Das hat ganz schön lang gedauert
Essay
Er war schon eine ganze Weile unterwegs, als die Einsicht über ihn hereinbrach: Das, was er bisher unter Leitung verstanden hatte, war nicht wirklich das, was es sein sollte. Gut, dass Mitarbeiter ihm im Weg standen. Gut, dass Uli Neuenhausen groß genug war, umzudenken. Und gut, dass seine Erfahrung viele positiv beeinflussen kann.
Als die Jünger mit Jesus auf Jerusalem zusteuern, empfinden sie die große Wende, die sich ankündigt. Der Gesalbte in Jerusalem, das kann in ihren Augen nur auf den sichtbaren Beginn der Herrschaft Gottes hinauslaufen. Zwei von ihnen ergreifen die Gelegenheit, um sich die wichtigsten politischen Posten zu sichern. Die anderen sind sauer und fühlen sich übergangen. Natürlich hätten auch sie gerne Macht und Bedeutung im Reich ihres Messias. Daraufhin erfolgt eine heftige Korrektur von Jesus: „Bei euch soll es nicht so sein. Im Gegenteil: Wer unter euch groß werden will, soll den anderen dienen; wer unter euch der Erste sein will, soll zum Dienst an den anderen bereit sein. Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben als Lösegeld für viele hinzugeben.“ Das steht in Matthäus 20,26-28, und unter anderem aus diesem Text leitet sich die Idee der „Dienenden Leiterschaft“ ab.
Das eigentliche Ziel im Blick
Dienende Leiterschaft klingt erst mal so fromm, dass man dem Konzept kaum widersprechen kann. Leider wird der Begriff jedoch gelegentlich missverstanden, sowohl von Leitern als auch von denen, die ihnen folgen. Wenn alle in der Gemeinde mitreden dürfen, jede Befindlichkeit berücksichtigt werden muss und es nur basisdemokratische Entscheidungen geben darf, dann führt das zum völligen Stillstand in der Gemeindearbeit. Und überall anders auch. Das ist dann vielleicht noch dienend, aber auf keinen Fall mehr Leitung. Ist dienende
Leiterschaft denn so eine Art Mitarbeiter-Herrschaft? Muss ein Leiter immer nachgeben? Geht es nur um die Mitarbeiter und nicht eigentlich um die Ziele, die ich mit einer Organisation oder einem Unternehmen verfolge? Darf ich als dienender Leiter auch mal hart durchgreifen? Darf ich überhaupt Macht ausüben? Im Folgenden möchte ich ein paar Einsichten aus meinen Erfahrungen als Leiter weitergeben, die mit der Frage von Macht und Dienst, von Demut und Durchsetzen zu tun haben.
Ich hatte Respekt erwartet
Meinen Start als Leiter empfand ich als große Bestätigung meiner Fähigkeiten, als Boost für mein Ego und einen Schwenk meines Minderwertigkeitsgefühls von „ich bin nichts wert“ zu „ich bin ein Star“. Tatsächlich, beide Haltungen sind Ergebnis von Minderwertigkeitsgefühlen: die Selbstentwertung genauso wie die Selbstüberhebung. Zwei Jahre mussten die Kollegen und Kolleginnen meines Teams das aushalten, dann knallte es. Ich hatte erwartet, dass mit meiner neuen Position nun Respekt, Einsatzbereitschaft und Wohlwollen seitens meiner Teammitglieder aufgebracht würden – vor allem mir gegenüber. Jede Infragestellung schien mir Widerwillen zu sein, jeder Widerwillen Sabotage, und den Grund dahinter vermutete ich in einer egozentrischen Haltung des Teams.
Irgendwann hatte jemand den Mut, mir als Leiter zu sagen, dass möglicherweise ich selbst das Problem des Teams sei und mein Verhalten weder respektvoll noch wohlwollend war. Ich machte Druck und konnte dabei meine eigenen Aufgaben nicht erfüllen. So lernte ich meine erste wichtige Lektion als Leiter: Mit dieser Position verpflichtest du dich selbst zu Respekt, Einsatzbereitschaft und Wohlwollen – auf Deutsch: Du dienst, ohne etwas dafür zu bekommen. Deine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gehen davon aus, dass du für sie da bist und schon damit großartig belohnt bist, dass du ja Leiter sein darfst. Nachdem selbst meine Frau dann auch noch meinte, dass meine Kollegen mit ihrer Einschätzung recht haben könnten, knickte ich ein – beziehungsweise tat Buße.
