Der Regierung unterordnen!?
Ratgeber
„Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat. Denn es ist keine Obrigkeit außer von Gott; wo aber Obrigkeit ist, ist sie von Gott angeordnet.“ Je nach politischer Situation, kulturellem Kontext und geschichtlichem Hintergrund wird die Einordnung dieser Verse wahrscheinlich unterschiedlich ausfallen, meint Eva Dittmann und spricht auch von zivilem Ungehorsam.
Umgehen können wir die Frage nach unserem Umgang mit staatlichen Mächten nicht. Zwar müssen sich Christen in Deutschland im Moment nicht mit politischen Extremsituationen auseinandersetzen – wie die Bekennende Kirche zur Zeit des Nationalsozialismus oder Christen, die in anderen Ländern aufgrund ihres Glaubens Verfolgung erleiden. Dennoch werden auch wir immer wieder persönlich sowie gesellschaftlich und ekklesiologisch mit dieser Frage konfrontiert – persönlich durch unsere Haltung zu einzelnen Gesetzen und gesellschaftlich und ekklesiologisch durch Fragen wie nach unserer Handhabung des Versammlungsverbots während der Covid-19-Pandemie oder nach unserem Umgang mit dem politischen Rechtsruck der letzten Wahlen in Deutschland und Europa.
Konkret, bitte
Paulus geht in seinen Ausführungen keineswegs von einem Idealbild aus – von einem christlich geprägten Staat, der biblische Moralvorstellungen fördert. Als jemand, der selbst von staatlichen Behörden gejagt, geschlagen, inhaftiert und am Ende ja sogar getötet wurde, war Paulus nicht naiv, was das Potential für das Böse im Römischen Reich betraf. Obwohl er davon ausgeht, dass Regierungen ihre Macht missbrauchen, Grenzen überschreiten und Ungerechtigkeit fördern, fordert er die Christen dazu auf, sich diesen Autoritäten zu unterwerfen.
Was bedeutet dieser Akt der Unterordnung konkret? Zunächst heißt es, dass wir die staatlichen Autoritäten als von Gott eingesetzte Institutionen anerkennen. Gott hat sich in seiner Souveränität und Weisheit dazu entschieden, diese Welt durch staatliche Mächte zu regieren. Er selbst hält dabei jedoch die Fäden in der Hand – wie Daniel 2,21 sagt: „Er setzt Könige ab und setzt Könige ein.“ Diese Gewissheit sowie die eschatologische Perspektive, dass das Reich Gottes am Ende der Zeiten vollendet wird und Jesus König ist, schenkt uns Mut, Kraft, Weisheit und Geduld, uns um der Ehre Gottes willen im Hier und Heute unterzuordnen – ohne in Götzendienst zu verfallen oder uns an diese Welt anzupassen (Röm 12,2). Und diese Unterordnung drücken wir ganz praktisch aus durch Gehorsam gegenüber den Gesetzen und das Zahlen von Steuern (Röm 13,7).
„Wir sollten diese Anordnung nicht auf die leichte Schulter nehmen und uns herausreden.“
Dein Einsatz, bitte
Dann zeigt sich diese Unterordnung auch in unserem gesellschaftlichen Engagement. Wir sind aufgefordert, uns aktiv für das Gute einzusetzen und zum Wohlergehen der Gesellschaft beizutragen. In der heutigen Zeit kann das zum Beispiel bedeuten, dass wir uns in politischen Bereichen einbringen, verschiedene gesellschaftliche Projekte ehrenamtlich unterstützen, uns für Menschenrechte einsetzen oder unsere Stimme gegen soziale Ungerechtigkeit erheben. Denn dadurch werden die Wahrheit und die Werte Christi und seines Reiches in allen Sphären der Gesellschaft sichtbar.
