Wir brauchen Zeit

Leitartikel

Die Spannung zwischen Leichtsinn und Vertrauen ist groß. Woran erkennt man das eine, woran das andere? Was sind die Ursachen und Auswirkungen? Am Ende ist es gar nicht so kompliziert, meint Detlef Eigenbrodt und plaudert aus dem Nähkästchen. Sein Resümee: Wir brauchen keinen Appell zum Vertrauen, sondern Zeit.

Vor vielen Jahren war ich als Geschäftsführer einer christlich-humanitären Stiftung auch für ein Projekt im Iran zuständig. Am frühen Morgen des 26. Dezember 2003 verwüstete ein Beben der Stärke 6,6 die Region um das historische Bam in der südiranischen Provinz Kerman. In der 100.000-Einwohner- Stadt an der Seidenstraße fielen die meisten Lehmziegelbauten in sich zusammen und begruben Zehntausende Menschen unter sich. Helfer bargen in den Tagen nach dem Erdbeben unzählige Leichen. Schätzungsweise 30.000 der rund 100.000 Einwohner der Stadt kamen ums Leben. Wenig später brach ich auf, um die Mitarbeiter unserer lokalen Partnerorganisation zu besuchen und zu schauen, wie die Hilfe ankommt. Für diese Reise musste ich natürlich ein Visum beantragen und den Grund meines Besuches angeben. Alles hochoffiziell. Im Iran selbst wurden wir regelmäßig überprüft, unsere Pässe gaben wir beim Check-in im Hotel ab, jeden Morgen kamen Männer welcher Behörde auch immer, die sich nach uns erkundigten, jeden Morgen freundlich verhaltenes Grüßen, jeden Morgen die unfassbar große Sorge eines mit uns reisenden kanadischen Ehepaares. Die beiden waren sicher, dass unsere Zimmer abgehört würden und wir unter ständiger Beobachtung stünden. Als wir dann von Bam zurück nach Teheran flogen und sich ein gut gekleideter iranischer Mann im Anzug und mit bestem akzentfreiem Englisch neben mich setzte, war es mit der Fassung meiner aus Kanada kommenden Begleiter zwei Sitzreihen vor uns vorbei. Sie gestikulierten panisch und gaben mir zu verstehen, unter keinen Umständen mit dem Mann zu reden. Ich tat es dennoch.

Wie konntest du nur!

Sehr angeregt kamen wir ins Gespräch, unterhielten uns über meine Heimat Deutschland, über seine, den Iran, über unsere Familien hier und dort, über die Stadt Bam, das schreckliche Erdbeben, die Zerstörung und die vielen, vielen Menschen, die gestorben waren. Wir sprachen über Hilfe, über Ängste und Sorgen, wir tauschten uns aus und genossen den respektvollen Umgang miteinander. Wirklich, ich fand die Begegnung sehr angenehm und herzlich. Nach der Landung unseres Fluges und zurück im Hotel erging allerdings ein regelrechtes Gewitter des Zorns über mich. „Meine“ Kanadier machten mir schwere Vorwürfe: „Wie konntest du nur mit diesem Mann sprechen? Wir haben dich doch gewarnt! Der war ganz eindeutig vom Geheimdienst! Du bringst unser Projekt und unsere Mitarbeiter in große Gefahr! Du bist so unfassbar sorglos! Einfach nur so unbedacht und leichtsinnig!“ Wow, das saß.