„Ich hatte erwartet, dass mit meiner neuen Position nun Respekt, Einsatzbereitschaft und Wohlwollen seitens meiner Teammitglieder aufgebracht würden - vor allem mir gegenüber.“
Ich und meine Wut
Trotzdem schuf meine Position der Macht Distanz zum Rest des Teams. Die Menschen, die von mir abhängig sind, sehen meine „Machtseite“, wenn ihr Job auf dem Spiel steht oder auch nur Privilegien gestrichen werden müssen. Mich durchzusetzen, entspricht nicht meiner Natur, und ich tendiere zur Vermeidung von klaren und unangenehmen Ansagen. Dafür platze ich dann nach einer längeren Zeit mit einer radikalen und wütenden Ansage heraus. Wut machte es mir manchmal leichter, meine Punkte zu setzen und mein Anliegen durchzubringen. Aber sie machte es dem Team schwerer, ließ mich unberechenbar und gereizt wirken und verhinderte eine offene, freundliche und konstruktive Feedback-Kultur. Ich war ein gespaltener, „zwiespältiger“ Leiter. Zwei wichtige Erkenntnisse haben mich letztlich ein Stück aus dieser Zwiespältigkeit herausgeführt:
Da war zum einen eine Predigt von Martin Bühlmann, dem Gründer von Vinyard Europa, beim Kongress der Geistlichen Gemeindeerneuerung in Braunschweig. Ich war da schon über 50 Jahre alt, hatte fast zwölf Jahre Leitungserfahrung hinter mir und fragte mich immer noch, wie ich so leiten kann, dass meine Mitarbeiter mich toll finden. Martin sagte, dass ab dem Alter von 50 der Fokus nicht mehr auf meinem Vorwärtskommen, meiner Anerkennung, meiner Entwicklung, meinen Erfolgen liegt, sondern komplett auf der Förderung Jüngerer. Das war wie ein prophetisches Wort an mein Herz: Von dem Tag an entschied ich mich, dass Leitung nicht mir dient, sondern anderen. Ich entschied mich, dass ich nicht mehr arbeiten will, um Anerkennung zu bekommen, respektiert oder gelobt zu werden, sondern um anderen zu helfen, dass sie Anerkennung bekommen, respektiert oder gelobt werden. Zur gleichen Zeit wurde mir klar, wie viel von meinem Handeln durch Angst gesteuert ist.
Herausforderung an den Charakter
Dieses Thema ließ mich von da an nicht los, und ich folgte der Spur, die ich entdeckt hatte, um die Angst zu entlarven und meine Entscheidungen unabhängig von meinen Ängsten zu treffen: die Angst, zu scheitern, mich zu blamieren, Gottes Auftrag nicht zu erfüllen, Freunde zu verlieren oder das ganze Forum Wiedenest vor die Wand zu fahren. Mit jeder Angst, die mir bewusst wurde, wuchs der Mut. Ich versuchte, an die Stelle meiner Ängste das Vertrauen auf Gottes Möglichkeiten zu setzen. Dabei halfen mir diese Einsichten enorm: Es ist hilfreich, Macht und Aggression zu unterscheiden. Macht zu haben bedeutet nicht, mit Wut oder Ärger zu reagieren, andere zu meinen Überzeugungen zu zwingen, zu manipulieren oder Mitarbeiter als meine Diener zu verstehen. Dienende Leiterschaft ist vor allem eine Herausforderung an meinen Charakter. Auch wenn es scheinbar immer um „die Sache“ geht, mischt sich das doch gerne oft mit sehr eigensüchtigen Motiven, wie zum Beispiel dem Wunsch nach Erfolg, Lob und Anerkennung. Das Ziel von Leitung hat nichts mit meinen Bedürfnissen zu tun. Es geht um das Ziel, die Vision, den Auftrag, den wir erfüllen wollen. Dazu will ich genauso wie meine Mitarbeiter einen Beitrag leisten, mit den Mitteln und Möglichkeiten, also mit der „Macht“, die mir meine Position gibt.
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