Die leere Kiste
Kolumne
Dass leer nicht automatisch schlecht bedeuten muss, erlebte Uwe Heimowski eindrucksvoll bei einem Besuch einiger Frauen im Sudan. Und er kommt mit einer Lektion zurück, die der reiche Westen vom armen Afrika lernen kann. Eine Lektion übrigens, die der Westen schon früh selbst erkannt und umgesetzt hat, als er noch gar nicht so reich war.
Ich bin in Pochalla, einer entlegenen Provinz im Südsudan. 100.000 Menschen leben hier, abgeschnitten vom Rest des Landes. Die Gegend ist nur über den Luftweg zu erreichen. In der Region ist auch die deutsche Entwicklungshilfe engagiert und ich besuche verschiedene Projekte.
Dramatisch
Zum Hintergrund: Im schwer zugänglichen Pochalla hatten sich einige Jahre lang Rebellen verschanzt, die gegen die Regierung kämpften. Juba, die Hauptstadt, war weit entfernt, und so trieben die Rebellen in den Dörfern ihr Unwesen. Sie zerstörten Häuser, brannten Felder nieder, nahmen sich Frauen mit Gewalt, entführten Kinder. Die meisten Dorfbewohner ergriffen die Flucht ins nahegelegene Äthiopien. 2019 wurden die Rebellen besiegt und die Menschen kehren langsam zurück. Doch die Probleme sind groß und nicht nur die Folgen der Brandschatzung durch die Rebellen sind verheerend. Die Dörfer und Felder sind zerstört, etliche Frauen und Kinder haben Angehörige verloren, viele sind schwer traumatisiert. Und auch hier verändert sich das Klima stark. Die Regenzeit setzt immer später ein, der vertrocknete Boden nimmt das Wasser nicht schnell genug auf, Dürre und Überschwemmungen wechseln sich ab, neue Anbaumethoden müssen erlernt werden.
Aufgebaut
Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) fördert das Rückkehrprogramm im Rahmen der sogenannten Übergangshilfe, Tearfund ist für die Implementierung der Programme zuständig und setzt sie mit Partnern vor Ort um. Dazu wurden die Menschen zunächst mit Lebensmittelpaketen versorgt. Dann wurden eine gewisse Infrastruktur aufgebaut, Staudämme errichtet und ein Feld planiert, damit Flugzeuge oder Hubschrauber dringend benötigte Güter und Baumaterialien liefern können. Außerdem wurden sichere Orte für Frauen und Kinder geschaffen, und es werden immer mehr.
Gespart
Ich besuche eine sogenannte „save and loan group“, eine „Spar- und Leihgruppe“, ein erstaunlich erfolgreiches Projekt. Frauen werden darin begleitet, Geschäftsideen zu entwickeln und zu verwirklichen. Sie bauen Getreide an oder stellen Saft her. Einmal in der Woche treffen sie sich im Kreis der 15 Teilnehmerinnen. Mit dabei eine Mentorin, die den Frauen in allen praktischen Fragen zur Seite steht. In der Mitte steht eine schwere Metallkiste, gesichert mit drei Vorhängeschlössern. Drei verschiedene Frauen besitzen jeweils einen der Schlüssel. Im Inneren der Kiste liegen Geld und ein Sparbuch für jede der Teilnehmerinnen. Sie verpflichten sich, regelmäßig einen Teil ihres Einkommens zurückzulegen, der Betrag wird notiert und mit einem Stempel bestätigt.
„In der Mitte steht eine schwere Metallkiste, gesichert mit drei Vorhängeschlössern. Drei verschiedene Frauen besitzen jeweils einen der Schlüssel.“
Verteilt
Nach einigen Wochen dann (zu lange darf wegen der hohen Inflation nicht gewartet werden, da das Ersparte sonst an Wert verliert) können die Frauen einen Antrag auf ein Darlehen stellen, um damit eine Investition zu tätigen. Manche brauchen eine Saftpresse, andere eine neue Hacke zum Unkrautjäten. Die Gruppe entscheidet, wer Geld erhält, die vielversprechendsten Projekte haben Priorität, aber alle kommen an die Reihe. Mit einem Zinssatz, der deutlich unter dem der (wenigen) Banken und noch deutlicher unter dem der (vielen) Geldverleiher liegt, zahlen sie das Geld zurück. Trotz vieler Schwierigkeiten funktioniert die Methode. In Pochalla ist zwar der kleine Absatzmarkt ein Problem, da es nur wenige Menschen gibt, die ein regelmäßiges Einkommen beziehen. Aber dann muss eben der gute alte Tauschhandel herhalten: Früchte gegen Holzkohle – und das eingesparte Geld wandert in die Kiste.
Abgeschaut
Die Frauen sind stolz auf ihr „Business“ und ihr eigenes Einkommen: „Es ist besser, eine leere Kiste zu bekommen, die wir selbst füllen, als eine volle Kiste, die wir leeren, um dann nicht zu wissen, wie es weitergeht, wenn sie leer ist“, sagt eine der Teilnehmerinnen. Was sie beschreibt, klingt im ersten Moment paradox, ist aber die klassische Hilfe zur Selbsthilfe. „Hilf mir, es selbst zu tun“, hat die Reformpädagogin Maria Montessori schon vor bald 100 Jahren formuliert. „Save and loan groups“ sind ein Erfolgsmodell in der Entwicklungszusammenarbeit, und das nicht nur im Sudan. Eine Spargruppe in Ruanda, die schon einige Jahre aktiv ist, unterstützt mittlerweile andere Frauen. Sie haben eine Kindergruppe eröffnet, damit die Mütter eine Ausbildung machen oder auch ein kleines Gewerbe eröffnen können. Neu ist der Gedanke aber nicht, schon Friedrich Wilhelm Raiffeisen (1818–1888), Christ und Sozialreformer, hat in Deutschland die Idee der Genossenschaftsbanken entwickelt. In der Schweiz entstanden gleichzeitig die „Spar- und Leihkassen“.
Gebraucht
Ich frage mich, was wir aus Pochalla für uns in Deutschland lernen können. Welche Reformen braucht es im Jahr 2025, um die wirtschaftliche Krise zu überwinden? Wir brauchen Menschen, die andere darin anleiten, etwas aus ihren eigenen Möglichkeiten zu machen. Gute Ausbildungsstätten und Mentorenprogramme, die Potenziale in Menschen fördern. Und wir brauchen eine Haltung wie die Frauen in Pochalla: zu wissen, dass nur durch Solidarität jede einzelne profitieren wird. Auch wenn das bedeutet, mal für eine Zeit hinter anderen zurückzustecken. Das mag in Zeiten von „my nation first“ befremden. Doch die leere Kiste füllt sich nur gemeinsam.
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