„Ich musste mich erst mal ein bisschen sammeln und fragte mich, ob sie wohl recht hatten. War ich zu sorglos und riskierte leichtfertig den Einsatz und die Sicherheit unserer Leute?“

Nichts zu verbergen

Ich musste mich erst mal ein bisschen sammeln und fragte mich, ob sie wohl recht hatten. War ich zu sorglos und riskierte leichtfertig den Einsatz und die Sicherheit unserer Leute? Oder waren sie zu besorgt und witterten hinter jeder Ecke eine Verschwörung? Wer von uns verhielt sich in der Spannung zwischen Leichtsinn und Vertrauen richtig, wer falsch? Wenn man das überhaupt beurteilen konnte. Ich hatte zwar eine Idee, warum meine Mitreisenden so verstört waren, wusste es aber letztendlich nicht wirklich. Auch deshalb nicht, weil sie mir nicht erklären wollten – oder konnten –, wie sie zu ihrer Einschätzung kamen, dass wir in Gefahr wären. Es war eben einfach so. Was ich aber wusste, war, wie ich selbst dachte: Mein Visum war hochoffiziell beantragt und ausgestellt, die iranische Botschaft in Berlin hatte mich vorab telefonisch kontaktiert und einige Fragen gestellt, meine Reiseroute war bekannt, die Hotels, in denen ich schlief, die Orte und Projekte, die ich besuchte. Und ganz sicher hatte die Behörde vorab ihre Hausaufgaben gemacht und Dr. Google nach meinem Namen befragt. Das, was der ihnen sagen konnte, wird keinen Spielraum zur Interpretation gelassen haben. Und doch hatten sie mir die Einreise erlaubt und ich war fest entschlossen, mich wie ein guter Gast zu benehmen. Also nein, ich machte mir wirklich keine Sorgen, dass irgendein gewiefter Geheimdienstmitarbeiter sich irgendwelche Informationen erschlich oder aus mir herauskitzeln konnte, die er nicht vorher schon in seinem Dossier gelesen hatte. Nur für den Fall, dass ich überhaupt von irgendeinem Interesse für den Geheimdienst gewesen wäre.

Völlig unerwartet 

Leichtsinn, so nennt man es wohl, wenn sich Menschen ohne nachzudenken in Situationen bringen, deren Ausgang mehr als ungewiss ist. Unbedacht, leichtfertig, ohne sich Sorgen zu machen, dass etwas passieren könnte. Ein bisschen so wie in diesen „Fail-Videos“, wo jemand auf einem Skateboard eine lange Treppe runterfährt und unten gegen ein vorbeifahrendes Auto prallt. Oder wie die Köchin, die während der Arbeit mit ihrem zwischen Schulter und Ohr eingeklemmten Smartphone telefoniert, das dann plötzlich wegrutscht und in die heiße Fritteuse fällt. Menschen tun Dinge in der irrigen Annahme, dass dabei nichts passieren könne. Sie machen sich keine Gedanken, denken sprichwörtlich nicht nach, sind bar aller Sorgen – eben weil sie nicht denken. Angewandt auf meinen Besuch im Iran, beschreibt das tatsächlich nicht meine Haltung und Aktion. 

Absolut nicht überrascht 

Vertrauen, das ist wohl die Haltung, wenn sich jemand mit einem oder mehreren Sachverhalten kognitiv und emotional auseinandersetzt und am Ende dieser Auseinandersetzung feststellt, dass er mehr oder weniger hilflos darin ist, etwas zu tun oder zu verändern. Dass er allein nicht zurechtkommen kann, dass er Unterstützung durch Freunde braucht, Unterstützung durch den „Zufall“ oder, wie wir Christen gern sagen, Unterstützung von Gott. Wer aber würde schon blind irgendwem vertrauen? Vor vielen Jahren habe ich mal ein kleines Mädchen, mit dessen Familie ich sehr viel Zeit verbracht habe, oben auf einen Schrank gesetzt. Die Mutter war schockiert, das Mädchen hat gekichert. Und eh ich mich versah, sprang die Kleine mit weit ausgebreiteten Armen lachend vom Schrank. Direkt auf mich zu! Ich hatte nichts gesagt, war nicht in der klassischen „Komm, ich fang dich auf“-Pose, ich stand einfach nur da und schaute zur schockierten Mutter. Und dann landete die Maus sicher in meinen Armen. Vermutlich hat sie gedacht: „Wenn der mich hier oben hinsetzt, dann wird er mich auch auffangen, wenn ich wieder runter will.“ Wir haben nichts gesprochen, weder verbal noch nonverbal kommuniziert, sie war sich einfach sicher. Weil sie mich kannte. Weil wir vertraut waren. Weil wir schon so viel Zeit miteinander verbracht hatten. Dieses Kind sprang nicht leichtsinnig vom Schrank. Es hatte Vertrauen. Und dieses Vertrauen hatte eine Basis.

