Folgen. Und führen!

Leitartikel

Jede Menge Ratgeber und Seminare fokussieren sich genau darauf: Wie kann man lernen, eine gute, erfolgreiche Führungskraft zu werden? Detlef Eigenbrodt lehrt selbst zu diesem Thema und meint, man müsse zunächst die richtige Frage stellen. Denn es geht um so viel mehr, als in der Lage zu sein, Menschen zu führen. Es gälte zunächst erstmal zu folgen.

Ich bin leicht überrascht. Schaue ich mich im weltweiten Web um, also an dem Ort, an dem es nichts gibt, das es nicht gibt, ergibt meine Suchanfrage nach „folgen und führen“ im Grunde keinen vernünftigen Treffer. Was ich aber finde, ist eine Definition, und das sehr prominent. Mit dem Hinweis, dass sie von einer Künstlichen Intelligenz (KI) erstellt wurde: „Führen und Folgen sind zwei miteinander verknüpfte Konzepte, die im Zusammenhang mit Führung und Zusammenarbeit stehen. Führen beinhaltet die Gestaltung von Prozessen, die Anleitung von Personen und die Verantwortungsübernahme, während Folgen das Vertrauen in diese Führung, die Bereitschaft, Anweisungen zu befolgen und die Mitarbeit an gemeinsamen Zielen bedeutet.“ Vermutlich hätte am Ende für diese Einsicht auch die natürliche Intelligenz vollkommen ausgereicht. 


Einen Versuch wert

Was auffällt: Meine Anfrage von „folgen und führen“ ist im Resultat auf „führen und folgen“ gedreht. Und das eigentlich bei allen Ergebnissen. Es scheint fast so, als wäre das Führen die wichtigere Disziplin, die bedeutendere, die, ohne die ein Folgen gar nicht denkbar wäre. Als ich weitersuche, gehen mir ein paar Lichter auf. Führen wird hier nahezu ausschließlich in den Kontext von Unternehmen eingebettet, es geht um Vorgesetzte, Chefs, Geschäftsführerinnen. Und jeder weitere Klick in die Tiefe zeigt mir viele Anregungen dazu, wie man richtig führt. Einige davon finde ich sogar gut, wie zum Beispiel die von Miriam Herzberg auf Foran.ch, und ich meine, ihre Umsetzung wäre einen echten Versuch wert. Nicht nur in der Wirtschaft übrigens, ihre Gedanken würden sicher auch der einen oder anderen Gemeinde ganz guttun.
 

Zurücktreten, bitte

Ein wesentlicher Faktor, der gute Führungskräfte ausmacht, sagt sie, „ist ihre Fähigkeit, eine Umgebung psychologischer Sicherheit zu schaffen. Amy Edmondson beschreibt diesen Zustand als das Gefühl der Sicherheit, das es Menschen erlaubt, sich ohne Angst vor negativen Konsequenzen auszudrücken. Ein Leader muss den Menschen das Gefühl geben, dass sie geschätzt werden – genauso wie sie sind. Es geht darum, eine Kultur zu etablieren, in der offenes Feedback willkommen ist und keine Angst vor Bestrafung besteht. Diese Fähigkeit, ein vertrauensvolles Umfeld zu schaffen, steht im Mittelpunkt jeder erfolgreichen Führungsstrategie.“ Die Harvard-Studie, aus der Herzberg Amy Edmondson zitiert, hebt eine weitere wichtige Eigenschaft hervor: „Eine gute Führungskraft muss in der Lage sein, analytisch zu denken und offen für andere Ansätze zu bleiben. Dies erfordert die Fähigkeit, einen Schritt zurückzutreten und die Situation – sei es das Team, die Organisation oder die Ziele – immer wieder neu zu bewerten. Es geht darum, sich die Zeit zu nehmen, zu reflektieren und zu hinterfragen: Wie kann es weitergehen? Es ist diese Bereitschaft zur Reflexion und zur Neuausrichtung, die den Unterschied zwischen durchschnittlichen und herausragenden Führungskräften ausmacht.“  

„Die besten Führungskräfte sind diejenigen, die ihre Follower als gleichwertig betrachten. Sie verstehen, dass sie ohne ihr Team nicht erfolgreich sein können.“

Wer folgen kann, lernt Demut

Aber nicht nur darauf kommt es an, meint Frau Herzberg, und fährt fort: „Die besten Führungskräfte sind diejenigen, die ihre Follower als gleichwertig betrachten. Sie verstehen, dass sie ohne ihr Team nicht erfolgreich sein können. Es gibt keine Bestseller-AutorInnen ohne LeserInnen, keine berühmten MusikerInnen ohne Fans. Taylor Swift braucht ihre Follower genauso wie ein Martin Luther King seine Unterstützer brauchte, um gehört zu werden. In Unternehmen ist es nicht anders: Ohne das Team ist die Führungskraft machtlos. Wir müssen die Idee loslassen, dass Führen das Nonplusultra ist. Stattdessen sollten wir uns darauf konzentrieren, wie wichtig es ist, auch gut folgen zu können. Wer folgen kann, lernt Demut, Teamarbeit und die Anerkennung anderer Perspektiven – allesamt essenzielle Eigenschaften für jede Führungskraft. In einer Welt, die sich so stark auf Leadership konzentriert, müssen wir uns also daran erinnern: Nur wer folgen kann, kann auch führen.“
 

Was wissen wir schon?

