkannt und haben nachweislich Expertise. Das kann durch Bildung, Berufserfahrung oder ihr Leben geschehen. Ich achte darauf, ob die Personen Werte vertreten, die mit meinen eigenen übereinstimmen. Authentisch, ehrlich und aufrichtig zu sein, ist für mich ganz entscheidend. Wer sich für das Wohl anderer Menschen oder der Umwelt oder für soziale Themen ausspricht, hat einen besonderen Einfluss auf meine Meinungsbildung. Menschen, die in der Lage sind, verschiedene Perspektiven zu betrachten und kritisch zu hinterfragen, interessieren mich und ich entdecke neue Aspekte, auf die ich ohne den Austausch mit ihnen vermutlich nie gekommen wäre. Dadurch überdenke ich meine Meinung, verändere oder verfestige meine Sichtweisen.
„Ich achte darauf, ob die Personen Werte vertreten, die mit meinen eigenen übereinstimmen. Authentisch, ehrlich und aufrichtig zu sein, ist für mich ganz entscheidend.“
Positiv wie negativ
Oft sind das Kriterien, die ich bewusst und aktiv anwenden kann. Unterbewusst spielen aber auch vergangene Erlebnisse in meinem sozialen Umfeld, Freundschaften und emotionale Bindungen, in der Familie gelernte Ansichten oder sogar meine deutsche Kultur eine Rolle. Sie prägen meine Einstellung, positiv wie negativ. Und ich betrachte das Leben von Menschen. Wie leben sie ihren Alltag und ihre propagierten Werte? Welche Früchte bringen sie hervor? Wie gehen sie mit Scheitern um?
Es müssen keine Persönlichkeiten sein, die im Rampenlicht stehen, ganz im Gegenteil. Bodenständige Menschen mit schlichten Lebensweisheiten und Handeln im Alltag haben meine Meinung oft am nachhaltigsten geprägt oder verändert. Wie der thailändische Mann, der in Dänemark ohne jegliche chemische Zusätze Pflanzen anbaut, die in diesen Breitengraden eigentlich gar nicht gedeihen können, und in dessen Gewächshaus die Biodiversität durch Handarbeit und Wissen über natürliche Pflanzennährstoffe beeindruckend sprießt. Die Vitalität dieses Menschen, der von seinen selbst angebauten Lebensmitteln lebt, mit ihnen in Beeten, Töpfen, aber auch in Pfannen und auf Tellern experimentiert, hat meine Meinung über Gemüsezucht und Pflanzendünger ganz schön auf den Kopf gestellt. Vor allem, weil ich ihn 25 Jahre jünger geschätzt habe als er wirklich ist. Das ist wohl die sichtbarste Frucht eines mittlerweile gesunden Lebens. Obwohl er zum Gartenbau erst gefunden hat, nachdem er durch beruflichen Stress und zu viel harte Arbeit als Koch in die totale Erschöpfung gerutscht war. Dieser bescheidene Mensch hat mit seiner Einstellung einen großen Eindruck bei mir hinterlassen.
„Doch wie schnell laufe ich Gefahr, Opfer von kognitiven Verzerrungen zu werden: Denkfehler, die meine Wahrnehmung und Urteilskraft beeinflussen.“
Kognitive Verzerrungen
Um solchen Meinungsbildnern zu begegnen, muss ich mich aber immer wieder aus meiner Komfortzone herausbewegen, muss Bücher lesen, Podcasts oder Kultursendungen hören, mich mit sozialen Bewegungen beschäftigen, Gottesdienste besuchen, neue Kontakte knüpfen, alte Freundschaften pflegen. Und ich muss mich öffnen – die wohl wichtigste Grundvoraussetzung. Doch wie schnell laufe ich Gefahr, Opfer von kognitiven Verzerrungen zu werden: Denkfehler, die meine Wahrnehmung und Urteilskraft beeinflussen. Die Neigung, Ursachen für ein beobachtetes Verhalten zu oft in manifestierten Charaktereigenschaften der handelnden Person zu suchen und zu selten in den variablen Merkmalen der jeweiligen Situation. Allzu oft verlasse ich mich zu stark auf meine eigene Perspektive, habe eine höhere Meinung von mir und meiner Sichtweise und schätze die anderer gering. Oder ich habe schlechte Erfahrungen mit einer bestimmten Gruppe von Menschen gemacht, was allzu leicht dazu führt, pauschale, oft unbewusste Urteile über diese Gruppe zu fällen und zu äußern.
Aber es gibt da auch noch meinen wichtigsten, sehr persönlichen Meinungsbildner überhaupt: God himself. Christliche Werte wie Liebe, Nächstenliebe, Vergebung, Gerechtigkeit und Demut prägen mein Denken und wie ich mich in der Welt verhalten möchte. Gottes Wort ist mein Kompass, an dem ich mich in Fragen, Meinungen und Taten orientiere. Im Gebet hilft mir der Heilige Geist, meine eigenen Überzeugungen besser zu verstehen und neue Perspektiven zu gewinnen. Ein Vers aus der Bibel, ein Gedanke, der mir im Gebet kommt, das hat schon oft dazu geführt, dass ich weitreichende Entscheidungen getroffen habe. Jesus regt mich immer wieder neu zu einer Haltung des Mitgefühls und der Hoffnung an. Er möchte, dass ich das herausfordernde Leben mit seinen Augen sehe, dass seine Wirklichkeit zu meiner wird. Dadurch ändert sich meine Meinung über andere Menschen und die Welt insgesamt.
Und hoffentlich auch die über mein Gegenüber, vom dem ich eingangs schrieb. Jeder ist schließlich der Auffassung, dass seine Wirklichkeit die wahre ist. Meine jedenfalls sagt mir, dass ich das Trennen von Person und Meinung noch üben muss.
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