Das kannst du selbst

Ratgeber

Was manchmal etwas patzig klingt, kann gleichzeitig der glühende Appell zur Selbstständigkeit sein. Dazu, Verantwortung zu übernehmen, zu gestalten und andere mitzunehmen. Voranzugehen, anstatt zurückzutreten. Philipp Rüsch weiß, wovon er spricht, und er rät zur persönlichen Entwicklung. Nur wer sich dem Leben stellt, wird es letztlich meistern können.

Führung. Leadership. Oder in christlichen Kreisen: Leiterschaft. Gibt es Themen, zu denen mehr Bücher, Artikel und Posts geschrieben wurden? Das liegt zum einen an der schier unermesslichen Weite dieses Gebiets und zum anderen an der Schwierigkeit, es greifbar zu machen. Ich beschäftige mich seit über zehn Jahren intensiv mit diesem Thema, inklusive Studium, und habe doch ehrlich gesagt manchmal das Gefühl, keine Ahnung zu haben. Warum übernehmen Menschen keine Führung? Warum überlassen sie das anderen? Die Gründe dafür sind vielschichtig, und ich möchte mich hier auf drei beschränken: nicht können, nicht wollen und nicht dürfen.
 

Nicht können

Zu Beginn von Führungskursen wird gerne die Frage gestellt, ob man als Leiter geboren wird. Es gibt sicherlich Menschen, denen natürliche Leitungs-Begabungen in die Wiege gelegt werden. Ich selbst bin diesbezüglich eher durchschnittlich beschenkt. Mein Ansatz ist es, das Maximum aus dem herauszuholen, was mir zur Verfügung steht. Nicht im Sinne von Perfektion, sondern weil ich ungern Talente vergeude. Gute Führung wird erlernt, von klein auf. Wie bei allen Fähigkeiten erlangt man auch höhere Führungsqualitäten nur durch Übung. Wann habe ich zum ersten Mal bewusst Leitung übernommen? Mir fallen zwei Begebenheiten ein. Mit 15 wurde ich zum stellvertretenden Klassensprecher gewählt. Ein Jahr später stieg ich als Jungscharleiter ein. Beides war ein Ausprobieren und Üben.

Leadership ist auch deshalb so ein weites Feld, weil die Führung von Menschen sehr viele verschiedene Fähigkeiten benötigt. Jeder Job bedarf gewisser fachlicher Fähigkeiten, vom Busfahren über das Programmieren einer Maschine bis hin zum Erstellen einer Jahresrechnung. Jeder muss etwas ganz Spezielles können, so auch Führungskräfte. Jede Führungsaufgabe benötigt menschliche Fähigkeiten wie Empathie, Feedback zu geben oder in verschiedenen Kulturen gewinnend zu kommunizieren. All diese Fähigkeiten lassen sich erlernen und trainieren. Wir werden nicht als guter Verhandler geboren. Kein Lehrer kann einfach so gut unterrichten. Auch Entwickler produzieren nicht automatisch geniale Ideen. Sie alle haben Tausende von Stunden geübt. Bei der brillanten Violinistin ist uns das bewusst, bei einer begeisternden Führungskraft sollte es genauso klar sein, dass ihre Fähigkeiten nicht vom Himmel gefallen sind.

Schaffen wir also am besten sichere Umfelder, in denen Führung im Kleinen ausprobiert werden darf und wo Fehler als Chancen zum Lernen gesehen werden.

„Verantwortung kann schwer wiegen. Führung ist Arbeit. Beides ist schwer mit einem freizeit- und spaßorientierten Leben zu vereinbaren.“

Nicht wollen

„Ich will nicht!“ Das ist kein seltener Satz bei meiner vierjährigen Tochter. Als Erwachsene drücken wir das gewählter aus, unser Wille jedoch hat seine Macht damit nicht verloren. Aber warum wollen viele nicht leiten? Mein Eindruck ist, dass klassische Führungspositionen ein Stück weit ihre Attraktivität verloren haben. Verantwortung kann schwer wiegen. Führung ist Arbeit. Beides ist selten mit einem freizeit- und spaßorientierten Leben zu vereinbaren. Dazu kommen Beispiele von Leitern, die echt Mist gebaut haben. Gerade im kirchlichen Kontext haben wir davon endlos viele für Machtmissbrauch und ungesunde Strukturen. Das macht Führungsaufgaben nicht gerade attraktiver.