Moment. Nur wer folgen kann, kann auch führen? Wenn das stimmt, dann müssten wir im Grunde mal einen Blick auf all die Führerinnen und Führer unserer Zeit richten, um das zu überprüfen. Natürlich geht das nicht bei allen gleich gut und so solide, wie es nötig wäre, manchmal fehlen einfach zu viele Informationen. Oder meinen Sie, wir wüssten schon genug über den neuen Papst Leo XIV, um sauber einschätzen zu können, welchen Überzeugungen, Idealen und Zielen er folgt? Ich bin skeptisch. Auch deshalb, weil das wenige, das wir wissen, von der katholischen Kirche und den Medien verbreitet wird. Beides leider allzu oft fragile Quellen. Das gilt dann auch für weitere Personen- und Berufsgruppen. Was weiß ich schon wirklich über Thomas Müller, Sie wissen schon, den Fußballer? Was macht ihn als Mensch aus, was sind seine Werte? Ist er im richtigen Leben anders, als wir ihn aus den Medien kennen? Was macht er samstagnachmittags, wenn er nicht auf dem Platz steht? Oder Benson Boone, dieser junge Kerl, der gerade die Musik-Charts auf den Kopf stellt? Er wuchs mit vier Schwestern in der Stadt Monroe im Bundesstaat Washington auf, wurde als Mitglied der mormonischen Kirche erzogen, ist 23 Jahre alt und performt oberkörperfrei oder in bunten Kostümen, die an die gute alte Zeit von ABBA oder Freddy Mercury erinnern, und legt dazu astreine Flips hin. Der Bursche kann also nicht nur singen – aber wer ist er, wenn niemand hinschaut? Kann er folgen? Und wenn ja, wem oder was? Das muss uns auch für Wirtschaftsbosse und -bossinnen  beschäftigen, für Politikerinnen und Politiker: Frau Weidel, Herr Banaszak, Herr Merz, Frau Strack-Zimmermann – um nur einige zu nennen. Per Aufgabenbeschreibung führen sie. Miriam Herzberg sagt, dass sie das nur können, wenn sie auch zu folgen in der Lage sind. Ehrlich, was wissen wir schon über die Menschen im Rampenlicht, die wollen, dass wir ihnen folgen?

„Und dann rief er Menschen. Nicht, weil sie seiner Idee folgen sollten, sondern ihm. Nicht, weil sie ihm zu Anerkennung und Einfluss verhelfen sollten, sondern weil er Gottes Sohn war und weil er ihnen Anerkennung schenkte.“

Morgens am See

Schauen wir uns das Konzept „folgen und führen“ mal noch von der anderen Seite an. An einem vermutlich frischen, auf jeden Fall aber frühen Morgen am See Genezareth erlebt vor allem ein Mann, wie rasch sich das Leben ändern kann. Simon war fischen, ging seinem Beruf nach, tat also, was er gelernt hatte und gut konnte. Allerdings an diesem Morgen ohne jeden Erfolg. Dann kam Jesus, dem eine ganze Menge Menschen folgte, weil sie hören wollten, was er zu sagen hatte. Der Platz wurde eng, die Menschen drängten von hinten, vorne das Wasser des Sees. Also stieg Jesus ungefragt in Simons Boot und sagte ihm, was er tun solle. Simon folgte der Anweisung und erlebte sein blaues Wunder: gegen jede Regel, gegen alles, was vernünftig war, gegen jahrelange Erfahrung. Simon warf die Netze aus, weil Jesus es sagte, und machte große Beute. Anstatt sich zu freuen, sagte er: „Geh weg von mir, ich bin ein sündiger Mensch.“ Und folgte dann wenig später der Aufforderung Jesu: „Komm, geh mit mir.“
 

Nicht mein Wille

Nur wer folgen kann, der kann auch führen. Alles, was wir über die Haltung Jesu wissen, lässt sich wohl mit diesen Worten zusammenfassen: „Nicht mein Wille, sondern dein Wille geschehe.“ Das ist Unterordnung, Jesus ist folgsam, er weiß, dass sein Vater das letzte Wort hat, und ist damit völlig im Reinen. „Ich und der Vater sind eins.“ Jesus kann nicht nur folgen, er will es auch. Aber eben nicht jedem. Wir wissen von ihm auch, wie er zum Beispiel mit den Theologen der damaligen Zeit umging, mit den Gelehrten, die selbst einen Führungsanspruch stellten und wollten, dass man ihnen folgt. Jesus kompromittierte sie, hinterfragte ihre kruden Ideen und folgte nur Gott. Er konnte also nicht nur folgen, er konnte auch unterscheiden und am Ende entscheiden, wem zu folgen richtig ist. Und dann rief er Menschen. Nicht, weil sie seiner Idee folgen sollten, sondern ihm. Nicht, weil sie ihm zu Anerkennung und Einfluss verhelfen sollten, sondern weil er Gottes Sohn war und weil er ihnen Anerkennung schenkte. „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater, außer durch mich.“ Das ist Jesu „Regierungserklärung“: „Wer mir folgt, der folgt mir zum Vater, und der Vater ist der, der Leben schenkt.“

Das, was im Businesskontext zwar richtig, aber doch nach erlerntem Prinzip klingt, gewinnt hier eine neue Bedeutung. Jesus beweist nicht, dass er folgen kann, damit ihm auch Führung abgenommen wird. Er ist einfach er selbst. Er spielt keine Rolle, er tut nicht etwas mit der Absicht, dass ihm jemand folgt, sondern weil er es als richtig erkennt. Er handelt nicht für die Kameras und Nachrichtenportale seiner Zeit, er handelt aus der Überzeugung, dass auf Gott Verlass ist. Und dann folgen die Menschen dem folgsamen Führer.