„Weil sie mich kannte. Weil wir vertraut waren. Weil wir schon so viel Zeit miteinander verbracht hatten. Dieses Kind sprang nicht leichtsinnig vom Schrank. Es hatte Vertrauen.“

Die Treue testen

Interessanterweise nutzt die Bibel das Wort „Vertrauen“ gar nicht so oft, wie man vielleicht denken könnte, und in den wenigen Fällen sogar durchaus mahnend. Wie im apokryphen Buch Sirach: „Willst du einen Freund finden, so erprobe zuerst seine Treue und vertrau ihm nicht allzu rasch.“ Wie trefflich, hier sind Leichtsinn und Vertrauen in einem Satz wunderbar kombiniert! Wer allzu rasch etwas tut, nicht ausreichend überlegt und nachdenkt, sich über Folgen und Ergebnisse keine Gedanken macht, der handelt leichtfertig. Er ist eben leicht fertig mit seiner Einschätzung. Der aber, der die Treue eines Menschen erprobt, findet in dieser Treue und Verlässlichkeit seinen Grund und Boden für Vertrauen. So ist das auch mit Gott. Erst wenn wir entdeckt haben, dass er treu zu uns steht, werden wir ihm vertrauen. Erst wenn wir erlebt haben, dass sein Wort wahr und verlässlich ist, werden wir uns an ihn halten. Erst wenn wir ihn erkennen, wie er wirklich ist, werden wir in der Lage sein, uns ihm anzuvertrauen. Dieses Vertrauen braucht keinen Apell à la „du kannst dich auf mich verlassen“. Dieses Vertrauen braucht Zeit, und der Apell wird durch Sehnsucht ersetzt. Dann heißt es nicht mehr „du kannst mir vertrauen, weil ich gut bin“, sondern „ja, ich vertraue dir, weil ich dich kenne und schätze“.

Das ist genug

Hedwig von Redern (1866–1935) muss dieses Vertrauen gehabt haben, als sie ihr wohl bekanntestes Lied schrieb: „Weiß ich den Weg auch nicht, du weißt ihn wohl; das macht die Seele still und friedevoll. Ist’s doch umsonst, dass ich mich sorgend müh, dass ängstlich schlägt das Herz, sei’s spät, sei’s früh.“ Wie oft finde ich Trost und Ruhe in diesen Worten, wie oft richten sie mir den Blick aus und erinnern mich daran, dass ich Gott in meinen Sorgen vertrauen will. Er ist der Angesprochene, ihn hat Hedwig vor Augen, als sie schreibt. Ob sie so schreibt, weil man ihr gesagt hat, sie könne ihm, Gott, vertrauen? „Du weißt, woher der Wind so stürmisch weht, und du gebietest ihm, kommst nie zu spät. Drum wart ich still, dein Wort ist ohne Trug; du weißt den Weg für mich, das ist genug.“ Für mich klingt das nicht danach, als würde hier jemand dem Hörensagen nach etwas formulieren, sondern eher so, als wären die Worte aus persönlicher Erfahrung und tiefster Überzeugung zu Papier gebracht worden. 

Meine Reise in den Iran liegt lange zurück, und es folgten viele Situationen, in denen ich entschied, Gott zu vertrauen. Von außen betrachtet hätte man sicher die eine oder andere davon als puren Leichtsinn oder völlig unbedachtes Handeln interpretieren können – und manche Menschen und vermeintliche Freunde haben das wohl auch getan. Wichtig jedoch ist allein dies: Der Mensch sieht, was vor Augen ist, Gott aber schaut das Herz an.