Ein weiterer Aspekt wird meiner Meinung nach eher selten berücksichtigt: Führung ist immer auch Risiko. Wer Verantwortung übernimmt, wagt sich aus der Deckung. Und das macht einen angreifbar. Wer führt, trifft Entscheidungen. Und es liegt in der Natur der Sache, dass nicht alle mit diesen Entscheidungen einverstanden sind. Das birgt das Risiko von Konflikten, Verletzungen, Überforderung, Versagen und Gesichtsverlust. Unbewusst spüren wir alle dieses Risiko, wir gehen nur unterschiedlich damit um. Bei jedem Führungsschritt wägen wir Risiko und Chance ab. Kaufleute waren sich dessen schon immer bewusst. Am Gebäude der Bremer Handelskammer steht der schöne Spruch „Buten un binnen/wagen un winnen“, draußen und drinnen, wagen und gewinnen. Dieser Satz verdeutlicht sehr schön, dass wir in allen Aspekten des Lebens nur etwas gewinnen können, wenn wir etwas riskieren. Das ist auch dort der Fall, wo wir nicht unbedingt an Führung denken, wie zum Beispiel bei Liebe, Ehe und Familie. Aber: Ohne Verantwortung, ohne dass wir mutig Führung übernehmen und etwas riskieren, werden wir keine glückliche Beziehung aufbauen und schon gar keine Kinder erziehen können.

Gehen wir also am besten als positive Führungsvorbilder voran. Teilen wir unsere Verantwortung mit anderen, um ein sicheres Umfeld zum Risikowagen zu schaffen.

„Aber was ist, wenn ich nicht darf? Wenn mein Chef mir eine Aufgabe nicht zutraut? Wenn ich übergangen werde? Wenn mir Führungsverantwortung entzogen wird?“

Nicht dürfen

Führung bietet unglaublich schöne und wunderbare Chancen. Leiter können Menschen, Projekte und Organisationen entwickeln. Man darf Ideen verfolgen, Entscheidungen treffen und sie umsetzen. Eltern dürfen ihre Kinder prägen. Ich persönlich blühe auf, wenn ich sehe, wie Menschen wachsen und sich mutig an größere Aufgaben wagen. Aber was ist, wenn ich nicht darf? Wenn mein Chef mir eine Aufgabe nicht zutraut? Wenn ich übergangen werde? Wenn mir Führungsverantwortung entzogen wird? Wie gehe ich damit um, wenn mir nicht vertraut wird? Das sind harte Momente. Ich habe solch eine Situation selbst Anfang 2025 erlebt, und es tut weh. Realistischerweise dürfen wir nicht immer die Verantwortung oder Führung übernehmen, die wir gerne möchten. Nicht jeder kann Bundeskanzler werden oder zum Mond fliegen. Diese Grenzen können uns blockieren. Oder sie können uns in eine neue Richtung lenken. Das fordert heraus. Mit solch schmerzhaften Zurückweisungen umzugehen, benötigt aktive Selbstführung.

Stehen wir also am besten wieder auf und verarbeiten den Schmerz. Seien wir weiterhin im Kleinen treu und tragen unsere Verantwortung. Reflektieren wir in aller Ruhe die eigenen Motive.

Ja, man kann sich darüber beschweren, dass niemand leiten will. Oder man macht es wie mein größtes Vorbild und sammelt ein Dutzend (es können auch weniger sein) Jünger um sich, vertraut ihnen, lässt sie Verantwortung übernehmen, üben und in größere Aufgaben hineinwachsen.