Und zuletzt bedeutet das für die neu-testamentlichen Autoren auch, dass Christen bereit sein müssen, ja, damit rechnen müssen, dass sie auf dieser Erde aufgrund ihres Glaubens Unrecht erleiden werden. So ermahnt und ermutigt Petrus die Leser seines Briefes mit folgenden Worten: „Etwas anderes wäre es, wenn jemand von euch eine Strafe erleidet, weil er ein Mörder, ein Dieb oder sonst ein Verbrecher ist oder weil er die Rechte anderer missachtet. Dazu darf es natürlich nicht kommen! Doch wenn jemand Schweres durchmacht, weil er ein Christ ist, braucht er sich deswegen nicht zu schämen. Vielmehr soll er Gott ehren, indem er ohne Scheu dazu steht, dass er nach dem Namen von Christus genannt ist“ (1. Petrus 4,15-16).
„Obwohl er davon ausgeht, dass Regierungen ihre Macht missbrauchen, fordert er die Christen dazu auf, sich diesen Autoritäten zu unterwerfen.“
Behutsam, bitte
Die neutestamentlichen Autoren sind sich einig, dass Unterordnung unter die staatlichen Autoritäten unsere Grundhaltung sein sollte. Wir sollten diese Anordnung daher nicht auf die leichte Schulter nehmen und uns durch die Entwicklung immer neuer Ausnahmen herausreden. Trotzdem müssen wir als Bürger des Himmels aber natürlich immer wieder unsere Loyalitäten überprüfen. Schließlich wollen wir vor allen Dingen Jesus dienen, dem Evangelium treu sein und das Reich Gottes auf dieser Erde bauen. Wenn das durch das Vorgehen des Staates nicht mehr möglich ist, haben wir als Christen Handlungsbedarf. Die damit verbundenen Entscheidungsprozesse sind geistlich herausfordernd, theologisch vielschichtig und politisch komplex. Deswegen ist es an dieser Stelle nur sinnvoll, einige Leitplanken zu definieren:
Erstens, grundsätzlich gilt: Wir sind aufgefordert, für den Staat zu beten. Neben dem Fürbittengebet, das in allen politischen Situationen Verwendung findet, bieten uns die Psalmen zwei weitere Gebetsvorbilder, die uns besonders in herausfordernden politischen Lagen helfen können: die Klagegebete und die Rachepsalmen. Beide Gebete können uns helfen, die schonungslos erdrückende Realität der Sünde in dieser Welt geistlich zu navigieren und uns damit vertrauensvoll an Gott zu wenden.
Zweitens, in unserem demokratischen Staat haben wir als Bürger grundsätzlich die Möglichkeit, mitzugestalten. Wenn wir also mit einer Situation unzufrieden sind oder sündhafte Strukturen zutage treten, sollten wir zunächst unseren eigenen Einfluss- und Wirkungsbereich erwägen. Haben wir hier Gestaltungsspielraum, sind wir eingeladen, die gesellschaftlich vorgegebenen Kanäle zu nutzen, um Veränderungsprozesse zu initiieren.
Drittens, die Entscheidung zu zivilem Ungehorsam, und in den drastischsten Fällen sogar zum Widerstand, sollte bedacht getroffen werden. Hierbei folgen wir dem Richtwert der verschiedenen biblischen Fallbeispiele: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“ (Apostlgeschichte 5,29). Darüber hinaus können wir uns an folgenden Prinzipien orientieren: 1. Die Wahrheit und Werte des Evangeliums sollten Dreh- und Angelpunkt des Erwägungsprozesses sein. 2. Eine solche Entscheidung sollte immer durch intensives Gebet und im Rahmen der geistgeleiteten Gemeinschaft getroffen werden. 3. Wenn ziviler Ungehorsam und/oder Widerstand notwendig ist, sollten wir dabei das Gebot der Liebe nicht außer Acht lassen. Diese Leitplanken helfen uns, Jesus sowohl in der Unterordnung als auch im bewussten Akt des Widerstands Ehre zu bringen.
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